Ulm Anders gleich sein: Portrait eines lesbischen Pärchens

Lisa Riesner 08.08.2012
Sie sind verheiratet, haben seit Kurzem ein Kind, führen ein ganz normales Leben - und dennoch ist es in Teilen anders: Jana und Melanie sind lesbisch. Ein Portrait.
Leon schläft. Sein kleiner Mund ist leicht geöffnet. Eine winzige Zungenspitze drückt sich durch den Raum zwischen seinen Lippen. Es sieht ein bisschen aus, als würde er die Zunge rausstrecken. Leons Mutter lächelt ihn glücklich an. Seine andere Mutter streichelt ihm den Kopf. Leon hat zwei Mütter - denn Leons Eltern sind lesbisch.

Aber Jana und Melanie (alle Namen geändert) gehören keiner Frauenbewegung an, sie hören nicht Rosenstolz und kokettieren nicht mit männerfeindliche Parolen. Sie leben ein ganz normales Leben. Mittelpunkt dieses Lebens ist seit Kurzem der kleine blonde Leon.

Um sieben Uhr klingelt in dem kleinen Ort im Alb-Donau-Kreis jeden Morgen der Wecker. Wenn Jana und Melanie aufstehen, ist Leon meistens schon wach und macht sich bemerkbar. Er ist auch der Erste, der etwas zu essen bekommt. Im Bad muss es für die Frauen schnell gehen: Eine kurze Dusche, Zähne putzen, etwas Make-up. Für Melanie steht danach der Haushalt an: Abspülen, Staubsaugen, Bad putzen. Jana hält währenddessen den acht Wochen alten Leon bei Laune. Danach geht es zur Arbeit. „Wir tun das, was andere auch tun. Wir waschen, wir streiten, wir gucken Fernsehen“, sagt die 23-jährige Melanie.

Eine typische Rollenverteilung gibt es bei den jungen Eltern aber nicht. „Jeder dachte, dass Melanie das Kind bekommt. Ich habe ja die kurzen Haare und werde oft für den männlichen Part gehalten. Aber so ist das nicht. Ich wollte das Kind austragen, weil ich mir gesagt habe, dass ich, bevor ich dreißig bin, ein Kind bekommen will. Melanie kann ja dann das Zweite kriegen“, sagt die 29-jährige Jana. Schwanger wurde die rothaarige Mutter durch künstliche Befruchtung. Insgesamt hat das Paar 70 Befruchtungskliniken angeschrieben, nur drei haben letztlich zugesagt. Die jungen Frauen entschieden sich für eine Klinik in München. Neun Monate später kam Leon auf die Welt. „Ich war froh, dass Melanie bei der Geburt dabei war“, sagt die 29-Jährige.

Aber es gab auch eine Zeit vor Leon und eine Zeit bevor sich Jana und Melanie überhaupt kannten. Mit 20 hat sich Jana geoutet. Die Familie hatte es schon geahnt und alle waren froh, als raus war, dass Jana lesbisch ist. Trotzdem gab es Probleme: „Ich erinnere mich noch daran, als ich es meiner Schwester erzählt habe: Sie ist in Tränen ausgebrochen. Sie meinte nur: ‚Erzähl das ja nicht meinen Freunden, was denken die sonst von mir’. Jetzt ist aber alles wieder gut“. Melanie war, bis sie 18 Jahre alt war, nur mit Männern zusammen. Dann entdeckte sie ihre Zuneigung zu Frauen: „Ich hatte schon Kontakte zu Homosexuellen und empfand es deshalb als nichts Schlimmes. Ich hatte nur etwas Angst, dass mich meine Mutter nicht ernst nimmt und sagt: ‚Jetzt hat die wieder nen Spinner’“. Probleme beim Outing gab es bei Melanie nicht: „Niemand war verwundert“.

Die Geschichte der Beiden als Paar nahm ihren Anfang mitten in Ulm: Melanie, eine kleine, zierliche Frau mit braunen Haaren, sprach die um einiges größere Jana in einer Disko an. Kurze Zeit später waren sie zusammen. „Seitdem waren wir keine Nacht mehr getrennt“, sagt Melanie. 2010 haben die Frauen geheiratet. Allerdings nicht offiziell. Denn offiziell nennt man das eine eingetragene Lebenspartnerschaft. „Wir haben rechtlich gesehen nur Nachteile. Ich bin Melanie jetzt, und auch im Falle einer Scheidung, unterhaltspflichtig. Außerdem werden wir steuerlich nicht begünstigt“, sagt Jana.

In der Politik ist dieser Tage die Debatte um eine steuerliche Gleichstellung homosexueller Lebenspartnerschaften neu entbrannt. Bundesfamilienministerin Kristina Schröder (CDU) begrüßte den Vorstoß von Bundestagsabgeordneten ihrer Partei für eine steuerliche Gleichstellung gleichgeschlechtlicher Lebenspartnerschaften. Doch bis sich etwas ändert, wird es noch dauern. Jana und Melanie haben sich mit den Umständen abgefunden, nachvollziehen können sie sie aber nicht. „Die Vorteile, die eine Heirat bietet, dürfen wir nicht nutzen. Das verstehe ich nicht, denn wir führen eine Beziehung wie jedes andere Paar“, sagt Jana.

Seit die beiden zusammen sind, ist es ihnen umso wichtiger, sich ganz normal durchs Leben zu bewegen: Sie sind in Vereinen in ihrem Ort engagiert und wenn ein Flohmarkt ist, sind sie dabei. „Wir wollen gleichgestellt sein, also müssen wir auch etwas dafür tun“, sagt Melanie. Manchmal ist es trotzdem schwierig, ein Teil der Gesellschaft zu sein. „Wir sind offen, verstecken uns nicht und beantworten alle Fragen. Aber wenn wir händchenhaltend durch Ulm laufen oder den Kinderwagen durch den Park schieben, fühle ich mich oft wie bei der Raubtierfütterung - die Leute gucken und verstehen es einfach nicht“, sagt die die 23-Jährige.

Irgendwann wird der kleine Leon größer sein und in den Kindergarten kommen. „In unserem Ort haben wir nur einen katholischen Kindergarten. Das wird auf jeden Fall schwierig werden. Die Mütter könnten ihren Kindern sagen: Mit dem darfst du nicht spielen“, sagt Melanie. Davor haben die beiden Angst. Eine Angst, die vielleicht unbegründet ist. Eine Angst, die in einer offenen modernen Gesellschaft aber auch nicht existieren dürfte.