Am Anfang war der Backstein

Eine Arbeit Frank Raendchens in der Pauluskirche. Foto:ClaudiaReicherter
Eine Arbeit Frank Raendchens in der Pauluskirche. Foto:ClaudiaReicherter
CLAUDIA REICHERTER 26.07.2012
Kunst zum Betrachten, aber auch zum Mitgestalten. Der Ulmer Künstler Frank Raendchen zeigt in der Pauluskirche Arbeiten aus Backsteinen.

Sie sehen aus wie Miniatur-Hochhäuser, Mahnmalen gleich auf acht mannshohen Sockeln zwischen den beiden Säulengängen in der Ulmer Pauluskirche verteilt. Sie sind verschieden hoch, verschieden breit, schimmern verschiedenfarbig im Licht der Lampen und vielfarbigen Glasfenster. Sie lassen sich umschreiten - und berühren.

Ganz recht: Der aus Norddeutschland stammende Ulmer Künstler Frank Raendchen (50) hat dort eine Version seiner"Backstein-City" aufgebaut. Auf den ersten Blick verstecken sich die weißen Holzpodeste, die sie tragen, fast im weiten Raum der Kirche. Doch wer sich ihnen nähert, bemerkt das Augenzwinkern hinter Raendchens Arbeit.

Von weitem könnten die 18 bis 38 Zentimeter hohen Backsteine auf den Sockeln auch Pilze darstellen oder Phalli, von nahem aber erinnern sie eindeutig an eine Skyline. Jedes noch so kleine Element reklamiert für sich den Individualismus moderner Baukunst.

Raendchen rädelt die Steine, schneidet sie quer durch und fügt dazwischen sogenanntes Floatglas ein, Flachglas, das auch für Fenster, Autofenster und Spiegel verwendet wird. Ganz gewöhnliche Baumaterialien also, die wieder zusammengesetzt nicht nur länger und oft schräg, sondern auch grazil und auf ganzeigene Weise reizvoll wirken.

Über die Jahre hat der Künstler auf der ganzen Welt Backsteine gesammelt und sich mitbringen lassen. Voraussetzung: Der dafür verwendete Lehm muss"handgeschlagen sein".

Die in der Pauluskirche verwendeten Steine kommen von der Ulmer und der Rostocker Stadtmauer, einem Stralsunder Bürgerhaus, Raendchens Geburtsort, der Festung von Havanna, einem Stadthaus in Santiago de Cuba, einem Fischerhaus in Hamburg-Altona, einem Strandhaus in Sydney und einer ostholsteinischen Scheune."Die Hamburger sind die kleinsten, die Ulmer die größten", sagt Raendchen, der sich wundert, weshalb die Baumeister von einst solch unterschiedliche Baumaterialien bevorzugten. Derälteste ist mehr als 800, der jüngste 170 Jahre alt. Raendchen zerschneidet sie alle, ohne Ehrfurcht vor Alter und Historizität - mit dem Ziel, daraus etwas Neues, Schönes zu gestalten. Etwas, in dem Pauluskirchen-Pfarrer Adelbert Schloz-Dürr ein Bild unserer diversifizierten, spannungsgeladenen Welt sieht, eine Art moderner Türme von Babel.

Die modernen Individuen dürfen in der Pauluskirche noch bis 12. August auch selbst zupacken und kreativ werden: In der hinteren rechten Ecke der Kirche sind 100 weitere Backsteine lose auf einem flachen Sockel platziert. Die soll der Besucher explizit anfassen, umstellen, aufstapeln, demontieren.