Künstlerorte Avantgarde in der Gartenlaube

Ulm / Lena Grundhuber 13.08.2018
Das bayerische Voralpenland war für die Maler des „Blauen Reiters“ Inspiration. Am Kaffeetisch in Sindelsdorf wurde eine der wichtigsten Strömungen der deutschen Moderne geboren.

Sindelsdorf kann nichts dafür. Zurückhaltender kann man als Dorf ja gar nicht liegen in so einer prachtvollen Landschaft, und müsste man die 1200-Seelengemeinde im oberbayerischen Pfaffenwinkel als Tier beschreiben, so wäre es wohl eine Stallkatze, die in der Nachmittagssonne liegt und auf die Berge blinzelt.

Nein, Sindelsdorf kann wirklich nichts dafür, dass ein paar Künstler vor gut 100 Jahren gemeint haben, ausgerechnet in der Gartenlaube vom Schreinermeister Josef Niggl eine der wichtigsten Avantgarde-Strömungen des 20. Jahrhunderts aus der Taufe heben zu müssen. Aber was soll man machen, Wassily Kandinsky hat es der Kunstgeschichte nun mal so in die Chronik geschrieben: „Den Namen ,Der Blaue Reiter’ erfanden wir am Kaffeetisch in der Gartenlaube in Sindelsdorf; beide liebten wir Blau. Franz Marc – Pferde, ich – Reiter. So kam der Name von selbst.“ Da kann man sich als Dorf halt noch so gut verstecken.

„Busseweise“ seien die Leute eine Weile lang gekommen, um sich die alte Laube auf dem Privatgrundstück anzuschauen, erzählt die Gemeinderätin Christl Hübner, die die herumstreunende Journalistin in der Sommerhitze auf ein Glas Wasser in ihren eigenen Garten einlädt. Dem Eigentümer sei das zuviel geworden, und bevor irgendjemand anderes das historische Hütterl erwerben konnte, habe die Gemeinde die Laube gekauft und ein paar Meter weiter hinten auf Gemeindegrund versetzt.

Dort steht sie am Wegesrand, renoviert vom örtlichen Schreinermeister. „Das Bankerl ist total bequem“, sagt Hübner. Kuschlig eng ist es auch darauf, man muss einander schon sehr gern haben, um da drin gemeinsam die Malerei zu revolutionieren. Laut des nicht immer hundertprozentig vertrauenswürdigen Kandinsky muss man sich aber vorstellen, dass sie hier tagten, die Macher der Ausstellungen und des Almanachs, der 1912 unter dem Titel „Der Blaue Reiter“ erschien. Er wurde eine der wichtigsten Programmschriften der Moderne, entwarf einen visionären Kunstbegriff, der von der afrikanischen Plastik bis zu Paul Cézanne, vom bayerischen Hinterglasbild bis zu Picasso und Kandinskys „Komposition V“ reichte und eine Synthese der Künste propagierte. Die Anfänge der Abstraktion in Deutschland liegen auch im beschaulichen Voralpenland.

 In Sindelsdorf brüstet man sich nicht groß damit, immerhin aber hat man eine Straße nach Franz Marc benannt, welcher in Bayern bis heute wohlgelitten ist: ein echter Münchner, immer freundlich, „und gut ausgschaut hat er auch“, wie Christl Hübner anmerkt. Sie zeigt einem den kleinen „Malerweg“ in Sindelsdorf. Eine Station ist der Ort des Hauses, in das Marc und seine Maria 1909 mit Hund und Katz einzogen. Der Ort war abgeschieden genug, für damalige Verhältnisse aber gut angebunden. Eine Stunde brauchte man zu Fuß nach Penzberg, von dort ging die Bahn nach München.

Nachdem das Paar Freundschaft mit August und Elisabeth Macke geschlossen hatte, kamen auch die gern zu Besuch: „Dann sans alle im Hütterl ghockt und ham gsunga und glacht. Mia ham natürli arban miassn“, so schilderte ein Dorfbewohner das liederliche Treiben der gar nicht so müßigen Bohemiens, die in der Laube zum Beispiel das Hinterglasmalen übten.

Nach Marcs Eintreten für die umstrittene Ausstellung der Neuen Künstlervereinigung gehörten bald Alexej Jawlensky und Marianne von Werefkin sowie Wassily Kandinsky und Gabriele Münter zum inneren Kreis. Münter hatte 1909 ihr Haus in Murnau erworben, das heute so lebensecht renoviert ist, als wäre die Künstlerin nur mal mit dem Fahrrad nach Sindelsdorf gefahren.

