Schülerwettbewerb Als Juristen Unrecht taten

Ulm / Verena Schühly 14.06.2018

Er war Schreibtischtäter, im wahrsten Sinn des Wortes, einer mit Macht und Einfluss: Gerhard Klopfer (1905 bis 1987) war Jurist in Diensten der Nazis, Ministerialdirektor in der Parteikanzlei der NSDAP, Staatssekretär in der Reichskanzlei, SS-Gruppenführer und 1942 Teilnehmer der Wannseekonferenz, deren Thema die so genannte Endlösung der Judenfrage war. Kurz vor Kriegsende tauchte er unter, wurde 1946 gefasst, interniert, durchlief die Entnazifizierung als „Minderbelasteter“, musste eine Strafe von 2000 Mark zahlen – und war ab 1956 unbehelligt und unauffällig in Ulm wieder als Rechtsanwalt tätig. 1987 starb Klopfer. Seine Todesanzeige mit dem Text „nach einem erfüllten Leben zum Wohle aller, die in seinem Einflußbereich waren“ löste eine Welle der Empörung aus.

„Völlig zurecht“, findet Anna Weingärtner, „das Thema wurde lange Zeit stark verdrängt.“ Die Ulmer Abiturientin hat mit einer Arbeit über Klopfer den ersten Preis beim Schülerwettbewerb des deutschen Anwaltsvereins gewonnen. Heute wird er ihr in Berlin übergeben (siehe Info-Kasten). „Mich hat das Thema
Unrecht nach 1945 sofort interessiert, auch weil ich Jura studieren möchte“, beschreibt die 18-Jährige ihre Reaktion, als im Herbst ihr Geschichtslehrer am Humboldt-Gymnasium von dem Wettbewerb berichtet hatte.

Anna informierte sich in Ulm und stieß bei Gesprächen  im Dokumentationszentrum Oberer Kuhberg auf Klopfer, über den es bislang nur ein Buch gibt. Sie recherchierte im Landesarchiv Ludwigsburg und im Archiv der Staatsanwaltschaft Ulm, die von 1960 bis 1962 gegen Klopfer wegen seiner Teilnahme an der Wannseekonferenz ermittelte – aber das Verfahren wurde eingestellt. Und sie wandte sich an die Wannsee-Gedenkstätte.

In den Weihnachtsferien begann die junge Frau mit dem Schreiben, parallel zu den Vorbereitungen aufs Abi­tur. „Es hat Spaß gemacht, war aber mehr Arbeit als gedacht.“ 26 Textseiten sind es geworden, ohne den Anhang und die Materialsammlung.

Im April schickte Anna alles nach Berlin – und war überrascht, als Ende Mai per Mail die Nachricht kam, dass sie den ersten Platz gemacht hat: „Damit hätte ich niemals gerechnet.“

Gestern war der letzte  Teil ihrer Abi-Prüfungen – Volleyball für den praktischen Teil des Fachs Sport – und heute Früh ist sie mit ihren Eltern nach Berlin aufgebrochen. Am Abend wird sie zur Preisverleihung eine kurze Präsentation ihrer Arbeit halten – und dann darf gefeiert werden.

„Die historische Wahrheit herauszufinden, ist schwierig“, sagt Anna Weingärtner nach ihrer intensiven Beschäftigung mit Gerhard Klopfer. Sie hat in ihrer Arbeit auch ein Kapitel der Frage gewidmet, wie Klopfer heute bestraft würde. „Mittlerweile gibt es ein größeres Interesse in der Gesellschaft, die NS-Vergangenheit aufzuarbeiten.“

Sie geht davon aus, dass sich Klopfer wegen Beihilfe zum Mord verantworten müsste  – an Millionen von Opfern.  „Er war kein Haupttäter, aber ein Schreibtischtäter. Er hatte eine Machtposition inne und könnte nicht behaupten, dass er nicht wusste, wohin das alles führte.“ Weil sich die Strafe nach der Anzahl der Opfer bemisst, „wären das schon mindestens vier Jahre Haft“, davon geht Anna aus.

Woher kommt ihr Interesse? „Es ist wichtig, sich mit der Geschichte auseinanderzusetzen. Denn es brauchte keine Monster, damit so etwas geschehen konnte“, sagt die Abiturientin nachdenklich. Darum findet Anna es erschreckend, dass inzwischen so viele Menschen AfD wählen. „Es ist wichtig, für die Demokratie einzutreten.“

Bedeutsam ist für sie, die NS-Zeit differenziert zu betrachten. „Es geht nicht darum, alle Menschen zu verurteilen, die damals gelebt haben. Ich weiß nicht, wie ich gelebt hätte. Ich hätte sicher nicht den Mut gehabt, Widerstand zu leisten und dafür zu sterben wie Sophie Scholl.“

Im Juli will Anna Weingärtner ein Praktikum bei einer Anwaltskanzlei in Ulm machen, als Vorbereitung fürs Jura-Studium in einem Jahr. In der Zwischenzeit plant sie erst mal eine Pause: Bei einem Ferienjob Geld verdienen und dann mit einer Freundin durch China, Vietnam und Australien reisen. Anschließend noch ein paar Monate in einem Sozialprojekt in Argentinien mitarbeiten. „Ich will ein bisschen was von der Welt sehen und meine Sprachen verbessern. Aber ich möchte auch, dass das selbst verdiente Erfahrungen sind.“

Festakt und Diskussion

Thema „UnRecht – Juristinnen und Juristen nach 1945“ lautete das Thema des Schülerwettbewerbs 2017/18 des Deutschen Anwaltsvereins. Ziel war es, die unzureichende Aufarbeitung der NS-Vergangenheit in juristischen Berufen zu dokumentieren. Heute, Donnerstag, 18 Uhr, ist im Kammergericht Berlin  die Preisverleihung und eine Podiumsdiskussion zum Thema. Teilnehmer sind Bettina Limperg, Präsidentin des Bundesgerichtshofs, Franz Kompisch, Richter im Lüneburger Auschwitz-Verfahren, Norbert Frei, Leiter des Jena Centers „Geschichte im 20. Jahrhundert“ und Janwillem van de Loo, Initiative „Palandt umbenennen“. Moderatorin ist Sybille Steinbacher, Direktorin des Fritz-Bauer-Instituts.