Gesundheit Medizinstudenten kümmern sich um kranke Menschen ohne Versicherung

Medinetz-Sprechstunde im Übernachtungsheim des Deutschen Roten Kreuzes an der Frauenstraße: Medizinstudent Robin Schöttke untersucht das Bein eines Obdachlosen.
Medinetz-Sprechstunde im Übernachtungsheim des Deutschen Roten Kreuzes an der Frauenstraße: Medizinstudent Robin Schöttke untersucht das Bein eines Obdachlosen. © Foto: Matthias Kessler
Ulm / CHRISTOPH MAYER 09.05.2017

Aua! Die Zahnschmerzen waren so schlimm, dass der 45-jährige Patient nicht mal mehr etwas essen konnte. Warum er nicht längst zum Zahnarzt gegangen war? Weil er, ein ehemaliger Flüchtling, seit Jahren ohne Papiere in Ulm lebt, ergo nicht krankenversichert ist. In seiner Not wandte sich der Mann an Medinetz Ulm. Die ehrenamtliche Organisation aus Medizinstudenten und mit ihnen kooperierenden Ärzten kümmert sich  seit acht Jahren um Fälle wie  diesen. Um Menschen, die aus  unterschiedlichen Gründen durchs Gesundheitsnetz fallen: Obdachlose, hier lebende EU-Ausländer aus Südosteuropa ohne Krankenversicherung oder Menschen, die, weil sie nicht mehr zahlen konnten, aus der privaten Krankenversicherung herausgefallen sind.

Um es vorwegzunehmen: Dem Mann mit den unsäglichen Zahnschmerzen konnte geholfen werden. Wenn auch erst nach einem Spießrutenlauf. „Unser einziger verbliebener Kooperationszahnarzt war in Urlaub“, erzählt Robin Schöttke, Medizinstudent im sechsten Semester und seit einigen Jahren bei Medinetz Ulm aktiv. Also riefen die Ehrenamtler bei Zahnärzten in Ulm und Umgebung an und erbaten eine Behandlung. Gegen Bezahlung versteht sich, die Medinetz aus seinem Spendentopf übernommen hätte. Doch sie bissen sich die Zähne aus. Mal hieß es „Sie hören von uns“, mal „So etwas machen wir nicht“, mal „Zu heikel“ . Erst als Robin Schöttke zusammen mit seinem schmerzgeplagten  Patienten energisch insistierend in einer Notfallsprechstunde aufmarschierte, klappte es mit der unvermeidlichen Zahnextraktion. Ein Arzt erbarmte sich, und das gegen den ausdrücklichen Rat von Kollegen und Sprechstundenpersonal, bloß keinen „Anonymen“ anzunehmen,  wie Schöttke erzählt.

Kein untypischer Fall, findet Reinhold Thiel.  „Es ist ein weit verbreitetes Ammenmärchen, dass sich ein Arzt strafbar macht, wenn er einen Patienten ohne Papiere behandelt“, sagt der Sendener Allgemeinmediziner im Ruhestand, der sich als eines der Gründungsmitglieder von Medinetz nach wie vor im Verein engagiert. Thiel hat die Ulmer Gruppe von 2008 an mit aufgebaut. Während ihm um den studentischen Nachwuchs nicht bange ist   – gut 25 junge Leute machen derzeit mit –, sieht er bei den behandelnden Ärzten Probleme am Horizont aufziehen. „Als es losging, hatte ich einen sehr politisch denkenden Kollegenkreis“, erinnert er sich. Doch vorbei die Hochzeiten, als mehr als 30 Mediziner mit dem Verein kooperierten. „Der Kreis wird altersbedingt kleiner.“ Speziell an Zahnärzten, Chirurgen und Orthopäden mangele es.

Doch ohne „echte“ Mediziner geht es nun mal nicht. Die Medizinstudenten mit ihrer zweimal monatlich donnerstags in den Räumen des DRK-Übernachtungsheims in der Frauenstraße stattfindenden Sprechstunde sind lediglich der niederschwellige Anlaufpunkt. Sie schauen sich die dort hinkommenden Patienten an, nehmen sich Zeit, garantieren ihnen Anonymität, stellen wenn nötig Kontakt zu Ärzten her und begleiten sie gegebenenfalls dorthin. Diagnosen stellen oder gar Medikamente verschreiben dürfen die Medizinstudenten nicht.

Etwa 100 Patienten im Jahr suchen Hilfe. „Manche wollen einfach nur mal, dass ihnen jemand zuhört, wir leisten also auch Sozialarbeit“, erzählt Sofie Prox-Ambil, Medizinstudentin im vierten Semester und seit einem knappen Jahr bei Medinetz aktiv. Bei etwa der Hälfte sei eine Weiterbehandlung notwendig. So habe man allein in diesem Jahr drei Entbindungen organisiert, stets handelte es sich um bulgarische Frauen ohne Krankenversicherung. Für einen Obdachlosen mit Leistenbruch gelang es Medinetz, einen Termin in einer ambulanten Tagesklinik auszumachen. Bezahlt wird der Eingriff aus dem Spendenaufkommen des Vereins. „Am vergangenen Dienstag wurde der Mann operiert“, freut sich Prox-Ambil.

Info Wer als Arzt Interesse hat, mit Medinetz Ulm zu kooperieren findet unter unter: medinetz-ulm.de weitere Informationen und Kontaktmöglichkeiten. Telefonkontakt:01577 - 03 77 991.

Erst Kritik, dann Lob und Ehre

Ärztekammer Ein Jahr lang hatten die Ulmer Studenten bereits ihre Sprechstunden im DRK-Gebäude angeboten, als ihnen 2010 Ärger ins Haus flatterte. Die Bezirksärztekammer  stellte die Arbeit von Medinetz in Frage. Die Trennlinie zwischen (erlaubter) Hilfestellung und (unerlaubter) medizinischer Behandlung sei unscharf. Einige Monate später ließ man die Vorwürfe aber fallen.

Preis Für ihren Einsatz bei der medizinischen Versorgung von Flüchtlingen erhielt die Ulmer Medinetz-Gruppe 2015 einen Sonderpreis des Landeslehrpreises. Wissenschaftsministerin Theresia Bauer würdigte damit den „außerordentlichen Einsatz“ der Ulmer Studenten.

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel