Kammersänger Abschied von Hans-Günther Dotzauer

Ulm / Jürgen Kanold 17.05.2018

Er gehöre ja eher zu den „Wildcampern“, erzählt Hans-Günther Dotzauer. Den kleinen Kastenwagen stellt er gerne auch mal auf einem Waldweg ab. Aber als Ensemblemitglied am Theater Ulmer war der Tenor immer berechenbar: ein unerschütterliches Bühnentier, eine Stütze des Ensembles, ein Publikumsliebling. Das heißt: Wirklich berechenbar war der Rheinländer aus Bonn mit dem sehr trockenen Humor nicht.  Dotzauer ließ sich nämlich nie in Schubladen stecken.

Er war der spielfreudige Operettenschlawiner vom Dienst. Der Hallodri-Tenor, der nicht nur lustige Witwen gesittet flachlegte. Dotzauer begeisterte gleichermaßen in großen Charakterrollen: als Hauptmann in „Wozzeck“ zum Beispiel, als Mephistopheles in Busonis „Doktor Faust“ – dem Regisseur G. H. Seebach habe er sehr viel zu verdanken. Er sang den Mime in „Rheingold“ und grandios den Peter Grimes. Und auch die Titelpartie in „Hoffmanns Erzählungen“ – der junge Philippe Jordan dirigierte. An den heutigen Musikchef der Pariser Oper und der Wiener Symphoniker denkt Dotzauer gerne: „Ein Riesentalent, aber ein besessener Arbeiter, wir mussten ihn nach den Proben in die Kneipe abschleppen, damit er mal runterkommt.“

Nach sagenhaften 32 Spielzeiten am Theater Ulm geht der mit dem Ehrentitel „Kammersänger des Landes Baden-Württemberg“ ausgezeichnete Dotzauer jetzt in Pension. Heute Abend feiert der 65-Jährige seine letzte Premiere: mit der Partie in „Carmina Burana“. Dann beginnt im Sommer verstärkt das Wildcampen. Mit seiner Frau, die als Lehrerin ein Sabbatjahr einlegt, bereist er die Welt – aber nicht nur mit dem Auto.

„Ich hab’s gerne gemacht, und ich hab’s nicht bereut, in Ulm geblieben zu sein“, sagt Dotzauer. Er ist ein Spätstarter, der Sohn eines Restaurantbesitzers lernte Koch und Konditor, ehe man seine Stimme entdeckte und er mit 22 nach Berlin zum Studium ging: „Ich konnte ja anfangs kaum Noten lesen!“ Danach begann eine respektable Karriere, er gastierte auch in Stuttgart oder Bologna, aber ein Jetset-Held des Opernbetriebs wollte er nicht werden. „Ulm ist aber schon ein kleines Stadttheater, sehr sparsam; die Gagen sind niedrig – vor allem im Ballett“, gibt er zu bedenken.

Ein harter Job im Ensemble: „Einen Kiekser mit der Stimme verzeihen sie dir, aber keine Absagen“, erzählt Dotzauer. Er selbst fiel mal spektakulär aus, als er sich im Podium in einer Aufführung von „Sweeny Todd“ derart den Kopf anschlug, dass er eine Gehirnerschütterung erlitt. Den Hermann in „Pique Dame“ spielte er nach einer Handoperation mit Gips.

Rund 200 Premieren hat Dotzauer in Ulm  gesungen, die Hälfte mit großen Partien – aber auch Wurzen, „die können entspannend sein“. Als Mann mit Platte hat er die Masken- und Kostümabteilung gefordert. Sagt aber schmunzelnd: „Eine Perücke ist einfacher als das Eigenhaar zu versorgen.“ Das Publikum hatte dabei auch meistens seinen Spaß. Als er aber mal im Podium in einer „Zauberflöte“ für Kinder als punkiger Monostatos mit Irokesenschnitt auftrat, habe seine kleine Tochter aufgeschrien.

Jetzt studiert Dotzauer als Camper eher Landkarten statt Noten. Wobei: Aufhören mit dem Singen will er natürlich nicht. Auch nicht auf der Bühne.

Heute Premiere: Schönberg, Stäbler, Orff

Musiktheater Mehrere Werke hat Matthias Kaiser zu einem Musiktheater verbunden, das heute, 20 Uhr, im Großen Haus Premiere feiert. Bühne und Kostüme: Marianne Hollenstein und Angela C. Schuett. Der Abend beginnt mit Arnold Schönbergs „Die glückliche Hand“, entstanden zwischen 1910 und 1913, in freier Tonalität. Die komplexe Kurzoper handelt von einem Mann, der nach dem perfekten Kunstwerk strebt und dabei seine angebetete Frau verliert.

Klassik-Hit Zudem erklingt ein großes Chor-Werk, die 1937 uraufgeführte szenische Kantate „Carmina Burana“ von Carl Orff.

Uraufführungen Gerhard Stäbler, dessen Oper „Erlöst Albert E.“ bereits in Ulm zu erleben war, steuert zwei Uraufführungen bei: die von der Kunststiftung NRW geförderte musikalische Skulptur „Dahinströmen, Singend“, die den Orpheus-Mythos zum Thema hat, sowie als Schlusspunkt nach „Carmina Burana“ die musikalische Intervention „Kerames, Paralia“.

Mitwirkende Drei Sänger haben heute ihre letzte Premiere am Theater Ulm: neben Hans-Günther Dotzauer auch Tomasz Kaluzny und Kwang-Keun Lee. Weitere Akteure: Maria Rosendorfsky (Sopran), Beatrice Panero und Daniel Perin (Tanz) sowie Timo Ben Schöfer (Sprecher). Die musikalische Leitung hat Hendrik Haas.

Aufführungsdauer: zwei Stunden, mit einer Pause.