Afrika Auswandern muss gut vorbereitet sein

Ulm / Bernd Rindle 12.06.2018
Alfred Schleicher hat in Namibia eine neue Heimat gefunden. Der Reptilien-Fachmann hat 80 Landschildkröten im Garten.

Alfred Schleicher ist gerade jenseits von Afrika. Das hat Konsequenzen: „Ich muss g’schwind zum Auto und noch einen Parkschein lösen.“ Wie groß hierzulande die Strafzettelgefahr ist, hat der Ulmer Auswanderer nach 25­ Jahren in Namibia nicht vergessen. Nicht, dass in Windhoek, wo er mit seiner Familie lebt, keine Knöllchen drohen würden: „Dort gibt es Parkuhren“. Aber auch dienstbare Menschen, die gegen ein Entgelt aufpassen, dass die Parkuhr nicht abläuft, und sie rechtzeitig mit Münzen füttern.

 Als wäre er einem afrikanischen Abenteuerroman entsprungen, erfüllt das Erscheinungsbild des braungebrannten 62-Jährigen mit seinem Vollbart und kariertem Hemd das Klischee eines kernigen Pioniers. Doch Alfred Schleicher ist mitnichten ein Heißsporn, sondern ein gebildeter, nachdenklicher Mann, der mit Bedacht redet. Er ist der Natur verbunden und dem Tierschutz verpflichtet. Auf die Jagd geht er nur im Rahmen von Fotosafaris, die er als Reiseunternehmer individuell Kleingruppen anbietet.

Weiter Wurzeln in Ulm

Der schwäbische Zungenschlag ist ihm auch nach einem Vierteljahrhundert in der einstigen deutschen Kolonie geblieben – wie ein Hauch von „Heimatgefühl“, das ihn stets überkommt, wenn er in Ulm ist. „Wenn man auch auswandert, die Wurzeln bleiben ein Stück weit da.“ Eine „sentimentale Sache“ ist das schon für ihn, nicht nur wegen seines alten Opels Olympia, den er zum 18. Geburtstag von seinen Eltern geschenkt bekam und der immer noch hier steht, weil in Namibia eher ein Landrover gefragt ist.

„Man trifft alte Freunde und Bekannte, sieht Wege wieder, die man früher oft gegangen ist und schaut sich die alten Plätze an.“ Er hält auch Vorträge über seine Wahlheimat, etwa am morgigen Mittwoch, wo er in Wiblingen über den Kavanga-Zambezi-Nationalpark referiert: mit 440.000 Quadratkilometern das zweitgrößte Landschaftsschutzgebiet der Erde. Außerdem ist der Vortragsreisende in Sachen Reptilien unterwegs, wo er nicht erst als anerkannter Experte gilt, seit er das Ulmer Aquarium und die Stuttgarter Wilhelma beraten hat.

Gelernt hat er etwas anderes. Doch die Leidenschaft des ehemaligen Krankenpflegers und Pflegepädagogen gehört Reptilien – vor allem Landschildkröten. Sein Wissen war von integrativem Wert für den Schwaben, denn in Namibia, das als „Hotspot für Landschildkröten“ gilt, war gerade eine Expertise gefragt, und die konnte er liefern. Seitdem leitet Alfred Schleicher die Reptilienfachgruppe der „Wissenschaftlichen Gesellschaft Namibias“, steht im Austausch mit der Kap-Universität und hält Vorträge in ganz Afrika. Nicht zuletzt hat er den Führer „Reptilien Namibias“ geschrieben, der auch auf Deutsch erschienen ist.

Seine Auswanderung war lange vorbereitet. „Ich habe habe als Dreijähriger meiner Mutter erzählt, dass ich irgendwann nach Afrika gehen will. Es ist wohl eine angeborene Sehnsucht.“ 20 Jahre später war es soweit: „Ich bin 1979 mit einem Landrover und meiner späteren Frau Monika, die mich immer auf allen Spinnereien des Lebens begleitet hat, nach Ostafrika gefahren.“

Es sollte nicht ihr letzter Trip auf den Schwarzen Kontinent sein. Als ihre erste Tochter zwei Jahre alt war, ging es wieder auf Reisen. „Die Sehnsucht in dieser wunderbaren Natur zu leben, auf dem Urkontinent, wo der Mensch sein Menschsein erlangte, hat mich nie mehr losgelassen.“ Auch Freunde, die das Ehepaar unterwegs gewonnen hat, haben erkannt: „Alfred, Du lebst auf dem falschen Kontinent.“

Finanzielles Polster wichtig

Das „Schlüsselerlebnis“ für die Entscheidung, Europa den Rücken zu kehren, war die Frage der Tochter, die während eines Gewitters zu den Eltern ins Bett gekrochen kam: „Gell, Papa, wir gehen doch wieder zurück?“ Ein Jahr lang zunächst immer alle drei Monate, dann für immer. Ihre zweite Tochter kam bereits in Namibia zur Welt. Sie war mittlerweile für ein soziales Jahr in Ulm, „wo es ihr gut gefallen hat“. Dennoch habe sie sich danach gefreut, wieder „zuhause zu sein“.

Der Anfang war freilich nicht einfach. Wohlweislich rät der 62-Jährige potenziellen Auswanderern, sich die Sache gut zu überlegen, nicht überstürzt zu handeln und sich bestens vorzubereiten. Im Ausland Urlaub zu machen und dort zu leben, „sind zwei paar Stiefel“, denn „nichts funktioniert so, wie man sich das vorstellt“. Ein finanzielles Polster kann nicht schaden: „Wenn man sich eine Existenz aufbaut und gleich Geld verdienen muss, ist der Druck sofort wieder da. Man muss einfach erfolgreich sein.“

Monika und Alfred Schleicher haben es geschafft, aber auch das hat gedauert: fast ein Vierteljahr, bis alles unter Dach und Fach war.“ Aber die Unsicherheit blieb, vorsichtshalber hat das Paar „eineinhalb Jahre auf ein eigenes Haus verzichtet und zur Miete gelebt“. Das Haus besitzen sie längst, und 80 Schildkröten im Garten dazu. Die Auswanderung jedenfalls „haben wir nicht bereut – keiner von uns.“ Um mit den lokalen Gegebenheiten klarzukommen, sei ein gewisses Rüstzeug nötig: Flexibilität, Lernfähigkeit, Geduld. „Die Schweizer haben die Uhr, die Afrikaner die Zeit.“

Wildromantische Natur in Botswana

Vortrag Alfred Schleichers Vortrag „Faszinierendes Botswana – wildromantische Natur, Tiere und Menschen“ findet am Mittwoch, 13. Juni, in der Akademie für Gesundheitsberufe im Kloster Wiblingen statt. 18.30 Uhr.

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