Bundeswehrkrankenhaus Als Notarzt im Kriegsgebiet im Einsatz

Notarzt Lorenz Lampl während eines Einsatzes im afghanischen Feldlazarett Kundus.
Notarzt Lorenz Lampl während eines Einsatzes im afghanischen Feldlazarett Kundus. © Foto: Bundeswehr
Ulm / Willi Böhmer 23.07.2018
Lorenz Lampl, Ärztlicher Direktor der Anästhesie am Bundeswehrkrankenhaus Ulm, hat viel geleistet und viel erlebt. Am 31. Juli verlässt er die Klinik.

Es war richtig, was ich tat. Aber es hat verdammt viel Kraft gekostet.“ Lorenz Lampl, Professor, Oberstarzt und Ärztlicher Direktor der Anästhesie am Bundeswehrkrankenhaus Ulm, verlässt die Klinik. Am 31. Juli ist Schluss. 37 Jahre ging er beinahe täglich in der Klinik ein und aus. „Ich gehöre nicht zur Gründergeneration, aber zu den Konsolidierern“, sagt er. Sein erster Anästhesiechef war Friedrich Wilhelm Ahnefeld, Nestor der deutschen Notfallmedizin. Lampl und seine Kollegen nahmen dessen Ideen auf und passten sie an die heutigen Möglichkeiten der Intensivmedizin an.

Vieles hat sich geändert seit August 1981, als Lampl, der gerade sein Medizinstudium an der Universität München abgeschlossen hatte, als wehrpflichtiger Stabsarzt zum ersten Mal das Krankenhaus auf dem Oberen Eselsberg betrat. Mit 30 Jahren war er Facharzt für Anästhesie, mit 31 Oberarzt. „Wir haben damals viel Verantwortung übertragen bekommen“, erzählt er. Er war gerade fünf Monate im Fach, als er zum ersten Mal als Notarzt im Hubschrauber zu einem Rettungseinsatz flog. Sein Chef war dabei, schaute ihm auf die Finger. Hinterher sagte er: „Ich hab‘ gesehen, Sie können das.“ Heute wäre das nicht mehr möglich. Nur fertig ausgebildete Fachärzte mit Zusatzausbildung zum Notfallmediziner steigen in den Rettungshubschrauber „Christoph 22“.

Er ärgert sich über Politiker

Damals, in Lampls ersten Ulmer Jahren,  herrschte Kalter Krieg, es gab den Nato-Doppelbeschluss für die Stationierung von Atomraketen und die Sowjetunion war in Afghanistan eingerückt. Inzwischen sind Soldaten in zwölf Staaten stationiert,  von Afghanistan über Mali bis zum Südsudan. Damals konnten sie sich auf ihr medizinisches Fachwissen konzentrieren. Kein Mensch sprach von Posttraumatischen Belastungsstörungen, die durch die Erlebnisse während der Auslandseinsätze ausgelöst werden können. Die Belastung für die Soldatenfamilien ist ebenfalls dramatisch gestiegen. Viele zerbrechen daran. Auch Lorenz Lampls erste Ehe hielt dem Druck nicht stand.

Während des Kosovokrieges 1998 musste er erstmals einen seiner Kollegen in einen Kriegseinsatz schicken. „Das fiel mir sehr schwer.“ Einer der Abteilungschefs der Klinik verließ damals die Bundeswehr, weil er nicht in Auslandseinsätze wollte. Lampl hat es auf 300 Einsatztage gebracht: Afghanistan, Balkan, auf der Fregatte Emden am Horn von Afrika gegen Piraten. Was er seinen Leuten zumutet, müsse er auch selbst tun. Und er ärgert sich über Politiker, wenn sie von Friedensmission in Afghanistan sprachen statt von Krieg, obwohl vor Ort Bundeswehrsoldaten starben, darunter auch ein Arzt des Bundeswehrkrankenhauses Ulm.

Als er in der nordafghanischen Stadt Kundus leitender Notarzt war, geriet eine ungarische Patrouille unter Beschuss. Alle 13 Verletzten kamen auf einmal ins Feldlazarett. Er kannte ähnliche Situationen aus Einsätzen in Deutschland. Etwa als bei Illerrieden bei einem Verkehrsunfall acht Menschen schwerstverletzt wurden, drei der vier Kinder gaben kein Lebenszeichen mehr von sich. Aber er konnte sie nicht reanimieren, weil sonst andere Unfallopfer gestorben wären. Wer von den Schwerstverletzten die höchsten Überlebenschancen hat, wird zuerst behandelt.

Anspruchshaltung hat zugenommen

Die Notfallmedizin hat dramatische Veränderungen erlebt, seit Lampl in der Bundeswehrklinik begann. Jedes Jahr vermeldet die Rettungsleitstelle eine Zunahme der Notrufe von fünf bis sieben Prozent. Die Menschen werden älter, auch die Anspruchshaltung hat zugenommen. Notarzt ist ein Stressjob. Wenn er nicht die Musik, den Sport und autogenes Training gehabt hätte, hätte er es nicht geschafft, sagt Lampl. Was er künftig machen wird? Er will der Medizin ein Stück weit treu bleiben, „aber mit 30 bis 40 Prozent des bisherigen Aufwands“, für Ausbildung, wissenschaftliche Lektorentätigkeit, Gerichtsgutachten. Und vielleicht einmal als Arzt auf einem Kreuzfahrtschiff mitreisen.

Anästhesie ist ein Querschnittsfach

Beruf Medizinstudenten, die nicht wissen, worauf sie sich spezialisieren sollen, rät Lorenz Lampl zur Anästhesie. „Mein Fach ist eines der wenigen Querschnittsfächer in der Medizin. Man muss die Besonderheiten von der Kopfchirurgie bis zur Urologie kennen. Zum Fachidioten kann man da nicht werden.“ Patienten erzählten ihm eher von ihrer Angst als dem Operateur, sagt Lampl. „Ich habe viele Narkosen gemacht, die wesentlich kritischer waren als die Operation selbst.“

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel