Themen in diesem Artikel

Bahnhofstraße
Ulm / Harald John und Chirin Kolb  Uhr
Oberbürgermeister Gunter Czisch im Interview über die Sicherheitslage in der Bahnhofstraße, überzogene Reaktionen des Handels und neue Ideen für eine attraktive City.

Die Diskussionen sind und bleiben hitzig: Kriminalität, Belästigung und gefühlte Unsicherheit in der Bahnhofstraße waren zuletzt zentrales Thema für Bürger und Einzelhandel, der zugleich über die Konkurrenz des Online-Handels und die Baustellen stöhnt. Gleichzeitig wogt eine politische Debatte um die Gestaltung des Bahnhofsplatzes, auch hier beherrschen Großbaustellen das Bild. Die SÜDWEST PRESSE sprach mit Oberbürgermeister Gunter Czisch über die aktuellen Themen, die Ulm bewegen.

Herr Czisch, die Alarmsignale des Handels sind unmissverständlich: In der Innenstadt gibt es zuweilen Probleme mit Verwahrlosung und Gewalt. Haben Stadt und Polizei es versäumt durchzugreifen?

Gunter Czisch: Lassen wir doch bitte die Kirche im Dorf! Was sich im Bereich der oberen Bahnhofstraße abspielt, mag unangenehm für Passanten, störend und unschön für den Handel sein. Es ist jedoch nicht gefährlich. Wir sollten eine „gefühlte Unsicherheit“ nicht mit tatsächlicher Unsicherheit oder gar Gefahr verwechseln. Stadt und Polizei haben die Situation früh genug registriert. Wir sehen Problemlagen. Und wir ergreifen Maßnahmen. Auf Vorfälle, wie sie aufzeigt wurden, müssen wir aber auch mit klarer Kante antworten.

Also sind Sie nicht erst nach dem medienwirksamen Aufschrei der Händler in der oberen Bahnhofstraße aktiv geworden?

Die Beschwerden haben sich vorher schon gehäuft, wir haben sie gesammelt. Durch die Baustellen am Bahnhof sind Treffpunkte weggefallen, und durch die Schließung von Substitutionspraxen im Umland halten sich mehr Drogenkranke in Ulm auf. Wir haben auf diese Entwicklung reagiert und mit der Polizei das Gespräch mit der Ulmer City gesucht. Wir kümmern uns!

Sie sprachen von Maßnahmen, die die Stadt ergreifen will. Welche?

Zunächst einmal: Ulm ist eine sichere Stadt. Wir sind kein Kriminalitätsschwerpunkt, das belegen die Zahlen der Polizei. Sie macht gute Arbeit. Sie wird nun erhöhte Präsenz zeigen, in Uniform und auch zivil. Ich möchte aber keine Polizisten in Schutzwesten und mit Maschinenpistole. Wir sehen den Handlungsbedarf und wollen alles entschlossen, aber unaufgeregt abarbeiten.

Nur wegen der schrillen Signale aus dem Handel ist die Debatte um Sicherheit überhaupt erst entfacht worden.

Das war eine überzogene und reißerische Darstellung, auch medial. Und richtig geärgert habe ich mich, dass bestimmte Bevölkerungsgruppen verantwortlich gemacht wurden. Es gehört zu einer Stadt, dass sich dort auch Leute aufhalten, die einem vielleicht nicht gefallen. Und es ist nicht verboten, im öffentlichen Raum Alkohol zu trinken. Aber die Polizei hat auch schon stringent Platzverweise ausgesprochen.

Reicht das aus und muss doch deutlich mehr geschehen?

Tatsache ist: Ulm ist sicher. Man muss aufpassen, dass man nicht überzieht, die Menschen ein Unsicherheitsgefühl beschleicht und man politisch den falschen Leuten in die Hände spielt. Ich weiß nicht, ob das City-Marketing gut beraten ist, vor Weihnachten mit einer so reißerischen Darstellung an die Öffentlichkeit zu gehen. Die Darstellung von Massenschlägereien ist kontraproduktiv, das war ein Einzelphänomen.

Der Handel ist unter Druck und verunsichert, Stichwort Baustellen, Sicherheit...

... mit den Baustellen haben wir gerade eine Sondersituation. Wir versuchen, schnell zu reagieren, wenn es irgendwo klemmt, aber Baustellen sind eben Baustellen. Vom Jammern wird es nicht besser. Wir alle sollten sie möglichst positiv begleiten. Immerhin bauen wir gerade die Zukunft der Stadt. Ich höre oft: Wir freuen uns, dass sich viel bewegt und dass alle sich anstrengen.

Ein nicht unbeträchtlicher Teil der Baustellen am Bahnhof geht auf den Bau der Tiefgarage zurück.

Es war der immer wieder geäußerte Wunsch des Handels, Parkplätze zu schaffen. Mein Wunsch wäre, nach vorn zu blicken. Wenn die Baustellen beendet sind, präsentiert sich die Stadt am Bahnhof modern und attraktiv.

Wie sehen Sie denn die Ulmer Innenstadt in der Zukunft?

Genau darüber müssen wir uns unterhalten. Ich möchte ein Innenstadtforum initiieren, das den Dialog sucht und sich genau mit diesen Fragen befasst.

Worum soll es dann gehen?

Die Zukunft der Innenstadt ist nicht nur ein Thema des Handels. Dazu gehören auch Gastronomie, Aufenthaltsqualität, Sauberkeit, Grün, Lärm, Mobilität ... Es ist also auch ein Thema der Stadtentwicklung: Leben, Arbeiten und Wohnen in der Innenstadt.

