Interview SSV-Bademeister Dimitriy Mironov: Arbeit unter der Sonne

Aufgrund seiner Kompetenz und seines freundlichen Wesens eine Institution im SSV-Bad: Der 46-jährige Dimitriy Mironov auf dem Drei-Meter-Sprungbrett.
Aufgrund seiner Kompetenz und seines freundlichen Wesens eine Institution im SSV-Bad: Der 46-jährige Dimitriy Mironov auf dem Drei-Meter-Sprungbrett. © Foto: Oliver Schulz
Ulm / Ulrike Schleicher 04.08.2018
SSV-Bademeister Dimitriy Mironov arbeitet da, wo andere ihre Freizeit verbringen. Neidisch braucht man deshalb aber nicht werden, denn sein Job ist viel mehr als am Beckenrand zu sitzen.

In diesem Super-Sommer gibt es keinen Tag Pause für Bademeister Dimitriy Mironov und seine Kollegen im SSV-Bad. Immer scheint die Sonne und das Bad ist morgens um 9.30 Uhr schon gut besucht. Selbst während des Gespräches muss der 46-Jährige Chlor- und PH-Wert im Planschbecken messen. Außerdem wollen mehrere Herren älteren Semesters das Sportabzeichen machen. Das muss jemand beaufsichtigen. Mironov organisiert und regelt, bis wir endlich  auf einer Wiese unter einem Baum Ruhe finden. Als er sich setzt, zuckt der Schwimmmeister zusammen. Eine Wespe hat ihn gestochen. „Wohin, das wollen Sie nicht wissen“, sagt er mit seinem russischen Akzent, hält aber tapfer durch.

Was geht im Wasser eigentlich so alles verloren?

Dimitriy Mironov: Meistens Schmuck und Haarspangen. Der Wassersauger, mit dem wir reinigen, holt so etwas heraus. Heute etwa hab’ ich eine in Gold gefasste Perle gefunden. Die Besitzerin hat schon angerufen. Einmal sprang ein älterer Herr kopfüber ins Becken und verlor sein Gebiss. Da musste ich dann tauchen...

Und, haben Sie es gefunden?

Ja. Der Herr war sehr froh.

Wie verhält es sich ansonsten mit dem, was im Wasser so ist? Also, Sie wissen schon.

Dass in Schwimmbädern viel Urin ist, ist eine Mär. Im Fernsehen kam da was, das war völlig übertrieben und falsch erklärt. Was wir messen, ist der Ammoniumgehalt (Chlor und Chlorverbindungen-Chloramine) des  Wassers. Und der setzt sich auch aus Schuppen, Haaren, Kosmetika und  Schweiß zusammen. Im SSV-Bad zumindest gibt es aufgeklärte Leute, da pinkeln sicher wenige ins Wasser.

Verunreinigungen kann man aber nicht vermeiden...

Nein, aber eine unserer Baderegeln heißt: Duschen, bevor man ins Becken geht. Damit ist schon viel getan. Unsere Wasserqualität ist spitze.

Sind die Werte des Chlorgehaltes vorgeschrieben?

Ja, da gibt es eine Norm, wie immer in Deutschland – die DIN 19643. Sie ist strenger als in anderen Ländern, den USA etwa. Pro Liter dürfen zwischen 0,3 und 0,6 Milligramm Chlor ins Wasser. Und pro Badegast, der da war, müssen täglich 30 Liter Frischwasser zugeführt werden.
Mironov nimmt sein Mini-Labor und geht zum Babybecken. Dort füllt er Wasser in Minifläschchen, schüttelt, füllt um, schüttelt, das Ganze wird blasslila, er stellt es in eine Art Messgerät: die Anzeige zeigt ein paar Zahlen.

Und, alles in Ordnung?

Ja, der Chlorgehalt liegt bei 0,4 und der des gebundenen Chlors – er zeigt den Grad der Verunreinigung an – liegt bei 0,07.

Das ist aber sehr gut.

Ja, aber das Wasser ist auch frisch. Bei den Kleinsten sind wir immer besonders vorsichtig.

In welchem Alter sollte man schwimmen lernen?

Wenn man in die Schule kommt auf jeden Fall. Aber natürlich geht es auch früher. Hier im Sportverein melden Eltern ihre Kinder auch im jüngeren Alter an.

Wie bringt man Kindern Schwimmen bei?

Mit Menschenkenntnis und Erfahrung. Und natürlich müssen sie auch stehen können im Wasser. Das gibt Sicherheit.

Viele haben ja auch Angst...

Ja, aber man kann ihnen die Angst nehmen, indem man sie spielerisch ans Wasser heranführt. Und sie sehen auch, wie andere Kinder sich bewegen. Die Hauptsache ist, es macht Spaß. Nur eine Garantie gebe ich nicht. Das verlangen manche Eltern.

