Margit M. war auf der Suche nach einem Ehrenamt. Etwas Soziales sollte es sein, etwas mit Erwachsenen, etwas, bei dem sie zeitlich flexibel ist. Mit Senioren wollte sie nicht arbeiten, sie hatte bereits jahrelang ihre Mutter gepflegt. Über einen Zeitungsartikel wurde sie auf das von der Arbeiterwohlfahrt Neu-Ulm getragene Frauenhaus aufmerksam, kam mit der Leiterin Emmy Megler ins Gespräch und stieß schließlich zum Projekt "Begleitung in Alltag". Seit April ist Margit M., die ihren Namen nicht in der Zeitung lesen möchte, nun als Alltagsmentorin tätig. Sie hilft Frauen nach einem Frauenhaus-Aufenthalt beim Start in ein neues Leben.

Der ist oft schwer genug. Viele der Bewohnerinnen sind finanziell abhängig von ihrem Mann, haben kein eigenes Einkommen, versorgen die Kinder und den Haushalt. Der Schritt, den gewalttätigen Partner zu verlassen, sei für sie gewaltig, sagt Megler. "Sie geben ihren Lebensentwurf auf und kennen meist keinen anderen." Sie brauchen Unterstützung bei der Organisation des Alltags, Hilfestellung bei Bewerbungsschreiben, und auch jemanden, mit dem sie reden können, der zuhört und Tipps geben kann. "Manchen hilft es schon zu wissen, dass jemand da ist, den sie anrufen können", sagt Virginia Kapteina-Walther, die das Projekt "Begleitung im Alltag" betreut.

Das alles leisten die Alltagsmentorinnen - und noch mehr. Denn sie sind auch positive Rollenvorbilder: Frauen, die mitten im Leben stehen, die berufstätig sind oder waren, die ein selbstbestimmtes Leben führen. Sie können den ehemaligen Frauenhaus-Bewohnerinnen unaufdringlich vermitteln, dass ein angstfreies Leben möglich ist, dass sie die Chance haben, unabhängig von einem Mann für sich zu sorgen.

Fast alle der rund 40 Frauen, die pro Jahr das Neu-Ulmer Frauenhaus verlassen und eine eigene Wohnung beziehen, wünschen sich Unterstützung in den ersten Wochen und Monaten. Im Frauenhaus hatten sie Rundum-Betreuung und viel Kontakt zu anderen Bewohnerinnen, berichtet Virginia Kapteina-Walther. "In der eigenen Wohnung sitzen sie dann allein da." Falls sie überhaupt eine finden: Günstige Wohnungen gebe es kaum.

Die Alltagsmentorinnen werden für ihre künftige Aufgabe geschult und während ihrer Tätigkeit von hauptamtlichen Mitarbeiterinnen begleitet. Außerdem gibt es regelmäßige Treffen mit allen Ehrenamtlichen. Diesen Austausch schätzt Margit M. sehr.

Die ehemalige Grundschullehrerin betreut derzeit zwei Frauen. "Das ist aus einer Notlage geboren, weil wir personell nicht so gut bestückt sind", sagt die Alltagsmentorin, die sich über weitere Ehrenamtliche freuen würde. Der Zeitaufwand ist unterschiedlich, berichtet sie. Meist trifft sie sich mit "ihren" Frauen im Wochen- oder Zwei-Wochen-Rhythmus. Je nach den persönlichen Problemen der Frauen könne die Tätigkeit aber kurzfristig auch mal sehr intensiv sein. Anteilnahme ohne Neugierde, Hilfe bei Organisatorischem, praktischer Beistand im Alltag - "mir entspricht diese Aufgabe in dem, was ich geben kann", sagt Margit M. "Mir tut auch der Gedanke gut, jemandem beizustehen, der in Not ist."

Das geht auch Ursula W. (Name ebenfalls geändert) so. Sie ist von Anfang an als Alltagsmentorin dabei, seit Ende 2011. Sie war zuvor mehr als zehn Jahre in einem anderen Ehrenamt aktiv und wollte mal etwas anderes machen, wollte persönlichen Kontakt zu anderen Menschen. "Ich kann mir vorstellen, wie allein sich eine Frau fühlt, die das Frauenhaus verlässt", sagt sie. "Sollte ich mit meiner Tätigkeit dazu beitragen können, dass eine Frau ihren gewalttätigen Mann verlässt, finde ich das ausreichend Motivation für dieses Ehrenamt."

Info Informationen über das Projekt "Begleitung im Alltag" gibt es bei Emmy Megler von der AWO, Tel. (0731) 40988690, oder per E-Mail: frauenhaus@awo-neu-ulm.de

Soroptimist übernimmt Finanzierung