Frauentag Adi Hübel kämpft um die richtige Ansprache

Freut sich, dass sich auch andere Frauen für eine geschlechtsneutrale Sprache einsetzen: Adi Hübel und Auszüge aus ihrem Schriftverkehr aus einem Jahrzehnt.
Freut sich, dass sich auch andere Frauen für eine geschlechtsneutrale Sprache einsetzen: Adi Hübel und Auszüge aus ihrem Schriftverkehr aus einem Jahrzehnt. © Foto: Volkmar Könneke
Ulm / Christine Liebhardt 08.03.2018
Adi Hübel will auf Formularen nicht mit dem generischen Maskulinum angesprochen werden.

Zu sperrig, zu lang, zu hässlich, zu unschön. Adi Hübel kennt sie alle, die fadenscheinigen Argumente von Organisationen, die sich weigern, ihre Sprache so zu verändern, dass sie geschlechtsneutral ist. Bei denen jede und jeder Patient, Spender, Wähler ist und Frauen halt irgendwie mitgemeint sind. Die Schriftstellerin und ehemalige Grünen-Stadträtin findet: „Frauen sollten in der Gesellschaft sichtbar sein, und Sprache ist das Medium, das alle benutzen, mit dem alles anfängt.“

Deshalb hat sie schon vor Jahren begonnen, Briefe zu schreiben und zu fordern, sie beispielsweise in Formularen als Kundin, Kontoinhaberin und Spenderin zu bezeichnen: an Banken, Vereine und andere Institutionen. „Und die schreiben mir: Das können wir nicht ändern. Da lang ich mir an den Kopf!“

Nützt das alles was?

Sie sei ja nicht die Einzige, die etwas unternimmt, sagt Hübel. „Ich fand es toll, dass Frau Krämer vor Gericht geht – leider ist mir diese Idee nicht gekommen.“ Marlies Krämer, 80 Jahre alt, Kundin der Sparkasse Saarbrücken, pocht auf ihr Recht, von ihrem Geldinstitut auch als solche angesprochen zu werden. Weil die damit bis vor den Bundesgerichtshof ging, schaffte sie es jüngst bundesweit in die Schlagzeilen. Hübel will unbedingt versuchen, Kontakt zu Krämer aufzunehmen.

Hatte sie doch ihr eigenes, jahrelanges und wenig erfolgreiches Gefecht mit der Sparkasse, begonnen im Jahr 2003. Sie ärgerte sich über die für sie unbefriedigende Darstellung von Frauen in Überweisungsvordrucken, wollte als Kontoinhaberin bezeichnet werden. Den Schriftverkehr hat sie aufgehoben. Der damalige Vorsitzende des Deutschen Sparkassenverlags zeigte sich zwar verständnisvoll, dass Frauen unzufrieden damit sind, wenn sie in der männlichen Person angesprochen werden. Doch abgesehen davon, dass die Sparkasse für diese Formulare nicht zuständig und der vorhandene Platz zu knapp für beide Varianten sei, befand er: „Die Ergänzung der männlichen Begriffe um die Silbe „in“, zum Beispiel Kontoinhaber/in, [...], halte ich nicht für glücklich, könnte sie doch den Eindruck erwecken, die Frau wäre lediglich das Anhängsel des Mannes.“ 15 Jahre später hat sich nichts geändert.

„Man verliert wirklich die Lust“, klagt Hübel über die Antworten. „Es nimmt so viel Zeit in Anspruch und ich frage mich: Nützt es denn was?“ Meistens wurde sie vertröstet, einmal wurde ihr gesagt, man könne ja nicht einfach alle vorhandenen Formulare einstampfen. Da habe sie dann dagegen gehalten, dass man das gar nicht müsse: „Die Hälfte der Bevölkerung sind ja Männer, denen kann man sie doch geben.“ Gebracht hat es nichts. Trotzdem, hier und da kann sie einen Erfolg verbuchen: So heißt der Rentner­ausweis kraft ihrer Intervention Rentenausweis, auch Ulmer Wahlbenachrichtigungskarten wurden auf ihre Initiative hin geschlechtsneutral formuliert. Bei der Stadt, sagt Hübel, sei man relativ weit: „Zur neutralen Sprache gibt es Flyer für die Verwaltung.“

Diejenigen, die sich nicht ändern wollen, unterstützt Adi Hübel eben nicht mehr – konsequent wie eh und je. Sie spendet nur noch an Organisationen, die die passende Sprache verwenden, Frauen helfen Frauen zum Beispiel. Denn: „Wenn eine Organisation nicht fähig ist, ein Formular zu ändern – wie soll sie dann die Welt verändern?“

Projekt zur Sichtbarkeit von Frauen in Medien und im Literaturbetrieb

Pilotstudie „Frauen zählen“ heißt ein Projekt der AG Diversität, an dem sich auch Adi Hübel beteiligt. In der Pilotstudie im März 2018 geht es um die Sichtbarkeit von Frauen in Medien und im Literaturbetrieb. Über einen Zeitraum von 31 Tagen werden in 69 Medienformaten in Print, Hörfunk und Fernsehen Rezensionen und Literaturkritiken untersucht. So soll erhoben und ausgewertet werden, ob Autorinnen im Gegensatz zu Autoren anders wahrgenommen werden. Die Ergebnisse sollen zur Frank­furter Buchmesse im Herbst 2018 präsentiert werden. Das Projekt läuft in Kooperation mit dem Institut für Medienforschung an der Universität Rostock sowie dem Institut für Germanistik der Universität Innsbruck.

Weiterführung Die Ergebnisse dienen außerdem für das Forschungsprojekt an der Universität Rostock zur fortgesetzten Erhebung und Untersuchung der Sichtbarkeit von Autorinnen in der Literaturlandschaft – nicht nur bei Rezensionen, sondern auch bei Preisen, Stipendien, außerdem als Gesprächspartnerinnen und Expertinnen oder in Lehrinhalten.

Zur Person Adi Hübel geht nach eigener Aussage „auf die 80 zu“. Sie ist seit Jahren in Ulm politisch aktiv, vor allem in der Frauenbewegung, und war Grünen-Stadträtin. Hübel ist Gründerin der TheaterWerkstatt Ulm, Mitglied der Ulmer Autoren, Krimi-Autorin und Verfasserin mehrerer Gedichtbände. Sie lebt mit ihrem Mann in Söflingen.