Ulm Architektin Susanne Gross über die Ulmer Synagoge am Weinhof

Die Architektin der Synagoge: Susanne Gross vor dem bemerkenswerten Jerusalem-Fenster mit der Motivik des David-Sterns. Foto: Volkmar Könneke
Die Architektin der Synagoge: Susanne Gross vor dem bemerkenswerten Jerusalem-Fenster mit der Motivik des David-Sterns. Foto: Volkmar Könneke
Ulm / HANS-ULI THIERER 30.11.2012
Knapp zwei Jahre, nachdem sie den Wettbewerb gewonnen hatte, ist "ihre" Synagoge am Weinhof vollendet. Welche Gefühle hat die Architektin Susanne Gross vor der Eröffnung am Sonntag? Ein Gespräch.

Im Mittelpunkt steht das Gebäude. Nicht sie. Was Susanne Gross keinesfalls möchte, ist Trubel um ihre Person. Zurückhaltend, leise, bedachtsam, fast scheu, jedenfalls jede Geste von Selbstgefälligkeit vermeidend, schon gar keinen in der Branche durchaus verbreiteten Starkult um sich machend, beantwortet sie unsere Fragen.

Dabei hätte Professor Susanne Gross, die Architektin der neuen Ulmer Synagoge am Weinhof, allen Grund, auch sich selber ins Blickfeld zu rücken. Schließlich hat sie am Weinhof nicht nur einen Neubau von in vielerlei Hinsicht außerordentlicher Tragweite geschaffen - städtebaulich und architektonisch sowieso, geistig und historisch aber eben auch.

Deshalb hat sich die Elite der bundesrepublikanischen Architekturkritik von Fachzeitschriften über FAZ und Süddeutsche Zeitung in den Tagen vor der Eröffnung am kommenden Sonntag begierig auf das Bauwerk und seine Architektin gestürzt. Und schließlich gehört Susanne Gross zu den international beachteten Größen der nationalen Architekturszene. Aufgeführt unter zahllosen preisgekrönten Arbeiten sei nur der Deutsche Architekturpreis 2005, verleihen für den Bau der Maria-Magdalena-Kirche in Freiburg, die zwei Kirchen, evangelisch und katholisch, in einem Gebäude zu einem ökumenischen Kirchenraum zusammenführt. Doch deswegen Starallüren? Nicht bei Susanne Gross.

SÜDWEST PRESSE: Frau Professor Gross, was bedeutet Ihnen der Ulmer Synagogenbau als Architektin?

SUSANNE GROSS: Es war ein Traumauftrag. Ein Synagogenbau an dieser herausragenden Stelle. Als katholische Christin mit Erfahrungen im Kirchenbau habe ich mir eine neue Welt erschlossen. Umso mehr, als es sich um eine orthodoxe Gemeinde handelt, mit deren Gebräuchen und Ritualen ich erstmals konfrontiert wurde. Schön ist, dass ich mich mit dem Ulmer Rabbiner Shneur Trebnik gut verstehe. Wir waren wegen der mir zunächst fremd erscheinenden Einrichtungen gemeinsam in Israel. So lernte ich, die Einrichtung zu akzeptieren.

Ein Beispiel ?

GROSS: Ungewohnt war die Größe und Bedeutung des Tora-Schreins für die Synagoge. Er spielte dann eine maßgebliche Rolle bei der Gestaltung des Südost-Fensters . . .

. . . des Jerusalem-Fensters mit dem Motiv des David-Sterns, . . .

GROSS: . . . das diesen Tora-Schrein auch nach außen freistellt und ihn erkennbar macht. Er brauchte dazu dieses perforierte Fenster, das erst durch die Südostausrichtung der Synagoge ermöglicht wurde.

Erst?

GROSS: Es war im Wettbewerbsentwurf zunächst nicht vorgesehen, weil die Ausrichtung des Gebetsraumes offen geblieben war: Osten oder Südosten. Ich hatte mich für Osten entschieden.

Und dann?

GROSS: Dann kam es in der weiteren Bearbeitung natürlich zu Gesprächen mit dem Rabbi. Und der sagte am Ende, dass ihm die Ausrichtung nach Südosten, nach Jerusalem, eben doch lieber wäre.

Ihre Reaktion?

GROSS: Zuerst dachte ich: Oje, der Entwurf ist kaputt.

Und jetzt?

GROSS: Pflege ich den Erinnerungsoptimismus . . . Ich liebe diesen Neubau nunmehr. Ich bin froh, dass es so gekommen ist. Ein guter alter Bekannter aus England, der den Wettbewerbsentwurf gesehen hatte, bei dem dieses Südosteck ganz geschlossen war, bestärkte mich früh darin, indem er mich fragte: Why dont you open it to society? (Warum öffnest Du es nicht zur Stadtgesellschaft hin?)

Gefällt Ihnen Ihr Gebäude jetzt?

