Ende November wird es in der weißrussischen Hauptstadt Minsk zapfig kalt. Dicke Wintermäntel begleiten die Menschen durch den Tag, die Sonne zeigt sich selten. Der Novemberblues hat die Metropole fest im Griff. Und trotzdem liebt Alexander Balysh diese Zeit. Es ist die Zeit seiner großen Reise. Mit Koffer und Cello im Gepäck steigt der 56-Jährige in den Bus, um eine weite Fahrt auf sich zu nehmen: 32 Stunden, 1.700 Kilometer. Jedes Jahr. In diesem Winter schon zum 22. Mal. Immer mit demselben Ziel: Ulm.

Zarte Weihnachtsklänge in der Ulmer Innenstadt

Rund um den festlich geschmückten Weihnachtsmarkt unterm Ulmer Münster fühlt sich Balysh zuhause. Sobald er es sich auf seinem Holzhocker bequem gemacht hat und mit seinem Cellobogen ansetzt, zieht er die Menschen in seinen Bann. Zu den Klängen von „Stille Nacht“ oder „Ave Maria“ vergessen sie alles um sich herum. Hören zu. Genießen den Moment. Schnell wird ihnen klar: Der Mann mit dem Cello ist nicht wie die anderen Straßenmusiker.

Alexander Balysh: Cellist bei der Staatlichen Philharmonie Minsk

Kein Wunder, schließlich ist Balysh Cellist bei der Staatlichen Philharmonie in Minsk. Ein befreundeter Kontrabassspieler lud ihn vor 22 Jahren zum ersten Mal nach Ulm ein. Da Musiker in Weißrussland oft kämpfen müssen, um über die Runden zu kommen, nutzte Balysh die Gelegenheit, um sich im weihnachtlichen Treiben der Münsterstadt ein Zubrot zu verdienen. „Schon beim ersten Mal war ich von der Warmherzigkeit und dem Interesse der Ulmer begeistert“, blickt Balysh zurück. Er kam wieder, knüpfte Kontakte und durfte in den darauffolgenden Jahren bei Zuhörern in Bernstadt, Blaustein und Neu-Ulm übernachten.

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Ulmer Schätzen Balyshs Cello-Spiel seit vielen Jahren

In diesem Jahr wohnt Balysh in Ulm am Michelsberg. Sein Freund Ferdinand Gaal hat ihm die Bleibe vermittelt. Auch Gaal ist ein begeisterter Zuhörer: „Wenn ich durch Ulm schlendere und Alexander spielen höre, ist die Weihnachtszeit perfekt.“ Diese Meinung teilt auch Hans-Peter Behm vom gleichnamigen Briefmarkenshop: „Alexander gehört zum weihnachtlichen Stadtbild dazu. Ich freue mich riesig, wenn er bei uns in der Platzgasse spielt.“

Nach 22 Wintern wird klar: Balysh ist vielen Ulmern ans Herz gewachsen. Er ist zum Weihnachtsmusiker mehrerer Generationen geworden. „Neulich kam eine Mutter mit ihrer jungen Tochter zu mir. Beide strahlten mich an und die Mutter erzählte, dass sie mir seit ihren Teenagerjahren jeden Winter zuhört – und diese Tradition nun mit ihrer Tochter fortführen möchte“, erzählt Balysh. Die sonst so klaren Augen des Weißrussen schimmern bei dieser Aussage feucht. Die Verbindung zu Ulm und den dort lebenden Menschen hat für ihn eine große Bedeutung.

Balysh sucht Bleibe in Ulm oder Umgebung fürs kommende Jahr

Umso intensiver beschäftigt sich Balysh derzeit mit der Wohnungssuche fürs kommende Jahr. Noch hat er keine Bleibe und freut sich über Tipps. Die Stimmung lässt er sich trotz allem nicht verderben. Noch bis zum 22. Dezember werden seine Melodien durch die Gassen tönen, ehe er in den Bus zurück nach Minsk steigt. Zuhause warten seine Frau und seine zehnjährige Tochter schon sehnsüchtig auf ihn.

Wer möchte Alexander Balysh im kommenden Jahr beherbergen?


Wer den Cellisten Alexander Balysh im kommenden Jahr bei sich aufnehmen möchte, kann eine E-Mail an online-redaktion@swp.de schicken. Wir stellen den Kontakt her.