„So a Glump“

Den Blick auf Murnau wird der Kunstinteressierte wiedererkennen von den fast schon abstrakten Bildern, die der volkstümelnd wadlbestrumpfte Kandinsky dort malte, während Marc ein paar Kilometer weiter an seinen Tierbildern arbeitete. Auch Sindelsdorf hat Marc verewigt – der „verzauberten Mühle“ allerdings hat er einen Wasserfall angedichtet, den es laut Christl Hübner weit und breit nicht gibt.

Seinerzeit nahm man die Maler im Dorf ohnehin eher bedingt ernst. Wenn die Marcs versuchten, ihre Schulden mit Kunst zu begleichen, habe manch einer das Bild mit den Worten „so a Glump“ beiseitegestellt und sich des Objekts später entledigt, wird überliefert. Der Hausbesitzer des Bierbichler-Hauses, in dem Heinrich Campendonk, zunächst mit Helmuth Macke, als jüngstes Reiter-Mitglied wohnte, soll gar einen Schrank ins Feuer geworfen haben, auf den der Künstler „nackerte Weiber“ gemalt hatte.

In Penzberg scheint das Verhältnis zur Avantgarde noch immer gespalten. 2010 hätte die ehemalige Bergarbeiterstadt 90 Campendonk-Bilder aus dem Nachlass zukaufen können; lang genug hatte der Künstler in der Gegend gelebt und sie auch gemalt. Dann aber konnte sich die Stadt doch nicht zum Kauf durchringen, ein Sammler sprang ein, nun sind die Bilder als Dauerleihgaben da. „Man hat kein Verhältnis dazu“, sagt Museumsleiterin Gisela Geiger achselzuckend – immerhin wurde 2016 der nötige Anbau des Museums mit der inzwischen weltweit größten Sammlung von Campendonk-Werken eröffnet.

Auch das Haus in Sindelsdorf, das Campendonk bewohnte, verfällt. Womit ein Stück jenes Dorfes schwindet, das um 1911 noch malerischer gewesen sein muss. Seinen Glanz aber hat das „Blaue Land“  behalten. Immer noch liegt jene sanfte Schläfrigkeit über dem schimmernden Moos, das manche Künstler nie entließ.

Maria und Franz Marc zogen  1914 nach Ried, nicht lang bevor der Künstler 1916 im Ersten Weltkrieg fiel, Gabriele Münter gab ihr Haus auch nach dem Bruch mit Kandinsky nicht auf und rettete dort die Werke des „Blauen Reiters“ über die Nazizeit, die heute im Lenbachhaus München sind. Wer an einem Sommertag durchs blaue Land fährt, wird es mit den warmen Augen von Franz Marc sehen, der einst an Maria schrieb: „In der Ferne stampft das Kochler Zügle, das Karwendel blinkt herüber und das gute Sindelsdorf liegt brühwarm in der Sonne. Du mußt diese Gegend einmal so lieben wie ich.“

Sehenswertes im „Blauen Land“

Im Museum Penzberg – Sammlung Campendonk sind noch bis zum 16. September die sehr sehenswerten Bildwelten des Heinrich Campendonk unter dem Titel „Einfach. Magisch“ zu sehen, Di-So 10-17 Uhr.

Das Schloßmuseum Murnau beherbergt u.a. Werke von Gabriele Münter und des „Blauen Reiters“ und eine interessante Sammlung von Hinterglasbildern. Außerdem gibt es bis 11. November die „Floriade zum 25-jährigen Jubiläum des Schloßmuseums Murnau“ rund um das Thema Blumen. Di-So 10-17 Uhr, bis Ende September Sa/So bis 18 Uhr.

Das Münter-Haus in Murnau, in dem Gabriele Münter mit Kandinsky lebte, ist Di-So 14-17 Uhr und feiertags 14-17 Uhr geöffnet.

Im Franz-Marc-Museum in Kochel ist nebst der Franz-Marc-Sammlung die Ausstellung „Lektüre. Bilder vom Lesen – Vom Lesen der Bilder“ mit künstlerischen Darstellungen von privater Lektüre zu sehen. BIs 23. September, Di-So 10-18 Uhr.

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