Literatur Auftakt ohne Auftakt

Da war er noch brav - Tex Rubinowitz hat mit einer unkonventionellen Lesung die Literaturwoche in Ulm eröffnet.
Da war er noch brav - Tex Rubinowitz hat mit einer unkonventionellen Lesung die Literaturwoche in Ulm eröffnet. © Foto: Volkmar Könneke
Ulm / THOMAS BLOCK 11.06.2015
Routiniert hat der Autor Tex Rubinowitz zum Auftakt der "Literaturwoche" das Podium gesprengt. Veranstalter Florian Arnold spricht von einem gelungenen Start und plant einen literarischen Förderverein.

Gegen diese Rampensau haben sie keine Chance. Als Klaus Rinkel, Vorsitzender der Museumsgesellschaft, die Literaturwoche mit einem Grußwort eröffnen will, unterbricht ihn Tex Rubinowitz mit einer ausschweifenden Diskussion darüber, ob man nun Mikrofone für seine Lesung brauche oder nicht. Als der Initiator des Festivals, Florian Arnold, zum Auftaktinterview ansetzt, klettert Rubinowitz lieber auf einen Stuhl anstatt zu antworten, erzählt von dort oben einen Schwank aus seiner Jugend, macht Witze und kumpelt mit den knapp 120 Gästen. Wenn Rubinowitz auf der Bühne steht, bleibt kein Platz für Eröffnungszeremonien, Formalitäten, Konventionen.

Man kann es ihm nicht verübeln. Der Autor, Zeichner und Musiker hat schließlich einen Ruf als Außenseiter und charismatischer Unangepasster zu verlieren - mit einem Bachmann-Preis in der Tasche, 53 Jahren auf dem Buckel und einer Ausstellung im Wiener Museum Leopold ist das gar nicht so einfach.

"Alles andere wäre ja langweilig gewesen", sagt Florian Arnold. "Tex ist genau das, was wir haben wollen - eigenwillig und unangepasst." Bei der Literaturwoche, die sich über fast drei Wochen erstreckt, solle es um die kleinen, um die unabhängigen Verlage gehen, denn: "Diese Verlage veröffentlichen Literatur noch, weil sie an die Literaten glauben, und nicht an den Profit." Den Besuchern solle so die Möglichkeit gegeben werden, Bücher abseits der Bestseller-Listen zu entdecken. Rubinowitz' neuen Roman "Irma" etwa - der ist nun zwar im großen Rowohlt-Verlag erschienen, tummelt sich aber dennoch auf Platz 39 681 der Bestseller-Liste des Versandhändlers Amazon.

"Ich war Anfang der 70er Jahre schon mal in Ulm, und zwar in Neu-Ulm", sagt Rubinowitz, denn bevor er liest, muss das schnell einleitend erzählt werden. In Lüneburg sei er als 16-Jähriger von der Schule geflogen, habe in einem besetzten Haus gewohnt und sei auf der Suche nach Geld auf Medikamententests in Neu-Ulm gestoßen. "Wir wimmerten die ganze Nacht vor Schmerzen, das brachte am meisten Geld", sagt er. Die Tests sind eine Episode auf dem Weg zu Irma, der Frau, die Rubinowitz im Wien der 80er Jahre kennenlernte, die ihn verließ und 30 Jahre später wieder über Facebook kontaktierte. Mit einem Text über Irma gewann Rubinowitz 2014 den besagten Bachmann-Preis, in seinem Roman ergründet er nun, wie er damals zu dem 22-Jährigen geworden ist, den Irma sitzen ließ.

Die Lesung in Ulm dürfte für Rubinowitz nicht so schmerzhaft gewesen sein, wie die Tests auf der anderen Donauseite. In den Räumen der Museumsgesellschaft traf er auf ein lebhaftes Publikum, das besonders die kleinen Episoden aus seinem Leben, kleine Blödeleien und Albernheiten, dankbar aufgriff. "Ein Salat ohne Dill ist wie ein Salat mit Dill, nur ohne Dill", zitiert Rubinowitz seine Arbeit als Werber, wo man viel verdiene, aber "nur Scheiße" schreibe. Die Menge lacht und meldet sich mit Zwischenrufen zu Wort.

"Die Zeit für eine Veranstaltung wie die Literaturwoche war überreif", sagt Arnold. Was 2012 als Insider-Tipp in der Griesbadgalerie anfing, ist in kurzer Zeit zu einem vorzeigbaren Festival geworden - nicht zuletzt, weil man sich in diesem Jahr dank städtischer Förderung einen Werbe-Etat und höhere Künstler-Gagen leisten kann. In Zukunft möchte Arnold noch weiter gehen und "mit den üblichen Verdächtigen" einen Förderverein gründen, der auch den Rest des Jahres Veranstaltungen stemmen kann.

Rubinowitz ist da schon wieder in seiner Wahlheimat Wien. In Ulm hat er als Störer und literarischer Entertainer Eindruck gemacht. Oder, um den Abend in seinem Sinne zusammenzufassen: Ein Auftakt ohne Auftaktrede ist wie ein Auftakt mit Auftaktrede, nur ohne Auftaktrede.

Lesungen, Kabarett, Gespräche

Autoren Am Donnerstag, 19.30 Uhr, liest der Autor Bernd Rauschenbach Texte von Arno Schmidt in der Kulturbuchhandlung Jastram. Am Freitag, 19.30 Uhr, widmet er sich dann zur selben Zeit am selben Ort seinen eigenen Werken.

Bühne Am Sonntag beehren Hanna Münch und Heike Sauer das Café Schneiderei (Schillerstraße 1) mit ihrem Literaturkabarett. Das "Teatro Caprile" gastiert am 20. Juni im "Brett am Schtoi" (Pfaffenhofen) und am 21. Juni in der Stadtbibliothek Ulm.

Verlage Die Verleger Stefan Weidle und Jörg Sundermeier plaudern am Montag im botanischen Garten (Uni Ulm) aus dem Nähkästchen. Der Jaja-Verlag stellt sich am 17. Juni unter dem Motto "Comic is Art!" in der Ulmer "Stiege" vor.

 

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