Fünf Monate müsse man schon auf einen Termin warten, sagt die Arzthelferin eines Dermatologen in Ulm am Telefon. Und spendet gleich Trost: „Immerhin nehmen wir noch neue Patienten auf!“ Eigentlich könnte sie pro Viertelstunde nur zwei Patienten in den Kalender schreiben, aber derzeit seien es drei bis vier. „Wir müssen bremsen“, sagt die Arzthelferin. „Irgendwie gibt’s zu wenige Praxen, alle sind dermaßen überlaufen.“ Seit 40 Jahren arbeite sie in einer Hautarzt-Praxis, „aber so heftig war’s noch nie“.

Das Gespräch ist kein Einzelfall. Wir haben uns mit folgender Geschichte um einen Termin beim Hautarzt bemüht: „Mein Hausarzt hat eine auffällige Stelle am Schienbein festgestellt und geraten, sie vom Hautarzt anschauen zu lassen.“ Wer dann bei Ulmer und Neu-Ulmer Dermatologen als Kassenpatient um einen Termin bittet, muss zwei bis fünf Monate warten. In einer Praxis bekommt man einen Termin in acht Wochen und erfährt: „Das ist schnell, es gibt sonst Wartezeiten bis weit in den Herbst hinein.“

Was sagt die Statistik?

60 Prozent der Patienten bekommen in Deutschland innerhalb einer Woche einen Arzttermin, hat die Kassenärztliche Bundesvereinigung für 2018 ermittelt. 16 Prozent der Kassenpatienten und 10 Prozent der Privatpatienten mussten aber eine Wartezeit von mehr als drei Wochen in Kauf nehmen.

Die Tendenz ist nicht gut

Hatten Patienten ein dringendes Anliegen oder akute Beschwerden, bekamen 53 Prozent sofort einen Termin oder kamen ohne Voranmeldung in die Praxis. Aber: Fast jeder dritte Befragte gab an, dass er auch mit akuten Beschwerden länger als drei Tage auf eine Behandlung warten musste. Bei elf Prozent dieser Gruppe war dies beim Hausarzt der Fall, bei stattlichen 61 Prozent beim Facharzt – damit sind wir beim Thema.

Vor allem ist die Tendenz negativ. Vor zehn Jahren waren es lediglich neun Prozent aller Patienten, die länger als drei Wochen auf einen Termin beim Haus- oder Facharzt warten mussten.

Längere Wartezeit bei Fachärzten

Die Wartezeiten müsse man ins Verhältnis zu der Dringlichkeit des Termins setzen, sagt Kai Sonntag, Pressesprecher der Kassenärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg. Die Versorgung der Bevölkerung sei keinesfalls gefährdet, betont er, „und im internationalen Vergleich würden sich viele unserer Zustände wünschen“. Aber es stimme: „Bei Fachärzten haben die Wartezeiten zugenommen.“ Und: „In einigen Fachgruppen sind sie zu lange.“ Hautärzte gehören dazu.

Grundsätzlich sind die Wartezeiten „die Folge des Auseinanderklaffens von Angebot und Nachfrage“, erklärt Sonntag. Ist die Nachfrage zu hoch oder das Angebot zu niedrig? Das könne man unterschiedlich bewerten. So oder so, die künstliche Verknappung des Angebot sei Folge der Politik: Die Zahl niedergelassener Ärzte wird aus Kostengründen begrenzt.

Rechnerisch zu viele Hautärzte in Ulm und Neu-Ulm

So könnte sich derzeit in Ulm kein Hautarzt niederlassen. Rechnerisch herrscht in Ulm sogar eine beträchtliche Hautarzt-Überversorgung: Gemäß Arzt-Einwohner-Verhältnis liegt Ulm bei 153 Prozent. Es sind zwölf Hautärzte, die sich auf neun hautärztliche Kassensitze verteilen. Inklusive Alb-Donau-Kreis beträgt der Wert 118 Prozent. Das sei natürlich nur Statistik und Politik, sagt Sonntag. Im Landkreis Neu-Ulm (sieben Hautärzte) beträgt der Versorgungsgrad 125 Prozent.

Warum muss man dann monatelang auf einen Termin warten? Sonntag: „Die konkrete Situation vor Ort kann ganz anders sein.“

Keine Anreize durch Budgetbegrenzung

Eine Rolle spielen die Budgetbegrenzungen: Ein Arzt wird pro Quartal nur für eine bestimmte Patientenzahl bezahlt – kein Anreiz, neue Patienten aufzunehmen. Außerdem spezialisieren sich auch Fachärzte immer weiter. „Das erschwert die Basisversorgung“, weiß Sonntag.

Was die Patienten betrifft, sieht Sonntag eine Tendenz zur Mehrfach-Arztbesuchen: „Man kann fragen, ob das immer notwendig ist?“ Außerdem könnten heute viele mehr Behandlungen und Eingriffe in den Praxen ambulant durchgeführt werden: „Also gibt es mehr Druck aufs ambulante System.“ Zudem gingen viele Patienten gleich zum Facharzt, auch wenn der Hausarzt die Behandlung vornehmen könnte.

Akute Termine ohne Wunschzeit und Wunscharzt binnen vier Wochen

Wer keinen Termin bekommt, kann sich seit drei Jahren an regionale Terminservicestellen der KV wenden. Diese müssen bei dringenden Angelegenheiten einen Termin in maximal vier Wochen organisieren – aber nicht zu Wunschzeiten und auch nicht beim Wunscharzt. Ab 2020 sollen auf diesem Weg auch Akuttermine vergeben werden. Und die Servicestellen müssen dann rund um die Uhr besetzt sein, auch am Wochenende (bislang: Mo-Do 8-16, Fr 8-12 Uhr).

Durch das neue Terminservicegesetz sollen künftig noch mehr Arzttermine so vergeben werden. Ob das eine Verbesserung bringt? Sonntag bezweifelt das: „Dadurch gibt es ja nicht einfach mehr freie Termine.“ Auch dass Ärzte fünf Wochenstunden mehr für Akutpatienten anbieten müssen, werde keinen Effekt haben. Auch die erweiterte „Offene Sprechstunde“ betrachtet Sonntag ebenso zurückhaltend. Und was geplante Budget-Erleichterungen angeht, sei der bürokratische Aufwand so groß, dass der Effekt fraglich sei.

Telefon-Versuch: Termin in Neu-Ulm für kommende Woche

Bei unserem Telefon-Versuch bekamen wir in einer Neu-Ulmer Hautarztpraxis dann doch tatsächlich in der kommenden Woche sogar zwei Termine angeboten. „Da hat jemand abgesagt. Aber Sie wissen schon“, relativiert die Arzthelferin, „dass Sie da Glück haben.“

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Auch DocDirekt ist eine Option


Termine Was rät Kai Sonntag, Pressesprecher der Kassenärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg, Patienten? 1. Zunächst den Hausarzt aufsuchen. 2. Sich erst selbst um einen Termin kümmern, nicht gleich über die Terminservicestelle gehen. 3. Die Diagnose vom Online-Arzt „DocDirekt“ in Anspruch nehmen – die auf diesem Wege vermittelten Telefon- oder Videogespräche können tatsächlich „viel abräumen“, sagt Sonntag.