Ulm / ULRIKE SCHLEICHER  Uhr
Um die Rolle der afrikanischen Migranten in Deutschland, wie sie ihre Fähigkeiten einbringen und mitgestalten können. Und wie man Klischees aufbricht, das waren Themen bei den Afrikatagen in Ulm. Mit einem von Ulrike Schleicher: Ein Gewinn

Sie sind Juristen, Professoren, Bundestagsabgeordnete, Stadträte, Angestellte, Arbeiter, Künstler und Unternehmer. Trotzdem haben viele Deutsche das Bild eines Bootsflüchtlings im Kopf, wenn sie einem afrikanischen Migranten begegnen. Über ihre Rolle in der deutschen Gesellschaft; was sie selbst beitragen können, um Klischees aufzubrechen; wie sie Botschafter ihrer Heimatländer sein können; wie wichtig es ist, sich in kommunalen Gremien und Vereinen zu engagieren; und wie das Zusammenleben erfolgreich wird – um all diese Fragen ging es bei den ersten Afrikatagen in Ulm am Wochenende.

„Warten Sie nicht, bis Sie eingeladen werden. Ergreifen Sie selbst Initiative.“ Diese Haltung vertrat Dr.<TH>Karamba Diaby, SPD-Bundestagsabgeordneter aus Halle. Er sprach zu Beginn der zweitägigen Veranstaltung im Stadthaus, die in dieser Form erstmals in Ulm organisiert wurde und künftig als Afrika-Europa-City-Forum in Baden-Württemberg etabliert werden soll.

Diabys Werdegang ist ein Beispiel von vielen afrikanischen Migranten, die sich nicht damit begnügen, in Deutschland zu leben und zu arbeiten, sondern ihre Umgebung aktiv mitgestalten wollen. Rund 20 Prozent der Bürger in Deutschland hätten internationale Wurzeln – „das muss sich auch in den politischen Gremien, in den Vereinen und Organisationen widerspiegeln“. Kontakt und Vernetzung seien Voraussetzung für Posten und Verantwortung, erzählte der 54-jährige Abgeordnete aus dem Wahlkreis Halle, der seit 2009 dort auch Stadtrat ist.

Sehr direkt und ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen, vertrat Veye Tatah, Akademikerin, Trägerin des Bundesverdienstkreuzes und Herausgeberin der Zeitschrift „Africa positive“, ihre Ansichten über Integration, Afrikabild und Verantwortung während einer Podiumsdiskussion zum Thema „Yes we can! Wir brauchen Afrika und Afrika braucht uns“. Die in Kamerun geborene 44-Jährige ist eine derjenigen, die sich seit Jahren aktiv für ein differenziertes Afrikabild einsetzen. „Es gibt kein Afrika. Das ist ein Kontinent mit 54 völlig verschiedenen Staaten.“ Afrika sei arm? „Nicht Kamerun und viele andere Länder dort. Ich bin so nicht aufgewachsen.“ Der gesamte Kontinent werde auf die Rolle als Hilfsempfänger reduziert. „Diese Passivität entspricht nicht der Realität“, sagte Veye Tatah. Man traue es den Afrikanern einfach nicht zu, sich selbst zu helfen. Aber Entwicklung sei ein innerer Prozess und nichts, was übergestülpt werden könne. „Wir sind doch bescheuert, wenn wir uns die Verantwortung aus der Hand nehmen lassen.“

„Wir gelten als Informanten, aber Projekte umgesetzt und geleitet werden von den Weißen aus Europa“, sagte auch Dr. Pierrette Herzberger Fofana, Grünen-Stadträtin aus Erlangen. Ehrlicherweise müsse man zugeben: Viele Afrikaner selbst misstrauten ihren eigenen Fähigkeiten. „Wir reden uns klein.“ 

Ein Beispiel von der falschen Wahrnehmung hier: die jüngste Ebola-Epidemie. Natürlich sind Experten aus Europa vor Ort gewesen, sagte Georg Schmidt vom Auswärtigen Amt und Afrika-Beauftragter, „aber sie hätten ohne die Kompetenz der Einheimischen vor Ort nichts ausrichten können. Das sind die Helden.“ In den Medien werde davon nichts berichtet, Afrika sei stets in der Rolle des Opfers. Ein partnerschaftlicher Dialog auf Augenhöhe sei endlich erforderlich. 

