Julia Kling  Uhr

Was ist schon eine halbe Stunde Arbeit in einem ganzen Arbeitsjahr? Es kommt immer auf die Betrachtung an: Wenn ein Großteil der Belegschaft einer ganzen Busfabrik von der Produktion über das Lager und die Entwicklungsabteilung bis hin zur Verwaltung auf eine halbe Stunde Lohn oder Gehalt verzichtet und den Gegenwert für einen gute Zweck spendet, kann eine stattliche Summe zusammenkommen. Bei Evobus in Neu-Ulm kamen in diesem Jahr so – mit einem Zuschuss der Unternehmensleitung – 75 000 Euro für die Aktion 100 000 und Ulmer helft zusammen. Ein neuer Rekordwert, passend zum zehnjährigen Engagement des Standorts des Stuttgarter Automobilkonzerns. Über 90 Prozent der annähernd 3900 Mitarbeiter in Neu-Ulm haben sich wie bereits in den vergangenen Jahren auch dieses Mal an der internen Aktion beteiligt, erklärte der Betriebsratsvorsitzende Hans-Jörg Müller bei der Scheckübergabe an Aktionsleiter Karl Bacherle und Schirmherr und SÜDWEST PRESSE-Chefredakteur Ulrich Becker. Direkt nach der Sommerpause beginne der Betriebsrat jedes Jahr mit der Organisation. „Alle Kollegen werden per Mail von uns angeschrieben und gefragt, ob sie an der Aktion teilnehmen wollen“, erklärt Müller das Vorgehen. Und wer nicht widerspricht, sei automatisch dabei. „Für die meisten ist das gar keine Überlegung mehr.“ Bei der Lohnabrechnung werde dann eben der Betrag für die halbe Arbeitsstunde abgezogen. Die große Spendensumme, die in diesem Jahr den Vorjahreswert um 3000 Euro übersteigt, sei aber auch nur deshalb möglich, weil das Unternehmen das Engagement seiner Mitarbeiter unterstütze und den Betrag aufstocke.

Einsatz kommt zu 100 Prozent an

Die Evobus-Beschäftigten, die im Neu-Ulmer Gewerbegebiet Reisebusse produzieren, wollten mit der Aktion etwas für die Region tun, sagte Till Oberwörder, der seit April dieses Jahres im Daimler-Konzern für den Bereich Busse verantwortlich zeichnet. „Und Ihr Einsatz kommt auch zu 100 Prozent an“, versicherte Aktionsleiter Karl Bacherle bei der Scheckübergabe. Inzwischen sei die Spende schon zu einer Tradition geworden, erklärte Oberwörder. „Seit 2009 sind durch Ihren Einsatz über 500 000 Euro zusammengekommen“, fasste er den Einsatz seiner Mitarbeiter zusammen. Auf dieses Engagement seiner Belegschaft sei er stolz,  „und wir wollen alles dafür tun, dass es auch in Zukunft so bleibt“. Es sei wichtig, dass das Geld auch in der Region ankommt. „Wir wirken hier, wo wir sind und arbeiten.“ Diesen Ansatz konnte Bacherle auch für die Arbeit der Aktion 100 000 und Ulmer helft bestätigen. Die kompletten Erlöse aus Spenden und Veranstaltungen kommen sozial schwachen Menschen in Ulm, Neu-Ulm und der Umgebung zugute.

Paar freie Tage verdient

Aktionsleiter Bacherle bedankte sich bei den zahlreichen Evobus-Mitarbeitern, die bei der Scheckübergabe dabei waren, und gab einen Einblick, was mit dem gespendeten Geld passiert. „In den vergangenen Tagen habe ich 2000 Schecks ausgestellt“, berichtete er. Die meisten in einer Höhe von 50 bis 250 Euro, die sozial schwachen Menschen aus der Region das Leben ein wenig erleichtern sollen. „Damit kann eine Mutter ihren Kindern doch noch ein Weihnachtsgeschenk kaufen. Oder eine kaputte Waschmaschine kann ersetzt werden.“ In der Produktion am Standort sei die Arbeit für dieses Jahr getan, berichtete Müller nach der Scheckübergabe. „Nur in der Finanzabteilung wird auch zwischen den Jahren noch gearbeitet.“ Ansonsten hätten sich die Kollegen jetzt auch ein paar freie Tage verdient. In Neu-Ulm lag die Jahresproduktion zuletzt bei etwa 2200 Einheiten. Das Werk sei gut ausgelastet, berichtete Oberwörder zuletzt. Neben der Produktion und im Lager sind aber auch rund 370 Mitarbeiter in den Bereichen Forschung und Entwicklung tätig.

Vor allem die Themen autonomes Fahren sowie Assistenz- und Sicherheitssysteme wie Brems-, Spurhalte und Abbiegehilfen stehen hier im Mittelpunkt. Während im Stadtbus-Segment Daimler mit dem E-Citaro bereits den ersten vollelektrisch angetriebenen Bus präsentierte, sei diese Antriebsart im Reisebusbereich noch Zukunftsmusik, erklärte Oberwörder. Personen und Gepäck bräuchten Platz, die notwendigen Batterien jedoch auch. „Das geht noch nicht zusammen.“

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Jahre lang engagieren sich bereits die Mitarbeiter am Neu-Ulmer Evobus-Standort für die Aktion 100 000 und Ulmer helft. Der frühere Produktionschef Wolfgang Hänle hatte die Spenden-Aktion im Jahr 2009 initiiert. Seine Nachfolger haben sie in den Folgejahren immer gemeinsam mit dem Betriebsrat weitergeführt.