Armutsrisiko Armut in Ulm: Mehr als jeder Zehnte ist betroffen

Armut ist auch in Ulm kein Fremdwort.
Armut ist auch in Ulm kein Fremdwort. © Foto: Archiv
Ulm / Verena Schühly 01.11.2018
Mehr als jeder Zehnte ist betroffen: 13,6 Prozent der Einwohner. Bei Kindern liegt die Zahl noch höher: 28,7 Prozent sind bedürftig oder armutsgefährdet.

Armut ist in Ulm kein Fremdwort. 13,6 Prozent der Bürger sind entweder arm oder armutsgefährdet. Das geht aus dem aktuellen Armutsbericht hervor, der jetzt im Jugendhilfeausschuss des Gemeinderats vorgestellt wurde. In absoluten Zahlen: Von insgesamt 126 371 Ulmern sind es 17 138 Personen. Binnen Jahresfrist ist diese Zahl minimal zurückgegangen, 2016 lag die Quote bei 13,9 Prozent.

Wie die städtische Sozialplanerin Andrea Janisch erläutert, sind in die Berechnungen mehrere Faktoren eingegangen. Einerseits die Zahl der Menschen, die staatliche Unterstützung wie Sozialhilfe, Arbeitslosengeld oder Wohngeld bekommen. Diese Zahl ist gesichert: Es waren 10 833 Personen im Jahr 2017.

Dazu kommen die Menschen, die zwar Anspruch auf solche Leistungen hätten, diese aber nicht beantragen. Ihr Anteil lässt sich nur schätzen, er liegt nach Angaben von Fachleuten bei 6305 Personen für Ulm, die arm oder von Armut bedroht sind.

Laut Andrea Janisch sind es folgende Gruppen, die ein höheres Armutsrisiko haben: Familien mit drei und mehr Kindern, Alleinerziehende, Arbeitslose und Menschen mit Migrationshintergrund. „Wir wissen auch: Je länger die Menschen von staatlichen Unterstützungsleistungen abhängig sind, desto schwerer wird es, die Spirale zu durchbrechen.“

Einen Schwerpunkt ihres Berichts legte die Sozialplanerin auf Kinderarmut. „Jedes fünfte Kind, das in Ulm aufwächst, bezieht Sozialleistungen. Wenn man die verdeckte Armut hinzurechnet, ist es mehr als jedes vierte Kind“, machte sie deutlich. Konkret sind es 28,7 Prozent aller Ulmer unter 15 Jahren (18 Prozent bekommen Sozialleistungen plus 10,7 Prozent verdeckte Armut). Im Jahr 2016 lag die Quote geringfügig höher bei 28,9 Prozent.

Vor einem Jahr hatte der Gemeinderat deshalb 19 Handlungsempfehlungen beschlossen, um betroffene Familien besser zu unterstützen. Andrea Janisch ging daher auf die Fortschritte ein, die seither gemacht wurden. Zum Januar wird es eine zusätzliche halbe Stelle für eine Familienhebamme geben. Sie unterstützt das Team von sechs Familienhebammen und zwei Familien-Gesundheits-Kinderkrankenpflegerinnen, die insbesondere Risikofamilien intensiver betreuen. Das Konzept greift nach Janischs Angaben gut.

„Nestwerk“ gut angelaufen

Gleiches gilt für das Programm „Nestwerk“, das im Januar 2018 gestartet ist. Eltern mit neugeborenen Kindern bekommen eine so genannte Nestcard. Mit ihr können sie beim Besuch von Familienkursen Punkte sammeln für Prämien. „Das ist ein guter Anreiz“, sagt Janisch. Prämien sind beispielsweise Familienkarten für Donaubad, Tiergarten, Kasperletheater, Museum oder aber Familienspiele.

Eine andere Erfahrung: Es gibt in Ulm genügend Angebote – so machen beispielsweise 30 Einrichtungen bei der Nestcard mit –, aber es hapert an der Bekanntheit. Janisch: „Es gilt, Betroffene aktiv auf Angebote hinzuweisen.“

Auch in den Kitas und Schulen versucht die Kommune, Kinder und deren Eltern möglichst frühzeitig zu unterstützen, beispielsweise durch Programme wie Sprachförderung, Schulfrühstück an Brennpunktschulen, den Ausbau von Familienzentren und Mutter-Kind-Treffs mit sozialpädagogischer Betreuung.

Manchmal aber ist hinsichtlich der Umsetzung Geduld gefragt, sagt die städtische Sozialplanerin: „Natürlich wäre es sinnvoll, Kinder aus Problemfamilien möglichst frühzeitig in Kitas zu bekommen. Allerdings fehlen uns dazu derzeit schlicht noch die U3-Plätze.“ Da muss die Ausbauoffensive der Stadt erst abgeschlossen werden.

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Situation der Asylbewerber

Statistik Die Zahl der Geflüchteten, die in Ulm Zuwendungen nach dem Asylbewerberleistungsgesetz beziehen, ist im vergangenen Jahr gesunken: Von 1393 Personen in 2016 auf 719 in 2017. Der Rückgang hat mehrere Gründe, wie Andrea Janisch erläutert: Zum einen haben 373 Menschen die Stadt verlassen, weil sie entweder abgeschoben wurden oder freiwillig ausgereist sind. Darüber hinaus aber haben rund 100 Personen inzwischen Arbeit oder einen Ausbildungsplatz gefunden und können daher selbst für ihren Lebensunterhalt sorgen. „Es ist eine erfreuliche Entwicklung, dass viele von ihnen das Bestreben haben, hier Fuß zu fassen und dafür selbst etwas zu tun“, sagt die Sozialplanerin. Allerdings schafften das nicht alle. Um diese Hürde zu nehmen, müssten die Menschen gut unterstützt werden.

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