Führung Architektonisches Schmuckkästchen - 40 Jahre Sanierungstreuhand Ulm

Ulm / Rudi Kübler 12.06.2017

Rabengasse 13, das Haus, das Hermann Brachmann nicht nur Nerven kostete. Um ein Haar wär’s um den damaligen Geschäftsführer der Sanierungstreuhand geschehen gewesen. Die Geschichte geht so: Irgendwann Ende der 80er Jahre hatte Brachmann das Gebäude, das aus dem 15. Jahrhundert stammte, untersuchen wollen. Abbruch oder Sanierung? Der Boden im Wohnzimmer beant­­­wortete die Frage: Brachmann steckte plötzlich bis zur Hüfte im Boden, „drunter war das Lager mit leeren Flaschen“. Böse, sehr böse hätte das enden können . . .

Tour Wer Hermann Brachmann auf seiner Tour durch die Sanierungsgebiete begleitet, braucht Stehvermögen. Weil der ehemalige Obersanierer zu fast jedem Haus auch eine Anekdote parat hat. Wie die vom Haus Kohlgasse 20, eine Adresse, die es über Ulm hinaus zu ziemlichem Ruhm und Brachmann „schlaflose Nächte“ gebracht hat. Um das jetzt nicht falsch zu verstehen: Nicht das „Aquarium“, die frühe Heimstatt des schwulen Ulms, ließ ihn wach liegen, sondern die Bewohner des obersten Stockwerks, die im Keller illegalerweise Strom abzapften und Leitungen durchs Treppenhaus führten. „Ich war froh, als die endlich draußen waren.“

Miserable sanitäre Verhältnisse

Zwei Dutzend Interessierter führte Brachmann am Samstagnachmittag durch die Kohl- und Rabengasse und ins Quartier Auf dem Kreuz; eingeladen dazu hatte die Sanierungstreuhand anlässlich ihres 40-jährigen Bestehens. Mit dabei auch Dirk Feil, sein Nachnachfolger im Amt, der wie die anderen Teilnehmer staunte über Zahlen und Fakten. Oder über Plätze, die man bislang nicht wahrgenommen hat, weil sie nicht auf der persönlichen Rennstrecke liegen. So über den Platz, den die SAN zwischen Herrenkeller- und Kohlgasse geschaffen hat. „Das Areal war total überbaut, wir haben es entkernt.“ Heute stehen dort drei moderne Häuser, daneben gibt es Grün. „Wir haben immer versucht, grüne Inseln, grüne Lungen ins Spiel zu bringen.“

Ohne Anschluss Wie wichtig die Arbeit der SAN war, zeigt die Ausgangslage in den 60er Jahren. Nicht nur, dass viele Häuser nördlich des Münsters und Auf dem Kreuz eine marode Bausubstanz aufwiesen, von den sanitären Verhältnissen ganz zu schweigen. Bäder und Toiletten auf den Treppenabsätzen, ja, es gab sogar Häuser, die nicht an die Kanalisation angeschlossen waren. Wer dort lebte? Zurückgeblieben waren in diesen Vierteln vor allem alte Leute, Menschen, die sich die Sanierung der Häuser aus eigener Kraft nicht leisten konnten. Und natürlich Menschen mit Migrationshintergrund, Gastarbeiter. „Ihr Anteil betrug im Gebiet Stadtmitte/Münster 35 Prozent, Auf dem Kreuz waren es sogar 42 Prozent“, hat Brachmann in Erinnerung, der damals sein Büro mitten im Quartier hatte: in der Sebastianskapelle in der Hahnengasse. Brachmann wäre nicht Brachmann, wenn er nicht auch eine Anekdote zur dieser 1415 erbauten Kapelle hätte, respektive zur Tür, die aus dem Jahr 1900 stammt und die Szene aus dem Paradies zeigt. Adam und Eva als Relief, nackt natürlich, wie Gott sie schuf. Weil der Schreinerlehrling es besonders gut meinte, ließ er die Tür durch die  Hobelmaschine, „und da waren die Brustwarzen der Dame verschwunden“, sagt Brachmann, der hier hautnah erlebte,  wie die Menschen hausten. Da nimmt er kein Blatt vor den Mund. „Das Viertel drohte zu verslumen.“ Gutachter sahen nur eine Lösung: die Flächensanierung, also den Totalabriss.

Ein Quartier mit vielen Kleinoden

Doch davon nahm die Stadt Abstand. Glücklicherweise. Denn die Sanierung machte aus dem Scherbenviertel, das seinen Ruf weg hatte, ein Vorzeige-Quartier mit vielen Kleinoden. Wie beispielsweise dem Jugendstilhaus an der Ecke Hahnen-/Griesbadgasse. Eigentlich ein Fachwerkhaus, „wir haben das thermografisch untersucht, der Besitzer hatte ein Faible für Jugendstil und die Balken 1920 einfach unter Putz gelegt.“

Beschwerde Zurück zum Anfang, zur Rabengasse 13. Brachmann wollte das Haus abreißen lassen, Kamin und Dach waren schon weg. Dann erhielt er eine Dienstaufsichtsbeschwerde wegen des Abrisses. Die Arbeiten wurden eingestellt. Sieben oder auch acht Jahre lang tat sich nichts, bis sich ein Investor fand. „Jetzt ist das Haus doch gut gerichtet“, sagt Brachmann und grinst sich eins. Und die Dienstaufsichtsbeschwerde. Schwamm drüber!

Sanierungsgebiete im Überblick

Auf dem Kreuz Das historische Viertel war 1977 die erste Herausforderung für die Sanierungstreuhand (SAN). Die Sanierung dauerte über 20 Jahre und wurde mit 16,9 Millionen Euro gefördert, insgesamt wurden rund 107 Millionen Euro investiert.

Söflingen Trotz großer Skepsis und massivem Widerstand seitens der Bevölkerung gelang es der SAN, im Sanierungsgebiet Klosterhof (1980-2003) manche Immobilie vor dem Verfall zu retten, für manches historisches Gebäude kam die Hilfe zu spät. Fördermittel: 6,9 Millionen Euro, Investitionen: 12,5 Millionen Euro. Ferner gab es noch die Gebiete Söflingen I (1988-2007) und II (1996-2011). Fördermittel von insgesamt 6 Millionen Euro stehen Investitionen in Höhe von fast 50 Millionen Euro gegenüber.

Wengenviertel Die Sanierung läuft seit 2013, die Fördermittel belaufen sich bislang auf 2,5 Millionen Euro.

Weststadt Von 2001 bis 2010 wurde ein Großteil der Weststadt unter der Bezeichnung „Weststadt – Soziale Stadt“ mit Hilfe verschiedener Förderprogramme (insgesamt 22,2 Millionen Euro) saniert. Die Investitionen betrugen 145 Millionen Euro. Das Sanierungsgebiet Weststadt II läuft bis 2020, fertiggestellt ist das denkmalgeschützte Postdörfle. Förderrahmen bislang: 7,3 Millionen Euro.

Wiblingen Die Neuordnung des Durchgangsverkehrs und die Modernisierung von Gebäuden im Ortskern wurden von 1989 bis 2008 mit 3,5 Millionen Euro gefördert. Investitionen beliefen sich auf 15 Millionen Euro.

Weitere Sanierungsgebiete Dichterviertel, Magirus II, Oberer Kuhberg mit HfG, Stadtmitte/Münster, Wilhelmsburg. Aktiv ist die SAN auch in Beimerstetten und Ehingen.