Neben der Podiumsdiskussion und den Vorträgen ging es in Workshops um Wege zum wirtschaftlichen, politischen und ehrenamtlichen Engagement der Afrikaner in der Diaspora. Das Ergebnis: Es gibt zwar bereits viele afrikanische Initiativen in Deutschland. In Verbänden, Parteien und Vereinen sind Afrikaner jedoch unterrepräsentiert. Dass es Bereitschaft von beiden Seiten erfordert, will man dies ändern, war allen Beteiligten klar. Ein Teilnehmer meinte: „Wir sprechen viele Sprachen, haben oft studiert und uns in einer neuen Heimat zurecht gefunden – wir haben Grund, selbstbewusst zu sein. Deutsche und Afrikaner müssen ihre Zukunft zusammen gestalten.“

Benefiz-Gala mit Botschafter, Oberbürgermeister und viel Musik

Gäste Zu den zahlreichen Gästen bei den ersten Ulmer Afrikatagen gehörte auch der senegalesische Botschafter Abdoul Aziz Ndiaye, der zu Beginn der Benefiz-Gala am Abend nochmals auf das schlechte Image des Kontinents vorwiegend durch die Medien aufmerksam machte. „Die Nachrichten sind sicher nicht erfunden, aber sie stellen leider nur Ausschnitte dar.“ Er unterstrich, dass Afrika in wirtschaftlicher, politischer, gesundheitlicher Hinsicht und bei der Bildung auf einem guten Weg sei. „Wir haben ein großes Potenzial und bei dieser Entwicklung zählen wir zu allererst auf uns selbst.“

Gastgeber Ulms Oberbürgermeister Ivo Gönner, der als Gastgeber die Afrikatage eröffnete, machte auf die 1400 in Ulm lebenden Afrikaner aufmerksam. Nicht nur sie, sondern alle anderen Bürger mit internationalen Wurzeln bereicherten die Stadt und „tragen zur Vielfalt“ bei.

Musik Neben dem Genuss verschiedener afrikanischer Gerichte stand bei der Gala auch Musik auf dem Programm. So tanzten und sangen etwa Mitglieder des „Hope Theatre Nairobi“, Joe Kiki spielte Gitarre und sang. Zudem stellte die Sparkassenstiftung eines ihrer Projekte in Ruanda vor.

Ein Kommentar von Ulrike Schleicher: Ein Gewinn

Im Rückblick auf die ersten Ulmer Afrikatage am vergangenen Wochenende ist nur eines bedauerlich: Dass nicht noch mehr Menschen aus Ulm und anderswo daran teilgenommen haben. Denn die Veranstaltung war von Anfang bis Ende ein Gewinn.

Zum einen, weil die Organisatoren – die Koordinierungsstelle „Ulm Internationale Stadt“, das Afrodeutsche Forum in Ulm sowie die Servicestelle Kommunen in der Einen Welt – beeindruckende Gäste samt guter Moderatorin eingeladen hatten.

Sie alle bestachen durch ihre Kenntnis, ihren Witz und ihre Souveränität gegenüber der in Deutschland leider weit verbreitenden Ignoranz und der Unkenntnis über Afrika. Herausragend waren vor allem Frauen wie die erfrischend provokante Veye Tatah und die motivierende Dr. Pierrette Herzberger Fofana.

Zum anderen drifteten die Workshops und Vorträge nicht in theoretisch abgehobene Diskurse ab, sondern blieben im Bereich des praktisch Machbaren und orientierten sich an Erfahrungen wie die des SPD-Bundestagsabgeordneten Dr. Karamba Diaby.

Allen war anzumerken, wie wichtig es ihnen ist, ihren Alltag hier mitzugestalten und Verantwortung zu übernehmen. Den gleichen Stellenwert hat ihr Bemühen, ein anderes Bild von dem Kontinent Afrika zu vermitteln und Brückenbauer zwischen den Kulturen zu sein. Beides kann gelingen – vorausgesetzt die Bereitschaft dazu kommt von beiden Seiten.