Buchmesse Alles eine Frage des Gehirns

Ulm / Jürgen Kanold 12.10.2018

Also, da hätte kein Ulmer zur Buchmesse nach Frankfurt fahren müssen: Die beliebte ARD-Bühne im Forum bot dem internationalen Publikum am Mittwoch nicht nur die omnipräsente Georgierin Nino Haratischwili (die am 29. November auch ins Roxy kommt), sondern reihenweise Gäste von der Donau. Der in Ehingen geborene Karl-Heinz Ott stellte seinen Roman „Und jeden Morgen das Meer“ (Hanser) vor, Amelie Fried sprach über ihren neuen Roman „Paradies“ (Heyne) und der nur ein Jahr später, 1959, ebenfalls in Ulm geborene Science-Fiction-Autor Andreas Eschbach über seinen weniger paradiesischen neuen Bestseller „NSA – Nationales Sicherheits-Amt“ (Lübbe).

Danach kam gleich Manfred Spitzer mit seinem neuen Buch „Die Smartphone-Epidemie“ (Klett-Cotta) und türmte derart schnell und schnoddrig belehrend seine Zahlen, Studien und Fakten auf den Tisch, dass selbst ARD-Moderatorin Bärbel Schäfer fast die Puste ausging. Die Gefahren für Gesundheit, Bildung und Gesellschaft ob des exzessiven Gebrauchs von Smartphones zählte Spitzer geradezu missionarisch auf und erntete viel Beifall für so populistische Thesen wie:  „Je mehr Computer in die Schulen kommen, desto schlechter werden die Schüler.“ Mit Erstaunen nahm das Publikum auch zur Kenntnis, dass in Südkorea bereits 95 Prozent der Menschen kurzsichtig seien, weil sie ihre Augen am kleinen Bildschirm des Smartphones ruinierten.

McGregors Götter

Solche Sorgen hatte das analoge Steinzeit-Volk noch nicht. Damals, vor 40 000 Jahren, begann der Homo sapiens damit, sein Gehirn für mehr zu gebrauchen als den täglichen Kampf ums Essen, ums Überleben. Man fing an, etwas zu schaffen, was in der Natur nicht vorkommt, und zwar künstlerisch: den Löwenmenschen. Wirklich ein Kultursprung gegenüber dem Neandertaler: Diese sorgfältig geschnitzte Figur vermittelt ein Gefühl von Kraft und Spiritualität.

Mit dem Löwenmenschen beginnt das neue Buch des britischen Star-Historikers Neil­McGregor, das wieder auf seinen BBC-Sendungen basiert: „Leben mit den Göttern“ (C.H.Beck). Der Verlag präsentiert in Frankfurt die schwergewichtigen Bände im Goldcover hinter Glas. Für ­McGregor, der Kulturgeschichte so verblüffend einfach und prägnant erklären kann, sind am Löwenmenschen die Anfänge des Glaubens auszumachen. Mit der Figur habe sich die Gemeinschaft am Feuer in der Stadel-Höhle ihre Geschichten erzählt. Mit dem Löwenmenschen also fing praktisch der Mythos Buchmesse an.  

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