Lange Jahre haben die Sicherheitsbehörden vor dem so genannten Enkeltrick gewarnt, mit dem Betrüger vornehmlich älteren Menschen die Ersparnisse abgeluchst haben. Seit 2016 gibt es ein neues Phänomen, das sich ausbreite „wie die Pest“, wie Staatsanwalt Oliver Chama sagt. Falsche Polizeibeamte haben die falschen Enkel abgelöst, was umso perfider sei, weil es insgesamt das Vertrauen in die Polizei erschüttere, sagte der Staatsanwalt gestern vor Vertretern der Medien.

Die Zahlen dazu hatte bereits am Montag die Kriminalpolizei Ulm geliefert. Von 17 Fällen im Jahr 2016 stieg die Zahl des Trickbetrugs durch angebliche Polizisten im vergangenen Jahr auf nunmehr 183 Einzelfälle an, wobei der Großteil der Fälle im Versuchsstadium stecken blieb. Dennoch haben die Täter immer wieder Erfolg. In 35 Einzelfällen hatten die Betrüger jeweils zwischen 5000 und 80.000 Euro erbeutet.

„Das ist ein neues Phänomen“, sagte Staatsanwalt Chama, bei der die Angst der Menschen vor Einbrechern ausgenutzt werde. In jüngster Zeit habe sich immer mehr ein Vorgehen herauskristallisiert, bei dem sich der Anrufer als Polizeibeamter ausgibt, der vor einer durch andere Ermittlungen sichergestellte Einbruchsliste warnt, auf der auch die betreffende Adresse stehe. Weil akute Gefahr bestehe, so der Trick weiter, sollten die Angerufenen die Wertsachen an einen Polizeibeamten übergeben, der sie verwahre und in Sicherheit bringe. Diese Boten werden „Läufer“ genannt und sind Teil des organisierten Verbrechens.

Am 24. Februar sind in Ulm gleich zwei ältere Damen Opfer solcher falschen Polizisten geworden. In einem Fall hat eine 78-Jährige ihre Wertsachen und Bargeld – weil es den Angaben nach schnell gehen sollte – in einer Tüte durch das Fenster auf die Straße gereicht und 7200 Euro verloren. In einem anderen Fall war eine 82-jährige Frau betroffen, die ihren Schmuck und Bargeld in einem Karton überreichte und etwa 6000 Euro verlor. Vereinzelt seien mit dieser Methode auch schon falsche Staatsanwälte aufgefallen, sagte der richtige Staatsanwalt Chama.

Die Hintermänner werden dabei in überwiegender Zahl in der Türkei vermutet, die hochprofessionell vorgehen sollen. „Sie sprechen perfekt deutsch und haben auch das nötige technische Know-how“, ergänzte der Leitende Oberstaatsanwalt und Behördenleiter Christof Lehr. Tatsächlich erscheint bei dem Anruf aus dem Ausland auf dem Display des Angerufenen in Deutschland die Notruf-Nummer 110, was einen offiziellen Eindruck erweckt und die Opfer zunächst in Sicherheit wiegt.

Diese Anrufe gehen nur auf Festnetz-Anschlüssen ein und erreichen fast ausschließlich ältere Menschen mit „alt klingenden Vornamen“, wie Lehr sagt. Der entstandene Sachschaden ist enorm, das Polizeipräsidium bezifferte ihn anfangs der Woche auf rund 300 000 Euro im vergangenen Jahr. „Dabei handelt es sich nicht um Gelegenheitstäter. Die sind geschult und erscheinen am Telefon sehr nett und seriös“, sagt Chama, nach dessen Aussage es zwar gelinge, gelegentlich einen der Läufer, aber leider viel zu selten die Hintermänner und Drahtzieher festzunehmen.

Die Masche mit den falschen Polizeibeamten hat im vergangenen Jahr den so genannten Enkeltrick weitgehend abgelöst. Die hatten ihren Höchststand mit 169 Fällen im Jahr 2015 und sind auf 95 im vergangenen Jahr geschrumpft. „Das läuft immer in Wellen ab“, sagt Chama.

Neues Gesetz zur Vermögensabschöpfung


Einziehung Seit dem 1. Juli vergangenen Jahres ist das neue Gesetz zur Vermögensabschöpfung, das eine hocheffektive Methode sei und eine wahre „Superwaffe“ gegen die organisierte Kriminalität, in Kraft, wie Staatsanwalt Oliver Chama sagt. Wurde davor bei einem Straftäter Geld gefunden, dessen Herkunft unklar war, hatte der Staat kaum Möglichkeiten, dies zu beschlagnahmen. Seit dem vergangenen Sommer reicht der begründete Verdacht, dass das Geld aus einer Straftat stammt, um es einziehen zu können. Entweder wird es den Opfern zurückgegeben oder fällt darüber hinaus an die Staatskasse.