Ulm Alles an die Wand!

Ulm / RUDI KÜBLER 28.08.2012
Multiwall - so heißt das Möbelkonzept von Halil Karacaoglu und Sebastian Stittgen. Der Entwurf der Studenten der HfG Schwäbisch Gmünd wird im Studentenwohnheim auf dem Oberen Eselsberg realisiert.

Studentenwohnheim? Viele Studenten winken da nur ab, für sie käme es einer Strafe gleich, dort einziehen zu müssen. Zu klein, zu steril - im besten Fall lässt sich noch der Schreibtisch verschieben. Von Individualität keine Spur. Das hat auch Sebastian Stittgen so erlebt, in einem Studentenwohnheim, das den etwas eigenen Zauber der 70er Jahre atmete und mit Möbeln aus billigstem Material eingerichtet war. Lange hielt er es dort nicht aus, nicht mal Nägel durfte er in die Wand schlagen.

Der Student (22) der Hochschule für Gestaltung (HfG) Schwäbisch Gmünd brachte also die "besten" Voraussetzungen für das Projekt mit, das im vergangenen Sommersemester anstand: nämlich ein Konzept für ein 18 Quadratmeter großes Studenten-Appartement in einem Wohnheim zu entwerfen. Wer, wenn nicht der Student selber, weiß besser, was seinesgleichen will. Eben kein 08-15-Zimmer, sondern eines, das er selber noch verändern kann.

Also machten sie sich an die Aufgabe. Sie? Das ist das Duo Stittgen/Karacaoglu. Der ein Jahr ältere Halil Karacaoglu studiert ebenfalls im gleichen Semester Produktgestaltung - und bereits in der ersten Phase, als sie ihre Grobentwürfe auf Papier brachten, zeichnete sich eines ab: Schrank, Regal, Bett und Küchenzeile lag die selbe Handschrift zugrunde, beziehungsweise basierten sie auf der selben Idee. Nämlich einer Art Lochwand, in die über Halterungen Regalböden, Schubkästen, offene sowie geschlossene Elemente eingehängt werden können. "Ähnlich einer Werkzeugwand", erklärt Karacaoglu das Prinzip. Praktisch sollte das Möbel sein, "aber auch ästhetisch ansprechend", fügt Stittgen hinzu.

Der Charme des Projekts: Die Studenten gestalteten nicht für den luftleeren Raum, sondern hatten ein klar definiertes, im Bau befindliches Objekt vor sich. Das Studentenwohnheim, das das Studentenwerk Ulm derzeit auf dem Oberen Eselsberg bauen lässt. Mit Einzel-Appartements und Wohngemeinschaften für insgesamt 300 Studenten. Spatenstich für dieses erste, mitten auf dem Campus stehende und 15 Millionen Euro teure Gebäude, war im März dieses Jahres, zum Wintersemester 2013 sollen die ersten Studenten das Wohnheim beziehen.

Bei der Zwischenpräsentation aller sechs Konzepte war die Idee des Duos Stittgen/Karacaoglu als "gewitzt" bezeichnet worden; zu diesem Zeitpunkt konnten die beiden allerdings noch nicht ahnen, dass der hochschulinterne Wettbewerb auf sie zulaufen würde. Jetzt gings zunächst in die Details, Papier ist geduldig. Wie sollte die "Multiwall", die Wand, die alles kann, vom Material her beschaffen sein? Wie die Schubkästen? Wie die Stoffablagen für Stifte oder für das Besteck? Und wie die Halterungen? Schließlich, so die Idee, sollte die Multiwall mit einfachen Handgriffen verändert und auf die jeweiligen Bedürfnisse angepasst werden können. Die genauen Maße waren gefragt, die Löcher, die Abstände. Dann bauten die beiden ein Modell aus Pappel-Schichtholz, lasergeschnitten, "das muss schon ordentlich ausschauen", sagt Karacaoglu. Und dafür haben sich die zwei Studenten ordentlich reingehängt. Der Aufwand war groß, "wir haben die Werkstätten an der Hochschule genutzt, zwei Wochen lang jeden Tag", sagt Stittgen. Handwerklich geschickt zu sein, sei durchaus von Vorteil für Produktgestalter.

In der Nacht vor der Abschlusspräsentation haben Karacaoglu und Stittgen kein Auge zugetan. Wie das eben so ist, alles immer auf den letzten Drücker: die 30-seitige Dokumentation mit allen Varianten, auch denen, die sie während des Semester ent- und dann verworfen hatten. Noch letzte Hand an die Beamer-Präsentation gelegt. Und als sie morgens dann endlich vor der Jury standen - unter anderem mit Claus Kaiser, Geschäftsführer des Studentenwerks Ulm -, waren sie völlig übernächtigt. Aber: Alles lief glatt, die Multiwall der beiden Studenten wurde für ihre "Flexibilität, Leichtigkeit und strukturell durchdachte Konzeption" gelobt und auf Platz eins gesetzt.

Das allein schon war "super", sagt Karacaoglu und lacht. Es sollte noch besser kommen, viel besser. Denn erstens wird ihr Konzept auch realisiert. Und zweitens haben die Münchner Architekten "Bogevischs Büro", die nicht nur das Ulmer Studentenwohnheim entworfen haben, sondern auch für die Inneneinrichtung verantwortlich zeichnen, sie zu einem zweimonatigen Praktikum eingeladen. Nach der Arbeit noch eine Zusatzschicht? Dazu noch in den Semesterferien. Die beiden tragen die Mehrarbeit mit Fassung - und mit Stolz. Stittgen: "Wer kann als Student schon so ein Projekt vorweisen?"

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