Schädelbruch, Schädelhirntrauma, angerissene Milz. Beide Schultern und mehrere Rippen gebrochen. Zahlreiche Prellungen und Hämatome, abgebrochene Zähne: Zwei Wochen lag ein Radfahrer im Sommer 2015 auf der Intensivstation, nachdem er auf der Olgastraße von einem Auto erfasst und mehrere Meter durch die Luft geschleudert worden war. Der Fahrer des BMW soll mit mindestens 102 Stundenkilometern unterwegs gewesen sein – erlaubt sind 50. Seit gestern muss sich der Mann wegen vorsätzlicher Gefährdung des Straßenverkehrs und fahrlässiger Körperverletzung vor dem Amtsgericht Ulm verantworten.

1. August 2015, kurz nach 23 Uhr, eine laue Sommernacht. Der 45-Jährige Radfahrer macht sich nach dem Feierabend-Weizen in seiner Stammkneipe in der Innenstadt auf den Heimweg. Es ist nicht weit, nur ein paar hundert Meter. Zur gleichen Zeit fahren vom Bahnhof her kommend zwei BMW auf den beiden Spuren der Olgastraße. Wie weit genau die beiden Fahrzeuge voneinander entfernt sind, darin unterscheiden sich die Zeugenaussagen. Die Frage, die Richterin und Staatsanwalt nicht direkt stellen, die aber im Raum steht: Sind die beiden BMW ein Straßenrennen gefahren? „Ich weiß, worauf Sie hinaus wollen“, sagt ein der Beifahrer im Unfallwagen – und streitet ein Rennen ab.

Klar ist: Der Unfallfahrer, der am Steuer des 280 PS starken, ge­tunten Wagens seines Vaters sitzt, befindet sich auf der Olgastraße damals vor dem anderen Auto. Er will mit seinem Bruder und einem Kumpel, die auch im Fahrzeug sitzen, in eine Shishabar. Auf Höhe des Salzstadels nimmt er den Radfahrer wahr, der die Straße überqueren will, und macht eine Vollbremsung.  „Dann hat’s einen Knall gemacht.“

Dass er damals zu schnell gefahren ist, gibt der heute 22-Jährige Angeklagte vor Gericht zu – an das warum kann er sich angeblich nicht mehr erinnern. „Ich bin direkt zu dem Verletzten und habe Erste Hilfe geleistet.“ Sein Bruder hat den Notarzt gerufen. Auch der zweite BMW sowie ein kurz hinter den beiden Autos fahrender VW Lupo hielten an der Unfallstelle an. Ob die Insassen der drei Fahrzeuge sich kannten, darüber bekommt die Richterin unterschiedliche Auskünfte. Dass dem so war, ist zumindest der Eindruck des Polizisten, der den Unfall in jener Nacht aufnahm. Denn alle bis auf den Unfallverursacher, der am Straßenrand saß, hätten auf türkisch miteinander getuschelt. „Man musste ihnen jedes Wort aus der Nase ziehen“, berichtet er. „Der Fahrer war wirklich geschockt, er saß dort wie ein Häufchen Elend und war kaum ansprechbar.“ Sichtlich gequält und mit Tränen in den Augen entschuldigte sich der 22-Jährige gestern zum ersten Mal beim Opfer: „Das alles tut mir so leid. Es hat mich sehr getroffen, jeden Tag denke ich daran.“

Unter den Folgen des Unfalls, an der er sich nicht erinnert, leidet der heute 47-Jährige noch immer. Aufgrund des Drucks zwischen den Schulterblättern kann er nicht lange sitzen, laufen oder stehen. Seine Arbeit als Servicekraft in der Gastronomie kann er erst seit drei Monaten wieder ausüben – und das nur, weil der Betrieb Rücksicht nimmt. Einen Aushilfsjob musste er aufgeben, weil er die Treppen im Lokal nicht mehr schafft. Dazu kommen Gedächtnislücken und schlaflose Nächte: „Diese Raserei auf der Olgastraße, die wird einem jetzt erst richtig bewusst.“ Wenn er das höre, komme alles wieder hoch. „Vor allem Samstagnachts.“

Fortsetzung am Mittwoch, 15. Februar, um 9 Uhr.

Starenkasten installiert


Diskussion Lange haben Stadt und Polizei diskutiert, ob an der Olgastraße ein stationärer Blitzer aufgestellt werden soll. Ausschlaggebend dafür, dass dies schließlich geschah, war der Unfall vor eineinhalb Jahren. OB Ivo Gönner sagte damals: „Man kann nur versuchen, solche Verrückten zu stellen und sie durch Führerscheinentzug aus dem Verkehr zu ziehen.“