Hat sich der Alltag der jüdischen Gemeinde nach dem Anschlag auf die Synagoge in Halle vor zwei Monaten verändert? Gibt es stärkere Sicherheitsvorkehrungen? Mehr Angst? Alles Fragen, die Muhterem Aras, Präsidentin des baden-württembergischen Landtags, dem Ulmer Rabbi Shneur Trebnik stellte. Das Gespräch fand im Vorfeld einer Veranstaltung in der vh Ulm statt, zu der Aras eingeladen war.

Sie mache sich angesichts des wachsenden Antisemitismus Sorgen, sagte die 54-Jährige. In Stuttgart etwa würden jüdische Eltern ihren Kindern inzwischen verbieten, ihren Glauben in der Schule preis zu geben. „Auch werden Gemeindebriefe ohne den Davidstern verschickt.“

In Ulm habe sich seit dem Anschlag nichts verändert, sagte  Trebnik. „Wir sind in einem sicheren Hafen hier.“ Er betrachte Antisemitismus auch nicht isoliert, „vielmehr fehlt es generell an gegenseitigem Respekt und Verständnis.“ Und leider habe ein großer Teil der Menschen die Einstellung, es seien immer nur die anderen, die rassistisch und menschenverachtend seien: „Mit mir hat das Ganze nichts zu tun“, beschrieb Trebnik die Haltung.

Notwendig sei mehr Zivilcourage des Einzelnen, stimmten beide überein. Denn nicht nur Antisemitismus grenze eine Gruppe aus, der gleiche Mechanismus finde etwa auch in der Schule und in den sozialen Medien durch Mobbing statt. „Dazu kommt noch eine Verrohung der Sprache“, bedauerte Aras und verwies darauf, dass der Holocaust nicht mit dem Bau der Konzentrationslager begonnen habe, „sondern viel früher durch sprachliche Ausgrenzung der Juden.“

Es gehe um Erinnerungskultur und nicht um Schuld, so Trebnik. Gerade junge Menschen bräuchten jedoch Aufklärung und Vorbilder, um Zivilcourage zu entwickeln. In Ulm sei das Interesse an der jüdischen Kultur groß, ergänzte er. Jährlich besuchten rund 5000 Menschen die Synagoge. Ein Hort der Glückseligkeit ist es wohl trotzdem nicht: Aus dem Kondolenzbuch im Münster zum Anschlag in Halle wurde die Stellungnahme des Rats der Religionen herausgerissen und auf den Boden geworfen, erzählte der Rabbi.