Ulm / Jana Zahner Beim Kunstworkshop „Art Night“ malen die Teilnehmer bekannte Werke nach. Kann man an einem Abend zum Nachwuchskünstler werden?

Im Ulmer Café Einstein ist eingedeckt. An diesem Abend liegen jedoch nicht Messer und Gabel auf den Tischen, sondern Staffeleien, Pinsel, Bleistifte und Spachtel. Etwa 20 Männer und Frauen starren abwechselnd konzentriert auf ihre Leinwände und auf eine Kopie des „Blumenwerfers“ von Streetartkünstler Banksy - das Motiv des Abends. „Ich kann eigentlich gar nicht malen“, sagt der 30-jährige Thomas Spring. Auch die meisten anderen Teilnehmer des Kunstworkshops „Art Night“ bezeichnen sich als Laien, die selten oder nie zu Hause malen.

Trotzdem soll am Ende des Abends jeder von ihnen ein Kunstwerk mit nach Hause nehmen: Das verspricht zumindest das Unternehmen „Art Night“, ein Berliner Start-Up, das durch die Vox-Sendung „Die Höhle der Löwen“ bekannt wurde. Ohne Malerfahrung innerhalb weniger Stunden das Meisterwerk eines weltbekannten Künstlers kopieren – wie soll das gehen? Das scheinen sich einige im Café Einstein zu fragen. „Vielleicht hänge ich mein Bild lieber in den Keller“, sagt eine junge Frau pessimistisch, während sie ihre ersten Striche mustert.

Streetart zum Abpausen

Martina Saur aus Günzburg führt die Maltechniken Schritt für Schritt vor. Sie ist eine von vier Künstlerinnen, die in Ulm regelmäßig für „Art Night“ Malabende in verschiedenen Restaurants oder Cafés leiten.

Schritt eins: Die Vorlage wird hinter die Leinwand geklebt. Eine Leselampe sorgt dafür, dass das Motiv durchscheint und mit Bleistift abgepaust werden kann. Klingt simpel, ist aber gar nicht so leicht. Die Nachwuchs-Banksys versuchen hektisch, die Lampen in die richtige Position zu schieben, ohne dabei Wein- oder Biergläser umzukippen. Das ist das Konzept von „Art Night“: malen, dabei etwas trinken und Leute kennenlernen. „Es geht einfach darum, einen schönen Abend zu verbringen“ sagt Saur.

Nach und nach erscheint die Silhouette von Banksys „Blumenwerfer“, einem Demonstranten, der statt Steinen einen Strauß wirft, auf den Leinwänden. Danach wird der Hintergrund mit durchscheinender weißer Strukturpaste gespachtelt. „Es soll aussehen wie eine Steinwand“, sagt die Kursleiterin. Die muss trocknen, bevor die Skizze mit Acrylfarben ausgemalt wird. „Ein bisschen wie Malen nach Zahlen“, sagt Saur.

Unternehmen „Art Night“ wurde 2016 gegründet

Nur zwei Jahre nach der Gründung ist „Art Night“ in sechs Ländern und 50 Städten aktiv. Beliebte Motive, wie Banksys „Blumenwerfer“ oder Porträts von Frida Kahlo, sind teilweise Monate vorher ausverkauft. Warum macht man nicht einfach einen Volkshochschulkurs?

„Dafür braucht man doch Talent“, sagt eine Teilnehmerin. „Und abpausen darf man auch nicht“, ergänzt ihre Begleiterin. Für die „Art Night“ benötige man keine Vorkenntnisse, sagt Saur. „Ich erkläre auch Grundlagen.“ Natürlich kann man nicht an einem Abend zum Malprofi werden. Das scheint aber auch keiner der Teilnehmer zu erwarten. Saur zeigt einfache Tricks, die funktionieren. Zum Beispiel, wie man mit einem feinen Pinsel filigrane Blütenblätter auf die Leinwand druckt.

Tatsächlich: Nach einigen Stunden haben die Teilnehmer passable Werke vor sich. Banksys „Blumenwerfer“ ist auf allen Leinwänden gut zu erkennen, trotzdem ist jedes Bild ein bisschen anders als die Vorlage. Ein Maler hat dem Demonstranten statt einen Blumenstrauß eine Fischgräte in die Hand gemalt.

Viele Teilnehmer wirken von ihrem eigenen Können überrascht. „Vielleicht hänge ich mein Bild doch nicht in den Keller“, sagt die junge Frau zufrieden.

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