Ein Grund zum Feiern sollte die Auftaktveranstaltung zum Weltfrauentag in der Ulmer vh sein. So stand es zumindest auf dem Flyer, der auf den Tischen im Club Orange auslag. Schließlich können Frauen seit nunmehr 100 Jahren wählen gehen und gewählt werden. Aber wie die Historikerin Corinna Schneider vom Verein Frauen und Geschichte in Baden-Württemberg in diesem Zusammenhang die Gegenwart analysierte, gab den vielen Zuhörerinnen mehr Grund zum Nachdenken als zur Freude.

Denn noch immer sind Frauen, zum Beispiel im Stuttgarter Landtag, unterrepräsentiert. Ihr Anteil liege bei rund 25 Prozent. Damit sei das Land unter den Schlusslichtern. „Das liegt am komplizierten Wahlrecht“, sagte sie. Im Bund rühre die schlechte Situation unter anderem daher, dass Parteien wie die CDU ihre Wahllisten nicht paritätisch besetzten. Im Gegensatz zu den Grünen und den Linken. Im Bundestag liege der Frauenanteil bei rund 31 Prozent. „Das ist weniger, als bei den letzten Bundestagswahlen von 2013 bis 2017. Da lag er bei 36,1 Prozent.“

Kampagne des Frauenrats

Dass es noch immer viel zu tun gibt auf dem Weg der Gleichberechtigung in puncto Politik und vielen anderen Bereichen, daran ließ die Historikerin keinen Zweifel. Der Deutsche Frauenrat in Berlin, Dachverband von Frauenorganisationen, habe sich Parität in den Parlamenten als Ziel auf die Fahne geschrieben – „man darf gespannt sein, ob das erreicht wird“, sagte Schneider und forderte dazu auf, bei der Kampagne des Frauenrats „Wir brauchen alle Argumente“ zu unterschreiben. Dass Parität per Gesetz bestimmt werden könne, sehe man in Brandenburg. „Das Landesparlament ist Vorreiter, vor kurzem wurde das Paritégesetz verabschiedet.“ Dafür müsse sich niemand bedanken. Das habe im Jahr 1919 schon Marie Juchaz, die erste Rednerin in einem deutschen Parlament überhaupt gesagt: „Gleichberechtigung ist eine Selbstverständlichkeit.“

Die Meinungen der Zuhörerinnen über den mehr als einstündigen historischen Abriss waren geteilt. „Mir war das zu trocken und zu lang“, sagte die Juristin Ulrike Meise, die sich im Ulmer Frauentreff engagiert. Ihre Mitstreiterin Monika Bär dagegen war angetan: „Die Zahlen bringen es auf den Punkt, wie es um die Gleichberechtigung in der Politik steht.“ Frauen müssten aktiv werden, um die Macht der Männer zu durchbrechen: „Freiwillig werden sie sie nicht hergeben.“ Auch Monika Abele-Pfeiffer gefiel der Vortrag: „Man hat viel erfahren.“ Eine Erkenntnis der 66-Jährigen: „Wählen ist immens wichtig, im Hinblick auf die Europawahl umso mehr.“ Man müsse den Rechtsruck verhindern.“ Die Rechten stellten vieles in Frage, was  „uns selbstverständlich erscheint“.