Theater Ulm „Weiße Rose“ in der Oper

Ulm / Jürgen Kanold 07.11.2018

Das Theater Ulm spielt vor einem Bundespräsidenten? Es war im September 1999 im Saal des Alten Rathauses in München – auch Johannes Rau erlebte die Kammeroper „Weiße Rose“. Also an jenem Ort, wo die Nationalsozialisten am 9. November 1938 in der „Hauptstadt der Bewegung“ trunken ihres Marsches auf die Feldherrnhalle gedachten, ehe Propagandaminister Goebbels die mörderischen Parolen zur Reichspogromnacht ausgab.

Die Ulmer gestalteten einen sehr berührenden Benefizabend anlässlich des 75. Geburtstags des mittlerweile verstorbenen Franz J. Müller: ein Ulmer, der als Schüler zum Umfeld der Weißen Rose gestoßen war und von Freislers Volksgerichtshof 1943 zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt wurde. Müller überlebte, gründete 1987 die Weiße Rose Stiftung.

Großen Applaus und Komplimente auch vom Bundespräsidenten ernteten die Ulmer in München: Dirigent Thomas Mandl und das kleine Orchester, die Sopranistin Barbara Baier und der Bariton Petteri Falck. Jetzt, fast 20 Jahre später, hat der neue Intendant Kay Metzger die Oper Udo Zimmermanns auf den Spielplan gesetzt, ein Werk, das auf Briefen und Tagebuchnotizen Hans und Sophie Scholls basiert. Es ist ein Musiktheater über Zivilcourage, gesellschaftliche Verantwortung und über zwei Menschen, die vor der Hinrichtung stehen, „die in einer psychisch-physischen Notsituation noch einmal Erlebtes hereinholen“, wie der Komponist sagt. Am Freitag, am Jahrestag der Reichspogromnacht, hat die Oper im Podium Premiere.

Maryna Zubko singt die Sophie Scholl, und die Rolle ist ihr sehr nah, nicht nur, weil das neue Ensemblemitglied des Theaters aus einer christlichen Familie stammt: Die ukrainische Sopranistin war 20123/2014 in Kiew dabei, als mit Studenten-Protesten die blutige Revolution auf dem Platz der Unabhängigkeit (Maidan) gegen das Janukowitsch-Regime begann. Sie hat alles hautnah erlebt, schließlich liegt die Staatliche Musikakademie der Ukraine direkt am Maidan. „Die Gedanken und Gefühle von Sophie sind mir sehr vertraut“, sagt Maryna Zubko, „auch auf dem Maidan ging es um die Wahrheit, die Gerechtigkeit, die Freiheit.“ Die Rolle vergegenwärtige ihr sehr emotional die traumatischen Ereignisse in Kiew.

Das andere neue, ausländische Ensemblemitglied, das in der Oper „Weiße Rose“ mitwirkt und sich dabei intensiv mit deutscher Geschichte auseinandersetzen muss, ist der Finne Joska Lehtinen. Der Tenor singt den Hans Scholl und findet diese Kammeroper, die jetzt auch in Chemnitz auf dem Spielplan steht, „sehr aktuell“. Lehtinen erzählt, dass auch in seiner Heimat die extreme Rechte im Parlament sitze und gegen die Hochkultur ins Feld ziehe. Vieles werde in Finnland aus Geldmangel zusammengestrichen, nur ein Opernhaus in Helsinki gebe es.

So ist Lehtinen aus Vaasa mit seiner Familie (spanische Ehefrau, zwei Kinder) wieder nach Deutschland gezogen, ins Theaterparadies. Er hat in Helsinki und Palermo studiert, war zwei Jahre lang fest an der Komischen Oper Berlin. Als Spinto-Tenor ist er ein Mann für den Belcanto, er wird in dieser Saison als Edgardo in „Lucia di Lammermoor“ zu erleben sein, aber auch als Erik im „Fliegenden Holländer“.

Extreme Intervalle

Auch Maryna Zubko hat ihr Glück in Deutschland gesucht und gefunden: Sie absolvierte das Masterexamen an der Musikhochschule in Frankfurt und übernimmt jetzt als Ensemblemitglied in Ulm („eine sehr saubere, bürgerlich aufmerksame Stadt“) große Aufgaben als dramatischer Koloratursopran: etwa die Titelpartie in Donizettis „Lucia“.

Aber zunächst Zimmermanns 1986 uraufgeführte „Weiße Rose“, eine expressive Musik, auf einer Zwölftonreihe basierend. Ob Barock, Belcanto oder Moderne, sie singe alles mit der gleichen gewissenhaften Technik, sagt die Ukrainerin. Klar, Bellini oder Donizetti sei Balsam für die Stimme, bei Zimmermann springe die Melodie von Silbe zu Silbe in extremen Intervallen. Aber es ist ja auch eine moderne Oper über zwei Menschen in einer Extremsituation – tief ergreifend.

Am Jahrestag der Reichspogromnacht

Premiere Udo Zimmermanns Kammeroper „Weiße Rose“ hat am Freitag, am 80. Jahrestag der Reichspogromnacht, im Podium des Theaters Ulm Premiere (19.30). Dieser Abend ist bereits ausverkauft, Karten gibt es für die weiteren Aufführungen: 14., 16. und 24. November; 1. und 6. Dezember sowie am 18., 22., 26.. 28. und 29. Januar (Tel. 0731/161-4444).

Regie führt Andreea Geletu im Bühnenbild von Petra Mollérus. Musikalische Leitung: Hendrik Haas. Es singen Joska Lehtinen und Maryna Zubko. Die Aufführung dauert 75 Minuten.

Themen in diesem Artikel
Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel