„Nicht schweigen!“ Hans und Sophie schreiben hastig die Worte mit Kreide auf die Tafelwände, vielmals. „Nie mehr schweigen!“ Die Geschwister schreien es heraus: „Verlängert den Wahnsinn nicht, schickt eure Kinder nicht mehr in den Krieg!“

Es ist die Stunde von Hans und Sophie Scholl vor ihrer Hinrichtung in München-Stadelheim, die Udo Zimmermann und Wolfgang Willaschek (Libretto) in ihrer Kammeroper „Weiße Rose“ – nein, nicht erzählen: Sie zeigen zwei junge Menschen in Todesängsten, die aber wissen, was sie getan haben, tun wollen; Widerstand haben sie geleistet gegen den nationalsozialistischen Terror, gegen den Massenmord des Krieges. Sie haben aufgeklärt, Flugblätter verteilt, nicht geschwiegen. Kein Requiem hat Zimmermann komponiert, sondern eine Oper, die aufrüttelt. Es sind traumatische Bilder des Krieges, die Hans Scholl erinnert, Sophie beschwört die Kindheitstage, die Naturschönheit. Eine melancholische Walzer-Melodie erklingt immer wieder, tröstlich, auf der Geige. Aber das ist dann vorbei: „Nie mehr schweigen!“ Wer sie erhört? Da lärmt im Finale die Musik (in der reduzierten Fassung für Geige, Bratsche, Horn, Flöte, Schlagzeug, Klavier) laut und fratzenhaft mit einem Zitat des Nazis-Lieds „Wenn wir marschieren“. Es ist unerträglich, es ist, wie Zimmermann selbst in der Partitur seiner 1986 vollendeten, viel gespielten Oper notiert hat, „die groteske Maskerade einer erschreckend gleichgültigen Welt“. Dirigent Hendrik Haas führt das alles mit seinen Instrumentalisten eindrucksvoll auf.

Im Podium des Theaters Ulm, wo Andreea Geletu das Werk sehr intensiv und direkt mit Maryna Zubko und Joska Lehtinen inszeniert hat, stehen dann doch drei Menschen auf im Publikum, Statisten: Hans und Sophie Scholl werden wahrgenommen, bis heute. Eine graue Bühne, Tafeln, Flugblätter, Lichtbahnen, einfache graue Kleidung – mehr Ausstattung (Petra Mollérus) braucht es nicht: nur Worte, musikalisch ausgedrückte, nachhallende Emotionen. „Nicht schweigen!“, die ukrainische Sopranistin, die ausdrucksstark und rein die extremen Höhen der Partie angreifend singt, und der innerlich bewegt agierende finnische Tenor schreiben Mahnungen auch in ihren Sprachen an die Wand. Es ist nicht nur eine mahnend deutsche Geschichte.

70 Minuten, die nachwirken. Das Publikum klatschte in der Premiere sofort laut und anhaltend.