Ulm Andrea Tiebel-Quast arbeitet als „Kulturpatin“ mit Kindern der Schaffner-Schule

Spielerisch wiederholen die Viertklässler an der Schaffner-Schule die geometrischen Formen mit Andrea Tiebel-Quast.
Spielerisch wiederholen die Viertklässler an der Schaffner-Schule die geometrischen Formen mit Andrea Tiebel-Quast. © Foto: Volkmar Könneke
Ulm / LENA GRUNDHUBER 13.07.2016
Seit einigen Monaten sind die „Kulturpaten“ an zwei Ulmer Schulen: Geschickt von der Stiftung Gänseblümchen, arbeiten sie künstlerisch mit Kindern.

„Ein Mädchen darf nicht zu dünn sein“, findet Melisa. Sie ist auch sonst ein Mensch mit Meinung, schließlich besucht sie schon die vierte Klasse in der Martin-Schaffner-Grundschule und ist bereits vom Dreimeterbrett im Schwimmbad gesprungen. „Was Neues ausprobieren ist immer gut“, findet sie. Weshalb sie sich auch redlich Mühe mit dem Draht gibt, aus dem ihr nicht zu dünnes Mädchen mit einem kleinen Bäuchlein entstehen soll. Das ist nicht ganz einfach, doch Melisa hat ja reichlich Zeit: Zwei ganze Schultage arbeitet die Klasse an diesem Kunstprojekt, angeleitet nicht von ihren Lehrerinnen, sondern von der Künstlerin Andrea Tiebel-Quast.

Seit Februar bis zum Schuljahresende ist die Malerin und Bildhauerin einmal die Woche in der Schaffner-Schule, schließlich soll jede Klasse in den Genuss der zwei kreativ-freien Tage kommen. Entsandt ist sie von der Stiftung Gänseblümchen, die kulturelle Teilhabe für sozial benachteiligte Kinder und Jugendliche in der Region ermöglichen will. Die Schule sei dafür ein gutes Feld,  sagt Stiftungsvorstand Petra Nething: „Hier erreicht man viele Kinder, die außerhalb der Schule kein kulturelles Angebot wahrnehmen können.“ Diese „Kulturpatenschaft“ sei ein Pilotprojekt  – und zwar ein doppeltes, denn seit vergangenem Jahr sind auch Tänzer des Theaters Ulm an der Wilhelm-Busch-Schule und üben dort mit den Schülern ein Tanzstück ein. „Unser Ziel ist, das Projekt kritisch zu prüfen und vielleicht auf andere Schulen auszuweiten“, sagt Nething.

Für die Rektorin der Schaffner-Schule, Anja Prinz-Kanold, macht die Kulturpatenschaft durchaus Sinn, denn gerade als Nicht-Pädagogin ermögliche Andrea Tiebel-Quast einen ganz anderen Zugang als der Kunstunterricht: „Sie durchläuft den künstlerischen Prozess ganz mit den Kindern“ – vom Kleister-Anrühren bis zum fertigen Werk.

Dabei nimmt die Künstlerin in Absprache mit den Lehrern Themen auf, die in der jeweiligen Klasse gerade anstehen. In Melisas vierter Klasse rekapitulieren die Kinder nebenbei die geometrischen Formen. Vor der Arbeit am Draht haben sie den menschlichen Körper in abstrakte Formen aufgeteilt gezeichnet: „Der Kopf ist ein Oval“, erklärt Andrea Tiebel-Quast jetzt auch gerne noch einmal. Und die weiblichen Brüste sind bei den meisten Kindern Dreiecke – was den Bogen zu einem anderen Thema in der Klasse spannt, der Geschlechtererziehung. Viele Kinder an ihrer Schule seien Ganztagsschüler, sagt Anja Prinz-Kanold, umso wichtiger seien Kooperationspartner, die ein zusätzliches Angebot ermöglichen.

Und die Kinder? Die seien offen, interessiert und kreativ, findet Andrea Tiebel-Quast. Die „Wohlfühlatmosphäre“ jenseits des normalen Unterrichts tue manchmal wahre Wunder. Ein geistig behinderter Schüler, der sich zuvor immer verweigert hatte, habe zum Erstaunen der Sonderpädagoginnen richtig am Thema gearbeitet. Für ein bisschen Ruhe müsse sie hin und wieder schon sorgen, auch dass der Draht kein Spielzeug ist, darf man mal erwähnen, ansonsten verläuft die Bastelei entspannt.

Kreuz und quer, krumm und schief darf der Draht gewunden werden, „jede Figur darf so gemacht werden, wie ihr das haben wollt“, sagt die Künstlerin. Ein paar Tipps gibt sie noch, etwa dass der Kopf über die Größe der Figur entscheide. „Ansonsten nicht gleich verzweifeln, wenn nicht alles klappt – wir haben Zeit.“

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