Kunst Angela Ender ist neue Stipendiatin der Pro-Arte-Stiftung

Angela Ender arbeitet gern mit gebrauchtem, billigem Material, das sie neu kombiniert.
Angela Ender arbeitet gern mit gebrauchtem, billigem Material, das sie neu kombiniert. © Foto: Volkmar Könneke
Wiblingen / LENA GRUNDHUBER 12.02.2016
Ihre Kunst lebt aus dem Dialog von Materialien - und von der Fantasie des Betrachters. Die neue Pro-Arte-Stipendiatin Angela Ender ist selbst gespannt, was jetzt in ihrem Wiblinger Atelier passieren wird.

Eine Jutetasche mit dem Aufdruck "Berliner Ensemble" liegt neben dem Schreibtisch, draußen steht ein Kleintransporter. Angela Ender ist noch damit beschäftigt, die letzten Sachen aus ihrem Berliner Atelier zu holen. Die kommenden zwei Jahre wird die Künstlerin weit weg von der Großstadt, in der Naturidylle neben dem Kloster Wiblingen verbringen. Ender, Jahrgang 1983, ist seit Februar eine der Stipendiatinnen der Ulmer Pro-Arte-Stiftung und darf eines der beiden Ateliers in den Nebengebäuden des Klosters bewohnen und bearbeiten. Im April zieht Janina Schmid mit Frederik Kochbeck Tür an Tür ein.

"Ich bin gespannt, was hier passiert", sagt Angela Ender, zieht die halbmondförmigen Augenbrauen aufmerksam in die Höhe, schaut in den Winterhimmel vor der Tür, sinniert ein bisschen. Die Gegend kennt sie von Kindheit an. Ender ist in Söflingen geboren und in Ulm auf die Waldorfschule gegangen, wuchs mit fünf Geschwistern auf, darunter die Autorin Nina Ender und eine Zwillingsschwester. Aus so einer Großfamilie ist man "nie ganz weg", aber zusammengenommen waren es doch zehn Jahre, in denen sie fort war und sich zu einer Künstlerin entwickelte, die auf dem Tisch im weitgehend leeren Atelier inzwischen allerhand herzuzeigen hat. Bilder, Skulpturen, Kataloge, die ein Stück Lebensweg illustrieren.

Ein Semester Kunst- und Theaterwissenschaften in München hat gereicht, "dann habe ich gemerkt, dass ich Kunst machen will", erzählt sie. Studiert hat Ender das bei Urs Lüthi in Kassel, ganz offen, ganz frei, sehr kollegial untereinander. Video, Performance hat sie ausprobiert, ein Austauschstudium in China brachte sie zu bunten Farben, von der figürlichen Malerei kam sie zur Abstraktion und von da zu Objekten, zur Skulptur. So etwas kann dann "Burst" heißen und einen ganzen Raum in ein buntes Inferno aus Zeug und Kram und Folien und Farben stürzen. Das zum Beispiel meint Angela Ender, wenn sie versonnen dasitzt und sich überlegt, was wohl passieren wird, mit ihr, in so einem Raum.

"Was mich interessiert ist: Dinge zu finden, sie mit einem anderen Material kombinieren und daraus etwas Neues schaffen", beschreibt sie das, was ihren Arbeitsprozess grundsätzlich ausmacht. Oder so: "Sachen finden, die eine Geschichte haben, so zu verändern, dass eine andere Geschichte draus wird." Wie bei den Kühlaggregaten mit dem eigenwilligen Linienmuster, die an der Atelierwand hängen. Die bunten Fähnchen darauf könnten Segelschiffe sein, die Industrieware wird zum Seestück. Oder der kaputte Regenschirm mit der Fernsteuerung und dem zu kurzen Kabel, den Ender vor Jahren mal in der Galerie Tobias Schrade gezeigt hat: "wie ein Drache, der nicht richtig wegfliegen kann".

Gebrauchtes, gerne auch Billiges, zweifelhaft Hergestelltes aus dem Ein-Euro-Shop verbindet sie zu solchen kleinen Erzählungen, die freilich ganz offen bleiben und die Reaktion, die Fantasie des Betrachters geradezu brauchen, um lebendig zu werden.

Angela Ender reagiert ja selbst intensiv auf die Außenwelt. Oft arbeitet sie ortsbezogen, passt sich dem Raum an oder widersetzt sich auf eine so subtile Art und Weise wie bei einem Objekt, das wir provisorisch mal "Eistüte" nennen wollen. Entstanden ist es in einer Gruppenausstellung, während die Kollegen noch hängten: "Das sah zuerst aus wie ein Phallus, aber als ich mich umsah, habe ich gesehen, dass die Männer das auch gemacht hatten". Also hat sie es umgedreht, vom Spitz zur Tüte, in der nun eine verspielte, ironische Botschaft steckt. Nein, Angela Ender hat absolut kein Problem damit, wenn man ihre Kunst als "weiblich" bezeichnet: "Die Männer machen doch auch überall ihre Phalli hin!" Und so darf man, und so wird frau in einem Bild mit sich öffnendem Vorhang, in einem Objekt mit weichen, rosa Schaumstoffringen weibliches Körpergefühl erspüren. Und das Gefühl gleich wieder ziehen lassen, um vielleicht zu einer anderen Assoziation zu treiben.

Fix ist nichts, das Material bleibt gewissermaßen frei, in der Bearbeitung wie in der Bedeutung, "Für die Freiheit des Materials" - Angela Ender probiert den Satz aus, lacht, der Slogan gefällt ihr.

Mal sehen, was ihre Findlinge so treiben werden in der Abgeschiedenheit. Sorgen müsse man sich nicht, meint Angela Ender, die aufmerksamen Augenbrauen hochgezogen: "Das macht die Arbeit nicht braver - es fordert mich heraus."

Das Stipendium

Zwei Jahre Wiblingen Die Kunststiftung Pro Arte vergibt jeweils für zwei Jahre Stipendien. Die Künstler haben die Möglichkeit, in den Ateliers beim Kloster Wiblingen zu arbeiten.

Ausstellung Im zweiten Jahr des Aufenthaltes werden jeweils die Arbeiten der Stipendiaten in der Galerie im Kornhauskeller gezeigt. Außerdem bekommen die Stipendiaten für ihren Lebensunterhalt dazu auch ein Geldstipendium von monatlich 600 Euro ausgezahlt. Die Auswahl der Stipendiaten erfolgt durch das Auswahlgremium der Stiftung.

Bewerbung Schriftliche Bewerbung mit Katalogen, Bewerbungsmappe, Vita et cetera gehen an die Pro Arte Ulmer Kunststiftung. E-Mail: galerie@proarte-ulmer-kunststiftung.de

 

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