Ulm Alle profitieren: Wie Schaffner- und Bahmann-Schule Inklusion umsetzen

Ulm / VERENA SCHÜHLY 26.07.2013
Inklusion ist ein Wort, über das oft diskutiert wird. Schaffner-Grundschule und Bahmann-Förderschule setzen es gemeinsam in zwei Klassen um. Die Reaktionen sind positiv, aber einfach ist es nicht immer.

Endlich Ferien, da mögen viele Eltern und besonders die Schüler gar nicht an die Schule denken, die am 9. September wieder beginnt. Für die meisten Kinder ist auch klar, welche Schule sie dann besuchen werden. Aber es gibt einige Eltern, die noch auf den Bescheid warten - vornehmlich die, die sich um eine  inklusive Beschulung ihrer behinderten Kinder bemühen . Rund 85 neue Anträge gibt es für das Schuljahr 2013/14 - und neun davon sind bewilligt worden.

"Der Rest ist nicht automatisch abgelehnt, sondern ein Teil der Verfahren ist noch nicht abgeschlossen", erklärt Gerhard Semler, Chef der Abteilung Bildung und Sport der Stadt Ulm. 32 behinderte Kinder wurden im jetzt abgelaufenen Schuljahr 2012/13 in der Stadt inklusiv beschult.

Als Definition hat sich durchgesetzt, dass in einer Inklusionsklasse alle Schüler gemeinsam lernen - bei unterschiedlichen Geschwindigkeiten. Die behinderten Schüler bekommen je nach Bedarf Unterstützung von einem Schulbegleiter, der aber kein Pädagoge sein muss und der den Schüler befähigt, am Regelunterricht teilzunehmen.

Eine Vorstufe der Inklusion sind integrative Außenklassen: Hier kommt eine kleine Gruppe von Kindern einer Sonder- oder Förderschule mit einem eigenen Lehrer in eine Regelklasse. In manchen Fächern wie Sport, Religion oder Kunst werden alle gemeinsam unterrichtet. Im jetzt zu Ende gegangenen Schuljahr waren 28 Kinder der Gustav-Werner-Schule in Außenklassen.

Inzwischen ist die Form weiterentwickelt und heißt "gruppenbezogene Lösung". Dabei geht die Gruppe Sonderschüler (meist vier) in der Regelklasse auf, für die es jetzt zwei Lehrer gibt: einen regulären Klassenlehrer und einen Sonderpädagogen. "Weil es keine Separation gibt, spricht man hier von Inklusion", erklärt Semler. Wie viele Stunden der Sonderpädagoge in der Klasse ist, hängt von der Anzahl der Sonder-/Förderschüler ab.

Die Martin-Schaffner-Grund- und die Alois-Bahmann-Förderschule arbeiten so zusammen in der künftigen zweiten und vierten Klasse. "Für die Kinder fühlt es sich so an, als wären sie eine Klasse", sagen die beiden Rektorinnen Anja Prinz-Kanold und Renate Unsöld. "Es gibt keine Unterscheidung in mein Lehrer, dein Lehrer - sondern die beiden agieren gleichberechtigt als pädagogisches Team."

Teamarbeit ist für Lehrer Neuland. Lisa Wollenberger (30) kam frisch aus dem Referendariat und hatte dort nichts derartiges gelernt: "Ich war es nicht gewohnt, zu zweit zu arbeiten und mich mit jemandem auszutauschen." Die Grundschullehrerin war aber offen für das Projekt Inklusionsklasse. "Ich habe schnell gemerkt, welche Vorteile es hat, die Last auf die Schultern von zwei Menschen zu verteilen."

Ihre Tandem-Partnerin ist die Sonderschullehrerin Katharina Dinkelacker (42). Sie war schon einige Jahre an der Gustav-Werner-Schule und fand es "total interessant, neue Strukturen kennen zu lernen". Als Team mussten sie beide erst zusammenraufen, eine gemeinsame Methode und Arbeitsmaterialien entwickeln. Beide Frauen sagen, dass die Absprachen zeitintensiv sind und sie manchmal auch Kompromissfähigkeit brauchen. Unbedingt nötig ist auch gegenseitige Sympathie, die sich von oben nicht verordnen lässt. "Für uns ist es eine große Bereicherung."

Dadurch dass zwei Kolleginnen in der Klasse sind, kann eine - wenn es nötig ist- eine Gruppe für besondere Förderung herausnehmen. Und das sind nicht immer automatisch die Förderschüler. Die Erfahrungen zeigen, dass auch die Schaffner-Schüler profitieren, besonders die mit Sprachschwierigkeiten.

Sonderpädagogin Dinkelacker benennt die Vorteile: "Für die Kinder - und die Eltern - fällt die Stigmatisierung Förderschule weg, und Kinder lernen schneller und sind leistungsmotivierter." Außerdem lassen sich Konflikte, die ja in jeder Klasse entstehen, mit zwei Lehrern leichter entzerren und lösen.

Die beiden Pädagoginnen formulieren ihre Grundhaltung: "Jeder Schüler ist so, wie er ist, und das ist auch in Ordnung so. Es ist eine bunte Mischung von Kindern, denen das Lernen leichter oder auch mal schwerer fällt." Und sie sehen sich in einer noch rößeren Verantwortung: "Wir machen, was die Gesellschaft erwartet."

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