Theater Ulm Ulmer Theater: Rückblick auf von Studnitz’ Inszenierungen

Magdi Aboul-Kheir 04.01.2018
„Die lächerliche Finsternis“ ist Andreas von Studnitz’ letzte Inszenierung als Intendant am Theater Ulm. Wir blicken auf seine Regie-Arbeiten seit 2006 zurück.

Das Publikum sitzt auf der Bühne und wird durch den Abend gefahren. Wenn „Die lächerliche Finsternis“ heute am Theater Ulm Premiere feiert, hat sich Andreas von Studnitz einen Kniff ausgedacht: einen Perspektivwechsel, unmittelbares Erleben ermöglichend. Mit 99 Plätzen ist es eine Podiums-­Produktion, doch geht sie im Großen Haus über die Bühne – im wahrsten Sinne des Wortes.

Es ist von Studnitz’ letzte Inszenierung als Intendant in Ulm, „Auf die Zwölf“ lautet das Saison-Motto. 50 Mal hat er seit 2006 hier Regie geführt – und immer mal wieder einen besonderen Zugriff gewählt. Da war der Gag mit den Stummelbeinen in „Pension Schöller“ (2007), da waren die Masken in Hebbels „Nibelungen“ (2008) und in „Ödipus“ (2009), da waren die Ulmischen Doppelgängerfiguren in „Orpheus in der Unterwelt“ (2011).

Diese Offenbach-Operette war nicht der einzige Studnitz-Abend, für den es kräftig Schelte gab. Die Märchen „Alice im Wunderland“ (2010) und aktuell „Schneewittchen“ kamen nicht sonderlich gut an, „Im Namen von“ (2015) bot einen fragwürdigen Religionsdiskurs. Den gerade mal einstündigen „Faust II“ (2007) im Podium fanden viele Zuschauer läppisch, die „Herzalarm“-­Abende (2010, 2011) mochten vor allem Freunde des Klamauks.

Natürlich wurde auch starkes Theater geboten, „Ghetto“ (2012), „Tartuffe“ (2013) und „Die Bakchen (Pussy Riot)“ (2015) etwa. Etliche Klassiker kamen auf die Bühne: von der „Orestie“, mit der von Studnitz 2006 losgelegt hatte, bis zu „König Lear“ in der vergangenen Spielzeit. „Nathan der Weise“ (2012) und „Dantons Tod“ (2013) zeigte er im Podium, auch dort inszenierte er fleißig.

Fünfmal führte er Regie auf der Wilhelmsburg. Vom „Faust“ anno 2007 blieb vor allem Christel Mayr als Mephisto mit Akkordeon in Erinnerung, der „Sommernachtstraum“ überstand vor zwei Jahren ein Premieren-­Unwetter. „Die Jungfrau von Orleans“ (2009) und „Cyrano de Bergerac“ (2011) kamen auf der Burg gut an, ebenso „Der Hauptmann von Kö­penick“ (2013)  – in der Hauptrolle glänzte Jörg-­Heinrich Benthien, der dann vor eineinhalb Jahren viel zu früh verstorbene Schauspieler.

Schauspiel-Regisseur von Studnitz wagte sich in Ulm auch ans Musiktheater, erstmals vor acht Jahren mit Verdis „Maskenball“, zuletzt war 2016 Donizettis „Liebestrank“ dran. Und er suchte andere Spielorte, etwa die Pauluskirche, wo „Die schlimme Botschaft“ (2010) zu sehen war.

Der gelernte Schauspieler stand auch immer wieder selbst auf der Bühne, gleich 2006 als Bassa Selim in „Entführung aus dem Serail“, diese Saison in „Dog­ville“. Und das Musical „Rock of Ages“ kommt ja noch, quasi als Abschiedsvorstellung im Juni. Doch jetzt lädt von Studnitz erst mal die Zuschauer auf die Bühne.

Heute ist Premiere: „Die lächerliche Finsternis“

Schauspiel „Die lächerliche Finsternis“ nach Wolfram Lotz’ Hörspieltext feiert heute, Donnerstag, 19.30 Uhr,  „als Podiums-­Inszenierung auf der Bühne des Großen Hauses“ Premiere. Der schillernd-ironische Text ist von Joseph Conrads Roman „Herz der Finsternis“ und dem Film „Apocalypse now“ inspiriert. „Die lächerliche Finsternis“ wurde von „Theater heute“ zum „deutschsprachigen Stück des Jahres 2014“ gekürt. Die Uraufführung am Wiener Akademietheater wurde als „Inszenierung des Jahres“ ausgezeichnet, zum Berliner Theatertreffen und den Mülheimer Theatertagen eingeladen.

Handlung Ein somalischer Pirat steht in Hamburg vor Gericht, um sich zu rechtfertigen. In den Regenwäldern Afghanistans fährt derweil ein Hauptfeldwebel den Hindukusch aufwärts, auf der Suche nach einem durchgedrehten Oberstleutnant, den er exekutieren soll. Er dringt immer tiefer in die Wildnis ein und entfernt sich dabei zusehends von der vermeintlichen Zivilisation.

Inszenierung Intendant Andreas von Studnitz hat sich für seine letzte Regie-Arbeit am Theater Ulm etwas Besonderes ausgedacht: Die Zuschauer sitzen auf der Bühne. Auf einer Drehscheibe platziert, fahren sie nach allen Richtungen durch den Bühnenraum. Gleichzeitig dreht sich die Scheibe immer wieder – langsam – um 360 Grad. Raum und Kostüme hat Mona Hapke gestaltet.

Besetzung Aglaja Stadelmann, Stefan Maaß, Benedikt Paulun, Beatrice Panero, Christel Mayr, Julia Baukus, Andreas von Studnitz, Andreas Pilchowski.

Dauer der Aufführung Eine Stunde, 50 Minuten. Keine Pause.

Nachtkritik Rund eine Stunde nach Ende der Aufführung steht eine Kurzkritik unter swp.de