Sie erscheint riesig, die neue Werksanlage auf dem Rangierbahnhof westlich der Beringerbrücke. Über 230 Meter erstrecken sich die Hallen und Verwaltungsgebäude, die in den zurückliegenden Monaten entstanden sind. In den Werkstätten sollen von Ende 2013 an Loks und Wagen der Bahn gewartet und instandgehalten werden.

Mittlerweile sind die Rohbauarbeiten beendet. In der vergangenen Woche feierten Handwerker Richtfest: Dutzende hochrangige Mitarbeiter der Bahn, des Ulmer Rathauses und anderer Behörden, Gemeinderäte und Vertreter der Wirtschaft hatten sich dazu versammelt. Besonderer Gast war Winfried Hermann, baden-württembergischer Minister für Verkehr und Infrastruktur. Hermann strich die Bedeutung heraus, die die grün-rote Landesregierung dem Ausbau von Bahnanlagen zumesse. Werde alles wie geplant umgesetzt, so sagte er, dann werde die Verbesserung der Bahninfrastruktur in den nächsten 15 bis 20 Jahren große Schwerpunkte setzen. Darunter falle auch die Elektrifizierung der Südbahn, die das Land zur Hälfte finanziere. Die Planfeststellung laufe wie erwartet; er rechne damit, dass sie 2013 abgeschlossen wird. Jetzt gehe es darum, dass sich der Bund zur Finanzierungsvereinbarung verpflichte.

Hermann hatte angesprochen, dass das Land das neue Ulmer Regionalwerk nicht mitfinanziere. Diese Vorlage griff der Ulmer Baubürgermeister Alexander Wetzig sofort auf: "Auch wenn Sie nicht gleich was mitbringen", sagte er an Hermann gewandt: Für einen Minister werde es immer teuer, wenn er nach Ulm kommt. Eine Abordnung aus Interessenvertretern des S-Bahn-Konzepts im Ulmer und Neu-Ulmer Raum werde ihn demnächst besuchen, um über das Konzept zu reden. Auch gegenüber der Bahn zeigte sich Wetzig nicht frei von Wünschen: "Wir brauchen mehr Flächen für unser städtebauliches Citybahnhofs-Projekt", sagte er.

Aus den Reihen des Bahn-Managements waren Andreas Moschinski-Wald, Vorsitzender der Regionalleitung Baden-Württemberg, und Eckart Fricke, Konzernbevollmächtigter für das Land Baden-Württemberg, präsent. Fricke hob hervor, dass sich das Projekt in die Umgestaltung des gesamten Ulmer Hauptbahnhofs einbette. Nicht nur, dass der eine siebte Zulaufstrecke erhalte: die durch einen Tunnel geführte Schnellbahntrasse. Auch ein neues Bahnhofgebäude soll entstehen und ein neuer unterirdischer Zugang zu den Gleisen.

Doch über ein wichtiges Vorhaben ist die Bahn offensichtlich nicht informiert: Der Konzern kennt das S-Bahn-Konzept für die Region Donau-Iller nicht. Das geht aus einem Schriftverkehr zwischen der DB und der Spitze der SPD-Landtagsfraktion, der Martin Rivoir angehört, hervor. "Sollte das regionale S-Bahnsystem, dessen Konzept uns im Einzelnen nicht bekannt ist, zu einem deutlichen Anstieg der Verkehrszahlen im Ulmer Hauptbahnhof führen, wäre zu untersuchen, welche eventuell erforderliche Infrastrukturanpassungen dadurch verursacht werden. Derzeit kann ich nicht beantworten, ob dazu ein weiterer Bahnsteig im Ulmer Hauptbahnhof erforderlich ist oder gegebenenfalls andere Maßnahmen wie Signalanpassungen", teilte Bahnsprecher Fricke mit. Regionale Verkehrsplaner beschäftigt die Frage, ob im Hauptbahnhof ein fünfter Bahnsteig von vornherein zwingend einzuplanen ist oder nicht. "Ich will es gar nicht glauben, dass ihm die Pläne eines S-Bahn-Konzepts für die Region Donau-Iller nicht bekannt sind", kommentiert der Ulmer SPD-Landtagsabgeordnete die Aussagen. Immerhin: Bahnsprecher Fricke kann verstehen, dass der Wegfall eines geplanten Bahnsteigs "zunächst als Einschränkung gesehen wird". Jedoch gelte es, "mehr zu betrachten als lediglich die Anzahl der Bahnsteigkanten". Die Etablierung eines regionalen S-Bahn-Netzes sei nicht nur planerisch ein separates Projekt, sondern auch in Bezug auf die Finanzierung von Zusatzleistungen in der Infrastruktur. Sollte am Ende tatsächlich ein fünfter Bahnsteig notwendig werden, "wäre dessen Finanzierung zu klären". Freilich: "Derzeit liegt uns weder eine konkrete Bestellung für die S-Bahn vor, noch kennen wir Finanzierungsvorschläge", schreibt er.

Für die Bahn und ihre Fahrleistungen sei ein fünfter Bahnsteig in Ulm nicht notwendig, teilt Fricke weiter mit. Denn so genannte Fahrbarkeitsprüfungen hätten ergeben, dass durch Optimierungen der Spurpläne, Parallel-Fahrmöglichkeiten auf den Bahnstrecken von und zu den Bahnsteigen sowie leistungsfähigere Signalisierungen die Bahnsteig-Kapazitäten erhöht werden könnten. Verkehrsminister Hermann hat Rivoir auf dessen Anfrage hin mitgeteilt, dass für die "Regio-S-Bahn Donau-Iller" dem Verkehrsministerium eine Vorstudie vorliege. An den Kosten für die derzeit laufende Hauptuntersuchung (Machbarkeitsstudie), die bis Herbst abgeschlossen sein und Aufschluss über Kosten geben soll, beteilige sich das Land. Es stehe dem S-Bahn-Projekt positiv gegenüber. Bei der zeitlichen Perspektive steht der Minister aber eher verhalten auf der Bremse. "Es ist aus heutiger Sicht offen, ob das Projekt noch in das im Jahr auslaufende Bundesprogramm für die Gemeindeverkehrsfinanzierung (GVFG) aufgenommen werden kann." Über eine Nachfolgeregelung für das GVFG-Programm - aus ihm werden Vorhaben bezuschusst, die mehr als 50 Millionen Euro kosten, günstigere Projekte werden gefördert über das ÖPNV-Landesprogramm - habe der Bund noch nicht befunden. Einen ersten Schritt in Richtung regionale S-Bahn sieht Hermann in der für Ende 2013 vorgesehenen Inbetriebnahme der Strecke Senden-Weißenhorn im bayerischen Teil der Region.