Wie muss man sich das Innenstadt-Forum vorstellen?

Wir möchten mit vielen ins Gespräch kommen und auch Fachleute von außen einladen, um den Blick zu öffnen. Wir wollen uns unverkrampft mit der Frage beschäftigen: Was ist eine attraktive Innenstadt?

Wann soll das Forum starten?

Wir müssen schauen, wann wir es eintakten. An Arbeit mangelt es ja gerade nicht. Ich denke, wir könnten im nächsten Jahr mit allen darüber sprechen, wie wir das gemeinsam organisieren wollen.

Der Handel ist ein wichtiger Teil der Innenstadt. Er gerät zunehmend durch den Online-Handel unter Druck. Wie bekommt man die Kunden in die Läden?

Ich bin kein Handelsexperte. Aber der Kunde entscheidet, wo er einkauft. Es geht also sicher auch um die Attraktivität der Innenstadt. Dazu gehört vieles: Parkplätze, Aufenthaltsqualität, andere Formen der Mobilität. Die Linie 2 zählt dazu. Wer zum Einkaufen in die Ulmer City möchte, könnte sein Auto zum Beispiel am Kuhberg abstellen und mit der Straßenbahn in die Innenstadt fahren.

Und dann die Einkäufe schleppen ...

Das ist eine Frage der innerstädtischen Logistik. Wenn ich eine Kaffeemaschine kaufe, könnte sie ja auch auf anderen Wegen zu mir nach Hause kommen, durch eine Kooperation des Handels mit Taxi-Unternehmen zum Beispiel oder mit Lastenrädern. Darmstadt macht uns da mit einem Pilotprojekt vor, wie es geht.

Der Laden nur noch als Showroom?

Das ist der große Trend! Handel ist Wandel. Es wird dahin gehen, dass wir in der Innenstadt deutlich mehr Orte schaffen, an denen man sich gerne aufhält. Die grün sind, die sauber sind, die leise sind. Da wird uns die Elektromobilität künftig in die Karten spielen. Wir denken derzeit nach, E-Busse anzuschaffen. Leider fehlt es uns noch an belastbaren Angeboten für den Kauf solcher Fahrzeuge.

Wie kann die Stadt den Wandel des Handels sinnvoll unterstützen?

Nicht Fronten und Forderungskataloge an die Stadt, sondern ein offener Dialog wäre sehr zu wünschen. Wir können aber helfen, gute Rahmenbedingungen zu schaffen. Aktuell sehen wir ja weltweit, dass große Digitalunternehmen von der grünen Wiese wieder in die Innenstädte drängen, weil sie genau so den persönlichen Kundenkontakt suchen, der schon immer die Stärke des klassischen Handels ist.

Aber die Hirschstraße und die Bahnhofstraße sollten schon umgebaut werden, oder?

Es geht nicht immer nur ums Bauen. Wir müssen die Frage, was eine Innenstadt attraktiv macht, viel breiter beantworten – und vor allem aus Kundensicht. Ein zentrales Thema für uns alle sind Mobilität und Logistik. Das sieht man ja am besten rund um den Bahnhof.

Gerade dort scheint sich die Diskussion zu verzetteln.

Wir brauchen den Blick fürs große Ganze, wir dürfen uns weder in Details vergraben noch immer wieder vergangene Diskussionen aufleben lassen. Der Citybahnhof ist unser großes Projekt und wird es noch eine Weile bleiben. Auch nach der Eröffnung der Linie 2, der Sedelhöfe und der Tiefgarage wird es Baustellen geben.

Muss nicht entschieden werden, wie es mit dem Umbau des Bahnhofplatzes und des ZOB weitergeht?

Entscheidend wird sein, jetzt die richtigen Weichenstellungen vorzunehmen. Nicht alles muss sofort entschieden werden.

Also ist beim ZOB alles offen?

Wir müssen konstruktiv klären, welche Funktionalität sinnvoll ist und dürfen mit unseren Entscheidungen keine Option vorschnell ausschließen. Eine Überprüfung hat ergeben, dass wir uns auch für das Thema der Zufahrt in den ZOB noch etwas Zeit nehmen können. Es gibt Partner wie DING und die SWU, die eingebunden werden müssen. Ich kann den Kritikern nur sagen: Die, die da lustvoll Sand ins Getriebe werfen, sollten sich lieber überlegen, wie wir das zusammen schaffen können.

Mit welchem Ziel?

Ulm braucht am Citybahnhof ein attraktives Eingangsportal, das in eine grüne, saubere und leise Innenstadt führt. Diese Vorstellung sollte uns ein gutes Gefühl geben.

Zur Person: Gunter Czisch

Biografie Gunter Czisch wurde am 1. April 1963 in Stuttgart geboren und wuchs in Dietenheim auf. Er ist seit 2016 Oberbürgermeister der Stadt Ulm. Von 1987 bis 1994 arbeitete Czisch bei der Stadt Überlingen in der Finanzverwaltung, als Personalratsvorsitzender, am Ende als Leiter des Rechnungsprüfungsamtes. Zwischen 1994 und 2000 war Czisch als Dezernent des Bodenseekreises für die Bereiche Finanzen, Bau, Abfallwirtschaft und Schulen zuständig. Nach seiner Tätigkeit am Bodensee wurde er im Dezember 2000 durch den Gemeinderat zum Ersten Beigeordneten und Finanzbürgermeister der Stadt gewählt.