Ulmer Frühzeit Archäologen und die Superlative aus dem Boden

Von 2001 bis 2004 waren in der Neuen Straße Archäologen grabend am Werk. Das Bild zeigt eine Führung im Jahr 2002.
Von 2001 bis 2004 waren in der Neuen Straße Archäologen grabend am Werk. Das Bild zeigt eine Führung im Jahr 2002. © Foto: Maria Müssig
Ulm / Henning Petershagen 31.01.2018

Was bislang Vermutung war, ist jetzt Gewissheit: Der Weinhof, die Keimzelle Ulms, war bereits ein Ort von herausragender Bedeutung, lange, bevor die Franken dort ihre Pfalz ansiedelten. Das ist eine der wesentlichen Erkenntnisse, welche die Archäologin Aline Kottmann aus der Auswertung der Grabungsergebnisse eines Jahrhunderts ziehen konnte.

Auch was die Wühlarbeit ihrer Kollegen über Ulms Entwicklung zur Stadt im 10. Jahrhundert zutage gefördert hat, beschert Ulm eine Ausnahmestellung: „In dieser Zeit sind solche frühen Städte eine Seltenheit. Und dass sie sich in solcher Deutlichkeit archäologisch fassen lassen, ist besonders hier in Süddeutschland eine Rarität“, berichtete Kottmann dem Verein Ulm und Oberschwaben in ihrem Vortrag „Alte Grabungen – neue Ergebnisse“.

Und noch ein Superlativ: „Ulm kann als eine der besterforschten Städte des Mittelalters gelten“, stellte Kottmann fest. Mehr als 400 Fundstellen und 14 Großgrabungen, die oft über mehrere Jahre währten, hatte sie auszuwerten (siehe Info). Im Stadtkern liege die Untersuchungsdichte sogar bei über 25 Prozent. Denn zum einen biete die Stadt den Archäologen die Möglichkeit, Baustellen zu sondieren, bevor die Bagger anrücken. Zum andern zeichneten die Ulmer sich durch ein außergewöhnlich hohes Interesse an ihrer Stadtgeschichte aus.

Üblicherweise wird eine solche Grabung haarklein dokumentiert. Sie stadtgeschichtlich einzuordnen, fehlt jedoch meist die Zeit. Es war daher Kottmanns Aufgabe, eine Zusammenschau aller Funde herzustellen und daraus neue Erkenntnisse über Ulms Entwicklung von jener Keimzelle auf dem Weinhof zur mittelalterlichen Stadt zu gewinnen.

Zum Basiswissen der Stadtgeschichte gehört, dass der Weinhofsporn über der Blau sich schon zur Zeit der Alamannen durch seine topographische und strategische Lage zu einem Herrensitz entwickelt hat. Den Hinweis darauf hat Kottmann nun in den Grabungsunterlagen von 1963 gefunden. Darin sind drei kleine Gruben erwähnt, die Mörtel enthielten – für Kottmann der Hinweis auf ein Steingebäude, das wohl schon im 6. Jahrhundert auf dem südlichen Weinhof stand.

Dieses Steinhaus scheint aber bereits verschwunden zu sein, als die Franken auf dem Weinhof ihren Königshof etablierten. Aus ihrer Zeit stammen Hinweise auf mehrere hölzerne Gebäude, darunter ein stattliches mehrgeschossiges, sowie auf einen Befestigungsgraben – alles Spuren einer Siedlung die im 8. bis zur Mitte des 10. Jahrhunderts herrschaftliche Züge zeigt. Ihre Bewohner wurden auf dem heutigen Münsterplatz bestattet, wo die Archäologen sie vor drei Jahrzehnten ausgegraben haben.

Greif und Löwe

In der ältesten urkundlichen Erwähnung  von 854 wird Ulm als königliche Pfalz bezeichnet, was eine dafür geeignete üppige Infrastruktur voraussetzt. Ob dazu bereits die steinerne Pfalzkapelle gehört hat, deren Reste im Boden des Schwörhauses gefunden wurden? Jedenfalls ist ihre Existenz für das 10. Jahrhundert nachgewiesen. Damals muss es auch verschiedene Großbauten gegeben haben, die eine Pfalz benötigte, aber Nachweise dafür gibt es erst aus späterer Zeit.

Gehört dazu der Ziegelfries aus dem 12. Jahrhundert, der in wiederkehrender Folge Greif und Löwe zeigt? Vielleicht waren diese Tafeln außen an der neuen und größeren Pfalzkapelle angebracht, in deren Nähe sie ausgegraben wurden, vielleicht aber auch an einem profanen Bauwerk.

Deutlicher wird das Bild des entstehenden Ulm um das Jahr 1000, für das die Grabung Neue Straße (2001 bis 2004) tonnenweise Belege lieferte. Als größte Stadtkerngrabung ging sie in die Geschichte der Landesarchäologie ein und vervollständigte das Puzzle der Fundstellen maßgeblich. Es zeigt einen Pfalzbereich, um den herum eine mit Gräben befestigte Marktsiedlung entstand, deren Straßen gepflastert waren, in der Handwerk und Handel betrieben und bereits im 11. Jahrhundert Münzen geprägt wurden. Um diese Zeit erhielt der westliche der beiden Marktplätze einen öffentlichen Brunnen.

Die ersten Steinbauten entstanden im 12. Jahrhundert – das Ulm die völlige Zerstörung 1131/34 bescherte. Die Staufer, deren Hauptort Ulm damals war, ließen die Stadt wieder aufbauen. Ihr Zentrum, die heutige „Neue Mitte“, versteinerte, geschützt von der „Staufermauer“ und ihren Tortürmen.

Das Ende der Pfalz lässt sich auf 1262 datieren, als der König zum letzten Mal einen Hoftag in Ulm hielt. Damit könnte auch die räumliche Trennung zwischen Pfalz und Siedlung entfallen sein. „Ulm wurde damals“, so drückte es Aline Kottmann aus, „auch in dieser Hinsicht zur Bürgerstadt.“

Ein gigantisches Puzzle

Archäologie Seit zehn Jahren fügt Aline Kottmann die zahllosen Informationen zusammen, aus denen sich die Ulmer Frühgeschichte rekonstruieren lässt. Im Oktober 2007 begann sie damit, sämtliche Berichte und Dokumentationen der 400 Fundstellen und 14 Großgrabungen sowie mehrere Regalmeter von baubegleitenden Beobachtungen, Notizen, Skizzen und Fotos auszuwerten. Viele davon stammen noch von dem Ulmer Stadthistoriker Albrecht Rieber. Die ältesten Berichte reichen zurück bis ins Jahr 1860.

Stadtwerdung Das Ganze ist ein Projekt der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG). Es heißt  „Die Stadtwerdung und -entstehung Ulms im frühen und hohen Mittelalter“ und ist beim Landesamt für Denkmalpflege im Regierungspräsidium Tübingen angesiedelt. Das Ergebnis erscheint im kommenden Jahr als Buch in der Schriftenreihe des Landesamtes.

Zur Person Nach ihrem Studium der Archäologie in Tübingen und Cambridge wurde Aline Kottmann 2005 promoviert. Bevor sie die Arbeit an dem Ulmer Projekt aufnahm, war sie anderthalb Jahre lang an der Ausgrabung einer spanischen Kolonialstadt in Panama beteiligt. pn

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