Ulm / HENNING PETERSHAGEN  Uhr
Zu Ulms Keimzelle, der Pfalz auf dem Weinhof, gehörte der Stadelhof, der die Pfalz versorgte. Er lag unter dem Weinhofberg am anderen Blauufer. Erstmals sind nun Spuren des Stadelhofs ergraben worden.

Am Saumarkt zieht derzeit eine besondere Baustelle die Blicke der Passanten an. Auf dem Grundstück Fischergasse 34 arbeitet sich seit 5. März ein Trupp Archäologen zentimeterweise in die Tiefe. Von den Strukturen, die sie dabei freigelegt haben, ist am augenfälligsten ein Rechteck aus einem 15 bis 20 Zentimeter breiten gelben Lehm-Streifen, dessen Innenseite in ein kräftiges Ziegelrot übergeht. Der Boden drumherum ist tiefschwarz.

Der farbenfrohe Befund ist der Rest eines etwa 2,5 Meter langen und ein Meter breiten Ofens. Der hat vor Jahrhunderten an dieser Stelle eine Bullenhitze produziert, die den Lehm rot färbte. Wozu der Ofen diente, konnten die Archäologen bisher mangels einschlägiger Funde noch nicht herausfinden, wie Dr. Jonathan Scheschkewitz, Referent für Mittelalterarchäologie beim Landesamt für Denkmalpflege, gestern berichtete. Der Ofen war eine große Überraschung, und die Fülle der Funde übertraf die Erwartungen der Archäologen.

Die größte Überraschung aber wartete unter einer dicken Planierschicht, die über dem gewachsenen Boden aus Tuffsand lag: der in den gewachsenen Boden eingetiefte Grundriss eines Kellers oder Grubenhauses. Aufgrund von Keramikfunden konnte das Alter dieses Kellers auf 800 bis 1000 Jahre bestimmt werden: Er wurde noch zur Stauferzeit angelegt. Und es spricht alles dafür, dass er zum Stadelhof gehört hat. Damit sind zum ersten Male Reste aus der Zeit des Stadelhofes archäologisch nachgewiesen worden.

Bemerkenswert an diesem Keller ist, dass seine Ausrichtung von der späteren Bebauung um fast 45 Grad abweicht: Das spricht für eine andere, ältere Parzellierung, sagen Scheschkewitz und Grabungstechniker Hans Lang. Sie hoffen, unter dem Ofen noch weitere Befunde aus Ulms frühester Zeit zu finden, sobald dieser vollends untersucht und entfernt worden ist.

Nach dem bisherigen Kenntnisstand ergibt sich für die Grabungsfläche folgendes Bild: Nach einer ersten Besiedlungs- und Bewirtschaftungsphase wurde die Fläche geräumt und mit einer dicken Planierschicht überzogen - die im Übrigen gespickt war mit hochmittelalterlichen Alltags-Objekten. So fanden die Ausgräber einen kleinen Würfel, eine wunderschön verzierte, aus Knochen hergestellte Scheibe, Spinnwirtel, einige Münzen, einen Topfdeckel und Reste der Produktion von Paternoster-Perlen.

Nach dieser spätmittelalterlichen Planierung wurde das Gebiet in neue Parzellen geteilt, die bis heute beibehalten wurden, und neu bebaut. Das könnte geschehen sein, als die Stadt 1316 erweitert und auch diese Fläche in den Mauerring einbezogen wurde. Auf dem neu parzellierten Eckgrundstück baute ein Handwerker diesen Hochleistungs-Ofen und betrieb ihn, bis an seine Stelle ein Haus gebaut wurde - vermutlich im 15./16. Jahrhundert. Das stand dann dort bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs, als es den Fliegerbomben zum Opfer fiel.

Allzu viel Zeit haben die Archäologen nicht mehr, um weitere Spuren des Stadelhofs freizulegen: Am 4. Juni müssen sie das Grabungsfeld räumen.