Machen noch viele Kinder  Schwimmkurse heutzutage?

Die Nachfrage ist schon groß. Und wir kooperieren mit den Grundschulen, besonders mit der Friedrichsau-Grundschule. Da kann jedes Kind schwimmen wegen uns. Die AGs sind nachmittags. Aber im Allgemeinen wird es schwieriger, weil immer mehr Bäder schließen. Der Staat sollte sich mehr darum kümmern.

Neulich ist ein Junge im See ertrunken. Wie sieht es in diesem Super-Sommer hier aus? Mussten Sie schon oft rettend eingreifen?

Meine Kollegen sind zweimal ins Wasser gesprungen. Beide Male, weil ältere Herrschaften Probleme hatten. Der Kreislauf. Es verlief glimpflich.

Ja, man muss aufpassen bei diesen Temperaturen. Wie machen Sie das?

Ich trinke viel Grüntee, trage einen Hut, halte mich im Schatten auf und benutze Sonnencreme.  Wer nachdenkt, macht das auch so. Und bevor man ins Wasser geht, sollte man sich abkühlen. Auch dazu ist die Dusche da.

Schwimmen Sie auch gern? Und wo am liebsten?

Ich bin Wasserballer seit meiner Jugend. Das ist mein Sport – die Bewegung und das Tore schießen sind toll. Schwimmen tu ich hier, aber baden gehe ich gern in den Pfuhler Baggersee. Das Wasser ist wirklich schön da.

Wären Sie da gerne Bademeister oder im Donaubad?

Für mich ist das SSV-Bad der beste Arbeitsplatz, weil es hier um Sport geht. Das passt zu mir. Wegen des Wasserballs, da rekrutiere ich neue Spieler, und natürlich auch, weil ich hier Kindern etwas beibringen kann.

Aber das Wasserbecken könnte ja wirklich mal saniert werden. Das wird ja immer nur blau gestrichen, die Farbe blättert ab.

Für mich ist es das schönste Blau, das es gibt. Die Farbe von Wasser in Edelstahlbecken gefällt mir nicht, das ist irgendwie kalt. Außerdem: Bevor ich in Rente gehe, wird es bestimmt saniert sein. Beim SSV geht es immer langsam, aber immer vorwärts.

Das merkt man. Noch immer gibt es abends um 18 Uhr diesen Gong und dann die Durchsage: „Es ist jetzt 18 Uhr, Kinder unter 14 Jahren ohne Begleitung ihrer Eltern ziehen sich jetzt bitte an und verlassen das Bad.“ Ist das nicht überholt in diesen Zeiten?

Das dachten wir auch, aber wenn die Durchsage fehlt, fragen die Gäste sofort nach. Dabei hat doch jeder eine Uhr heutzutage. Wir haben den Text auch laminiert und aufgehängt.

Wird dann kontrolliert?

Ein bisschen, die Kinder hier folgen gut.

Wie machen Sie das, dass Sie alles im Auge behalten?

Wir bereiten uns jeden Tag darauf vor, was kommt. Zurzeit etwa Feriengruppen. Da sprechen wir mit den Gruppenleitern, welche Aufgabe sie übernehmen müssen. Am Beckenrand stehen und schauen. Es gibt Regeln hier, um Unfälle zu vermeiden. Keine Staus auf der Rutsche, nicht mit dem Kopf voraus – weder auf dem Rücken noch auf dem Bauch. Als Nicht-Schwimmer darf man nicht ins Schwimmerbecken. Nicht mit vollem Magen schwimmen... Vieles an den Regeln ist einfach logisch.

Kennen Sie die Badegäste?

Ich würde sagen, ich weiß genau, wer neu hier ist. Die Neulinge beobachte ich dann und frage ein bisschen beim Smalltalk nach.

Welches Schwimmbad fanden Sie am beeindruckendsten?

Als ich jung war das olympische Hallenbad in Moskau. Das war so schön, dass wir als jugendliche Wasserballer aus jedem Winkel Tore geschossen haben. Als Freibad ist das SSV auf Platz 1.

Im Hallenbad lassen Sie oft klassische Musik laufen...

Das beruhigt, man kann gut nachdenken, es macht eine schöne Atmosphäre. Obwohl man beim Schwimmen gar  nichts hört.

Sportstudium wurde nicht anerkannt

Biographie Dimitriy Mironov kam mit seiner Frau (ehemalige Volleyballspielerin beim SSV Ulm Blautalcenter, erste Bundesliga) 1999 aus Kasachstan nach Ulm und begann als Rettungsschwimmer beim SSV. In Kasachstan studierte er Sport und Training, aber das Studium wurde in Deutschland nicht anerkannt. So wurde er erst Fachangestellter für Bäderwesen und anschließend Schwimmmeister. Er hat zwei Söhne, einer studiert bereits.

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