Ulm Auf jedes Kind individuell eingehen

VERENA SCHÜHLY 14.12.2013
Gemeinschaftsschule erfordert ein neues Denken von Schule. In die pädagogischen Konzepte fließen Erfahrungen aus Pisa-Erfolgsländern wie Finnland ein.

Eine Lanze für die neue Gemeinschaftsschule gebrochen hat die Erziehungswissenschaftlerin Prof. Anne Sliwka von der Uni Heidelberg bei ihrem Vortrag in Ulm. Ihr Thema war "Vielfalt und Differenzierung in der Gemeinschaftsschule". Ihr Forschungsgebiet ist die vergleichende Schulentwicklungsforschung, sie hat viel mit den in Pisa-Studien erfolgreichen Ländern Finnland und Kanada zu tun. "Von den dortigen Systemen können wir viel lernen - und die Einführung der Gemeinschaftsschule in Baden-Württemberg ist ein wichtiger Impuls in diese Richtung", machte Sliwka deutlich.

Deutschland sei gerade dabei, sich vom "Modell der Schule der Industrialisierung zu verabschieden, in der es hieß: Ein Lehrer, eine Klasse, 45 Minuten und Türe zu." Es sei wichtig, nicht nur Leistung als Ziel im Blick zu haben. Sondern es gebe, wie Sliwka betonte, zwei weitere gleichwertige Ziele: Wohlbefinden (weil das eng mit der Motivation zu lernen zu tun hat) und Chancengerechtigkeit. Schule müsse anerkennen, dass Menschen unterschiedlich sind, und das individuelle Vorwissen ernst nehmen. "Die Homogenität einer Lerngruppe ist als Idee eine Fiktion", so Sliwka weiter. Daraus folge zwingend eine Differenzierung innerhalb der Schule (nicht die der Schularten). Es gelte, für jedes Kind individuell die Entwicklungsschritte festzulegen - das führe zu einem "pluralistischen Leistungsanspruch". In anderen Ländern gibt es deshalb beispielsweise durch Kurssysteme.

"International erfolgreiche Schulen sind als professionelle Lerngemeinschaften organisiert, sie arbeiten mit systematischer Teamarbeit", sagte Sliwka weiter. "Hier hat die Gemeinschaftsschule einen echten Vorsprung vor anderen Schularten." Die Referentin ist überzeugt, dass auch die Gymnasien diesbezüglich in einigen Jahren "unter Handlungsdruck kommen".

"Wir stehen am Anfang eines Paradigmenwechsels", so Sliwka. Erfahrungsgemäß dauere es 20 bis 25 Jahre, bis sich das neue Denken durchgesetzt hat. Damit machte sie den Gemeinschaftsschulen Mut, ihren Weg fortzusetzen und durchzuhalten. In Ulm gibt es ab dem kommenden Jahr vier Gemeinschaftsschulen: Adalbert-Stifter-, Albrecht-Berblinger-, Spitalhof- und Ulrich-von-Ensingen-Schule.