GROSS: Ja, auch wenn ich Eigenlob vermeiden möchte. Bilder von ihm verschicke ich überall hin. Dass es ein so schöner Bau geworden ist, ist auch den hervorragenden Ulmer Projektsteuerern (Bauprojektmanagement nps der Ulmer/Neu-Ulmer Nething-Gruppe; d. Red.) zu verdanken. Und der großartigen Baufirma (das Unternehmen Matthäus Schmid, Baltringen).

Ungewöhnliche Töne für eine Architektin: Die auf den Cent achtenden Projektüberwacher und die Bauformen liegen nicht selten über Kreuz mit der Abteilung Baukunst.

GROSS: Ja, da gibt es oft Zoff zwischen Projektsteuerern und Architekten. Bei diesem Vorhaben aber gar nicht. Es war eine sehr gute Zusammenarbeit, die ich gerne mal wieder aufnehmen würde.

Wird auch der Kostenrahmen von 4,6 Millionen Euro eingehalten?

GROSS: Ja. Ich empfinde dies, wie das ganz Haus, als ungeheures Glück für mich. Auch das ist der Projektsteuerung und dem Generalunternehmer mit zu verdanken. Aber auch dem Bauherren, also der Israelitischen Religionsgemeinschaft. Deren Vorsitzende Barbara Traub und ihr Stellvertreter Michael Kashi haben sich zurückgenommen. Die dritte im Bunde, Susanne Jakubowski, die selber Architektin ist, kannte das Ziel genau. Sie hat Manches zugelassen, was ich für notwendig erachtet habe, etwa das Oberlicht im Gebetsraum . . .

. . . über das Kinder laufen werden, denn auf ihm befindet sich der Freibereich des Kindergartens im oberen Stockwerk.

GROSS: Das stimmt. Die Kinder müssen drüber laufen können, das war eine Bedingung. Generell war es so: Was an der einen Stelle an zusätzlichem Aufwand nötig war, wurde an anderen Stellen dann wieder hereingeholt und eingespart. Es war wirklich ein gutes Miteinander.

Zurück zum Anfang: War der Auftrag eine Belastung? Empfanden Sie die Aufgabe als heikel und knifflig?

GROSS: Nein. Ich wusste natürlich, dass es eine ganz besondere Aufgabe ist mit einem geistigen Hintergrund. Das Haus muss für die Gemeinde Aufgaben erfüllen. Heikel wird es immer, wenn Bauherren ausschließlich auf den Kommerz ausgerichtet sind. Davon kann hier nicht die Rede sein. Städtebau und äußere Erscheinung, also Architektur, waren keine kniffligen Aufgaben. Es gibt Fixpunkte und Bezugsquellen: Weinhof und Schwörhaus machten Vorgaben.

Es gab also keinerlei Probleme mit diesem Bau?

GROSS: Die Bauphase lief wirklich ausgezeichnet. Von Problemen am Anfang würde ich nicht sprechen. Ich war eben zuerst ein bisschen überrascht, weil mir diese ganz andere jüdische Welt und die jüdische Architektur fremd waren. Das hat sich durch den engen Kontakt zum Rabbi rasch geändert. Heute ist es so, dass das Gebäude außen mein Bau ist, innen eher des Rabbiners. Das kann ich sehr gut akzeptieren.

Zur äußeren Erscheinung zählt der gelb-bräunliche Naturstein. Er lässt das Gebäude bei all seiner klaren Struktur nicht schroff erscheinen, sondern geradezu warm.

GROSS: Wir haben uns für den Dietfurter Kalkstein, der aus der Nähe von Treuchtlingen in Bayern stammt, entschieden, weil wir einen ursprünglich vorgesehenen Jerusalem-Stein nicht verwenden konnten. Er wäre nicht frostfest gewesen, was bei deutschen Wetterverhältnissen notwendig ist.

Können Sie verstehen, dass manchem Ulmer das Gebäude an dieser Stelle zu mächtig erscheint?

GROSS: Mein Entwurf war von allen Wettbewerbsarbeiten vom Bauvolumen her der kleinste, ein kompakter Solitär. Aber das Gebäude muss Funktionen erfüllen, die eine gewisse Größe erfordern.

Stichwort Solitär: Das war die alte Synagoge nicht.

GROSS: Nein, sie war Teil einer Straßenrandbebauung. Das ist sie jetzt nicht mehr, sie ist vielmehr auf den Platz gerückt, also Bestandteil des Weinhofes. Wir treten also weiter nach vorne. Und dies am Platz, der als Keimzelle der Stadt gilt.

Ist das nur geografisch zu sehen?

GROSS: Ich interpretiere dieses von der Stadt Ulm gewährte Privileg so, dass es zusammenhängt mit dem im Dritten Reich und in der Pogromnacht entstandenen Unrecht. Die Synagoge und das jüdische Leben in Ulm treten sozusagen von der zweiten Reihe in die erste.

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