Konzert Rolling Stones in Stuttgart: Alterslos gut

Stuttgart / Udo Eberl 01.07.2018
Die Stones präsentierten sich in der Mercedes-Benz-Arena in Bestform und rissen ihre Fans mit zahllosen Klassikern über zwei Stunden hinweg mit.

Mick Jagger (74), Keith Richards (74), Ron Wood (71), Charlie Watts (77) – gemeinsam ewig jung, unsterblich sowieso. Die Rolling Stones beweisen auf ihrer „No Filter“-Tournee durch Europa in der mit 43.000 Fans nicht komplett ausverkauften Stuttgarter Mercedes-Benz-Arena einmal mehr, dass Musik-Leidenschaft eine ganz besondere Medizin ist. Alterslos tänzelt der gertenschlanke Jagger über die gewaltige Bühne und den Laufsteg durchs Publikum, dreht sich wirbelwindig, singt wie einst. Die beiden sich gegenseitig anfeuernden Gitarren-Haudegen lassen keine Rockstar-Pose aus, und Charlie Watts macht an den Drums bisweilen mächtig Druck.

  Sie müssten schon lange nicht mehr auf die Bühne, sie wollen. Längst hängt der eine oder andere Musiker der Stones nicht mehr an der Nadel, aber sie sind süchtig: nach der Begeisterung der Fans, dem Scheinwerferlicht, dem gewaltigen Sound auf der Bühne, der im Studio oder Proberaum so mächtig nie sein kann. Sie lieben dieses Live-Feeling, haben am Tag des Konzerts noch diese nervöse Vorfreude, wie man hören konnte. Nach all den Jahrzehnten immer wieder ein neues Spiel und trotz all der gestandenen Begleitmusiker auf der Bühne ein Live-Risiko. Ganz am Ende, in der ersten und grandiosen Zugabe „Gimme Shelter“, spielen sich die Stones derart in einen dynamischen Rausch, dass sie kurz davor sind, aus der rhythmischen Kurve zu fliegen, aber natürlich bekommen sie diese – grinsend und lachend. Um dann mit dem finalen „I Can’t Get No Satisfaction“ das finale Feuerwerk zu zünden – vor restlos begeisterten und lautstark mitsingenden Fans.

Teure Tickets, teure Fanartikel

Die mussten vor dem Konzert mächtig beißen. Enorme dreistellige Ticket-Preise, auch bei den Getränken – selbst bei Mineralwasser – und Merchandising wird ordentlich zugelangt. Selbst Fans, die bisher keine Tournee als Besucher verpasst hatten, geben sich da nicht den letzten Ruck. Allerdings: Wer dann im Stadion ist, der kommt voll auf seine Kosten und wird keinen Euro bereut haben. Mit „Street Fighting Man“ und dem ewigen Stones-Motto  „It‘s Only Rock ’n‘ Roll“ geht’s gleich überwältigend los.

Auf gewaltigen LED-Wänden sieht man die Mega-Legenden der Rockmusik auch in den hinteren Rängen ganz nah. Ansonsten kein Schnickschnack. An diesem Konzertabend geht es nur um Musik. Um richtig gute Musik. Mick Jagger hat sich bestens vorbereitet und trumpft mit deutschen Ansagen auf: „Wir spielen zum dritten Mal hier. Das Stadion heißt jedes Mal anders. Aber die Songs sind die gleichen.“ Wie wahr, aber manch ein Song klingt an diesem Abend „ohne Filter“ noch knackiger und kantiger. „Let‘s Spend the Night Together“ ist nach einer Publikumswahl neu auf der Setlist, beim Refrain von „Like a Rolling Stone“ funkeln die Augen von Keith Richards. „Band-Youngster“ Ron Wood, der später von Mick Jagger als „Meister der Kehrwoche“ angesagt wird, strahlt übers ganze Gesicht – wie auch der ewige Stoiker hinten am Schlagzeug, der einen letzten Hi-Hat-Zischer mit Augenzwinkern serviert.

Musiker in Bestform

Während die Zungen über den deutlich gewölbten T-Shirts der Fans immer größer zu werden scheinen, sind die Stones in jeder Beziehung in Bestform. „You Can’t Always Get What You Want“? Sie bekommen und geben alles. Geradezu faustisch übermenschlich – aber hier wurde die Seele auch trotz „Sympathy for the Devil“ ganz einfach an den Rock ’n’ Roll verkauft – mit Haut und Haaren. Jagger schubst Ron Wood für sein Solo auf die Vorbühne, „Paint it Black“ auch visuell in Schwarz-Weiß klingt berauschend gut. Der Sänger ist klatschender Einpeitscher und sagt: „Stuttgart ist eine wunderbare Stadt. Ich wünschte, ich wäre im Baugewerbe.“ Zwei Tage haben er und die Crew im Meridian zwei Hotel-Etagen belegt und S21-Feeling pur mitbekommen.

 Im grandiosen Finale jagt ein zeitloser Hit den nächsten. Die Disco-Stones in „Miss You“ mit Funky-Bass und immer wieder diese Refrains, die mit einem einfachen „Oh yeah“ oder Urlauten auskommen, um zu zünden. „Midnight Rambler“ ist fast schon eine Jam-Session mit glühendem Blues-Kern, dann „Start Me Up“, „Jumpin’ Jack Flash“ und „Brown Sugar“. Eine Setlist der Superlative für ein restlos euphorisiertes Publikum. Am Ende leuchtet auf der LED-Wand ein riesiges „Bis bald“.

Oh yeah, jederzeit, sofort.

Von der Blues-Combo zur Weltmarke

„Die Beatles hatten den weißen Hut auf, also nahmen wir den schwarzen.“ Den Hintergrund zum Keith-Richards-Zitat liefert der Journalist Ernst Hofacker in dem neuen Büchlein „Rolling Stones“ (Reclam, 10 Euro). In der kurz gefassten Geschichte der Band von der Blues-Combo zur Weltmarke finden sich Anekdoten aus dem Leben der Stones ebenso wie ihre Steckbriefe. Mick Jagger etwa hat acht Kinder von fünf Frauen und lässt in jedem seiner Häuser eine viktorianische Haushaltsbibel auslegen.

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel