Neubaustrecke Bahnbaustelle: Industrietaucher im Einsatz

Ulm / Julia Kling 22.11.2017
Vom Berg ins Wasser: Nach Mineuren sind jetzt Taucher an der Baustelle für die Bahnstrecke von Ulm nach Stuttgart im Einsatz, um die Unterlage für das Gleisbett zu betonieren.

Fünf Grad zeigte das Thermometer, und die Temperatur des Wassers, das in der Baugrube nahe des Hauptbahnhofs stand, war ähnlich niedrig. Marcel Hendrich ließ sich davon nicht abschrecken: Mit Neoprenanzug und Taucherhelm stieg er ruhigen Schrittes in die grünliche Brühe. Hendrich ist Industrietaucher und seine Aufgabe war es, den überfluteten Untergrund für die anstehenden Betonierarbeiten unter Wasser vorzubereiten. Inzwischen sind die Arbeiten abgeschlossen.

An der Baustelle unter der Ludwig-Erhard-Brücke entsteht derzeit auf dem Gelände der Deutschen Bahn der Trog, in dem von voraussichtlich 2021 an die Züge Richtung Stuttgart rollen sollen. „Die Arbeiten unter Wasser waren wegen der Höhe des Grundwasserspiegels nötig“, erklärt Projektleiter Dietmar Gerner. Der liege dort höher als die Sohle der Baustelle. Um im Trockenen arbeiten zu können, müsste das Grundwasser ständig abgepumpt werden, was zu einer Absenkung des Grundwasserspiegels führen würde. „Das darf aber nicht sein“, sagt Gerner.

Deshalb wurde auf einer etwa 200 Meter langen Strecke in den vergangenen Monaten hauptsächlich unter Wasser gearbeitet. „Im Juli haben wir hier angefangen“, berichtet Uwe Gabriel, Einsatzleiter des Tauchunternehmens Leunert. Zunächst räumten Bagger die Baugrube bis auf die Solltiefe von vier Metern aus. Dann reinigten die Taucher umlaufend die Spundwände, Querschotten und die Sohle, um einen dichten Anschluss des Betons an die Baugrube zu gewährleisten. Zudem wurden sechs bis zwölf Meter lange Bohrpfähle in den Boden eingebracht, auf denen der Trog später aufliegt. Bevor die Taucher die 1,60 Meter dicke Bodenplatte betonieren konnten, mussten sie zunächst Anker setzen. „Das ist reine Gefühlsarbeit“, sagt Gabriel. „Unser Taucher sieht unter Wasser keine fünf Zentimeter weit.“

Platzangst nicht dienlich

Damit Marcel Hendrich die Ankerplatten trotzdem auf die Eisenstäbe schrauben konnte, unterstützte ihn Uwe Gabriel mit einem lasergesteuerten Messgerät. „Wenn die Platte an der richtigen Stelle ist, ertönt ein Piep-Signal“, erklärt Gabriel. „Jetzt muss sich der Taucher auf sein Gefühl verlassen.“ Unter Wasser muss der Taucher alles ertasten. „Platz­angst darfst du bei diesem Job nicht haben. Um dich herum ist es einfach dunkel.“ Darum könne man solche Unterwasserarbeiten nie mit nur einer Person erledigen. „Man braucht mindestens einen Signalarbeiter, der den Funk zum Taucher hält und die Luftversorgung sichert, einen Beiarbeiter, der dem Taucher zur Hand geht sowie einen Ersatztaucher, der im Notfall ins Wasser kann“, erklärt Gabriel.

„Wichtig ist, dass du dir schon oben, bevor du ins Wasser gehst, Gedanken darüber machst, was du später zu tun hast. Das ist das Schwierigste.“ Die Taucher, die etwa gelernte Unterwasserschweißer sind oder andere handwerkliche Berufe erlernt haben, können bis zu sechs Stunden unter Wasser arbeiten. „Das kommt immer auf die Wassertiefe an“, erklärt Gabriel. Um den Temperaturen zu trotzen, komme dann eben eine Kleidungsschicht mehr unter den Neoprenanzug.

Betonfluss darf nicht abreißen

Als schließlich der Beton ins Wasser eingelassen wurde, war ebenfalls ein Taucher unter Wasser. „Er kontrollierte den Betonfluss und saugte den sich auftürmenden Schlamm ab, bevor der sich mit dem Beton vermischte“, erklärt Bauleiter Wolfgang Schwarz. „Wichtig dabei ist, dass der Betonfluss nicht abreißt.“ Dafür werde zunächst eine große Menge sehr weichen Betons auf die Sohle gepumpt. Der Schlauch bleibe anschließend ständig im Beton und pumpe das Zementgemisch weiter nach. „So entsteht eine ebene Fläche, für die keine Armierung notwendig ist“, erklärt Schwarz. Für das 70 Meter lange und 18 Meter breite Teilstück benötigten die Arbeiter 20 Stunden und 1700 Kubikmeter Beton.

Währenddessen wurde das Wasser, dass vom Beton verdrängt wird, abgepumpt und in einem Pufferbecken gesammelt. „Anschließend wurde es in einer Reinigungsanlage gefiltert, bevor es in die Kleine Blau geleitet wurde“, erklärt Projektleiter Gerner.

Der Abschnitt unter der Ludwig-Erhard-Brücke ist voraussichtlich der letzte, an dem Industrietaucher zwischen Tunnelportal und Ulmer Hauptbahnhof ihren Einsatz hatten. „Richtung Bahnhof sind wir dann über dem Grundwasser. Richtung Tunnel werden wir zunehmend in den felsigen Untergrund kommen und wohl im Trockenen arbeiten können“, sagt Gerner. Unter der Erhard-Brücke komme zunächst Tuffsand, torfhaltiges Material und Kies, bevor man auf Fels trifft. Für Marcel Hendrich und Uwe Gabriel geht es trotz winterlicher Temperaturen zur nächsten Baustelle. „Bis zu einer Wassertemperatur von ein bis zwei Grad gehen wir rein“, sagt Gabriel. Zur Not werde dafür auch ein Loch in die Eisdecke geschlagen.

Komplizierter Abschnitt

Bahn Die Arbeiten zwischen dem Tunnelportal am Kienlesberg und der Eisenbahnbrücke über die Donau zählen laut einem Bahnsprecher zu den kompliziertesten Abschnitten der ganzen Neubaustrecke. Grund sind die Gleisstrecken nach Stuttgart, Friedrichshafen und Aalen, die während der Arbeiten weiter in Betrieb sind und schrittweise verlegt werden müssen.

Taucher Sie arbeiten in Talsperren, Klärwerken oder Hafenanlagen. Industrietaucher müssen zusätzlich zu einer Fortbildung zum Taucher einen handwerklichen Beruf erlernen und körperlich fit sein, was bei einer jährlichen Untersuchung kontrolliert wird. Deutschlandweit sind rund 400 Industrietaucher aktiv.

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