Das Bahnprojekt Stuttgart 21 rückte ein Lebewesen in den Blickpunkt, das bis dahin ein eher unbeachtetes Dasein geführt hatte. Als das Insekt von Kettensägen und Baggerschaufeln in seinem angestammten Lebensraum am Stuttgarter Hauptbahnhof bedroht war, nahm plötzlich alle Welt, zumindest jedoch die baden-württembergische, Notiz vom Juchtenkäfer. Er avancierte zum Wappentier der S 21-Gegner.

Die kleine Zauneidechse dürfte kaum so groß rauskommen wie der noch viel kleinere Juchtenkäfer. Doch auch sie muss umziehen. Zumindest jene Exemplare, die am Neu-Ulmer Muthenhölzle just auf dem Gelände leben, auf dem die Stadt eine Sporthalle bauen will. Weil bei solchen Vorhaben immer auch der Artenschutz eine Rolle spielt, gab es schon eine Begehung. Und siehe da: Es tummelten sich Zauneidechsen.

Ob es 100 sind oder 10 oder gar nur eine, spielt unter Artenschutzgesichtspunkten überhaupt keine Rolle, erklärte Fredegart Blaschke von der Abteilung Stadtplanung den Stadträten im zuständigen Ausschuss. Die Stadt sei verpflichtet, die Tiere zu schützen. Geschieht ihnen durch die Bauarbeiten irgendein Leid, ist das ein Straftatbestand.

Die Zauneidechsen müssen deshalb umgesiedelt werden, bevor die Bagger anrücken. Aber was, wenn die Eidechsen Eingewöhnungsschwierigkeiten bekommen, wenn sie fremdeln und das Heimweh sie plagt, wenn sie also auf kurzen Beinen flink zurücklaufen wollen zu ihren alten Unterschlüpfen? Nun, auch für einen solchen Fall muss die Stadt Vorsorge treffen. Die Baustelle wird deshalb mit einem mindestens 50 Zentimeter hohen Amphibienzaun umgeben, den die Zauneidechsen trotz oder gerade wegen ihres Namens nicht überwinden können. Vor Baubeginn muss das Gelände von Hand freigemacht werden, wie es in der Verwaltungsvorlage heißt. Die Eidechsen werden eingesammelt, sofern sie nicht von selbst fliehen, ihre alten Unterschlüpfe werden beseitigt.

Viel Zeit bleibt dafür nicht. Nur zwischen 7. April und 15. Mai dürfen die städtischen Mitarbeiter den Zauneidechsen am Muthenhölzle zu Leibe rücken. "In dieser Zeit sind sie nach dem Winter schon wieder mobil, haben aber noch keine Eier abgelegt", erklärte Blaschke.

Die Stadt Neu-Ulm lässt sich den Schutz der Reptilien durchaus etwas kosten. Allein für den Zaun muss sie rund 700 Euro ausgeben. Eine lohnende Investition, findet Fredegart Blaschke: "Wir können den Zaun wiederverwenden." Denn: Die Zauneidechse ist überall.