Ulm "Unterirdisch!" - Schaufenster in die Stadt

Stationen zur Ulmer Stadtgeschichte: Archäologische Fundstücke und viele Informationen und Geschichten per Diashows und Filme.
Stationen zur Ulmer Stadtgeschichte: Archäologische Fundstücke und viele Informationen und Geschichten per Diashows und Filme. © Foto: Oliver Schulz
Ulm / JÜRGEN KANOLD 17.09.2016
Im zentral gelegenen Stadthaus kann sich der Tourist jetzt zentral über die Ulmer Stadtgeschichte informieren: "Unterirdisch!" heißt die Ausstellung.

Natürlich hat das Stadthaus keine Leichen im Keller. Aber eigentlich doch, nämlich die älteste Ulmerin, intern „Frau Kächele“ genannt. Die ältesten sterblichen Überreste eines Menschen, die bislang in der Ulmer Innenstadt gefunden wurden, sind nämlich die einer Frau, die vor rund 4300 Jahren lebte, also in der spätsteinzeitlichen Glockenbecherkultur. Ihr Grab wurde 1989 entdeckt, als die Archäologen auf dem Münsterplatz die Baugrube für das 1993 eröffnete Stadthaus untersuchten.

Weil es kein vergleichbares Grab aus jener Zeit in Ulm gibt, vermuten die Forscher, dass diese Frau einer durchreisenden Gruppe angehörte, als sie der Tod ereilte. Durchaus an Touristen aber richtet sich die neue, auf Deutsch und Englisch getextete Dauerausstellung im Untergeschoss des Stadthauses. Sie zeigt ausgewählte Funde der damaligen Grabungen an sieben Stationen – liefert aber nicht allein den archäologisch interessierten Besuchern Anschauungsmaterial, sondern bietet ein  höchst informatives multimediales Schaufenster zur ganzen Stadt.

„Unterirdisch!“ lautet der Titel der neuen Dauerausstellung, die Sabine Presuhn vom Stadthaus mit einer Arbeitsgruppe aus Fachleuten konzipierte – aber der Nutzwert ist ganz oben anzusiedeln: Wer etwas kompakt über die Stadtgeschichte Ulms erfahren möchte, fängt jetzt zentral im Stadthaus an. Und sieht dann, zu seinen Füßen, auch die älteste Ulmerin: die 3D-Replik des Skeletts und des Fundorts samt Grabbeigaben unter Glas, im Boden versenkt.

Gefunden haben die Archäologen damals, von 1986 bis 1993, nicht nur menschliche und tierische Knochen, sondern Handwerksgeräte, Gegenstände des täglichen Lebens, ja auch Spielzeug. Diese meist in  Vitrinen in der Wand eingefassten Objekte bilden „alle Lebensbereiche  der Stadtmenschen ab“ und repräsentieren in der Dauerausstellung jeweils einen Themenblock. So lernt der Besucher über Diashows, Filme und prägnante Texte die Ulmer Historie  kennen – aber immer auch mit einem Bezug zur Gegenwart, zum Leben in unserer Zeit.

Der Clou dabei: Die Diashows auf den Monitoren (die zur Münsterjubiläums-Ausstellung angeschafft worden sind) geben Hinweise, an welchen Ulmer Kulturorten und anderen Plätzen in der Stadt mehr zum Thema zu erfahren ist. Der interessierte Besucher wird gewissermaßen verlinkt: nicht nur zum Ulmer Museum oder zum Haus der Stadtgeschichte, sondern auch zum Wassermuseum (Zundeltor), zur Tiefgarage am Rathaus, zur „Krone“ oder dem ehemaligen Brechenhaus in der Friedenstraße. Ein auszuwählender Knopfdruck – und auf den Monitoren an der Wand erschließt sich über die Diashows in vielen Kapiteln die ganze Stadt. Die berühmten „Kulturpunkte“, zu denen Ulm seine städtischen Kultureinrichtungen erklärt hat, gewinnen eine ganz neue, praktische Bedeutung.

Eine Station heißt zum Beispiel „Alltag und Fest“: Murmeln, ein Püppchen sind  in der Baugrube des Stadthauses gefunden worden, auch Trinkgläser – in einer Latrine, die einst auch den Hausmüll aufnahm, überdauerten sie die Zeiten. Wer sich dann durch die Diashows und die Filme arbeitet, dem wird nicht nur der Schwörmontag und das Nabada erklärt. Oder „Religion und Bildung“. In diesem Kapitel weisen die Fliesen des Barfüßerklosters, das einst am Ort des Stadthauses stand, den historisch-erzählerischen Weg. Klöster waren immer Stätten der geistlichen wie weltlichen Bildung  gewesen – große Ulmer Bildungstradition also, und ein paar Jahrhunderte später ist der Besucher dann schon, lesend, bei der 1953 gegründeten Hochschule für Gestaltung angelangt und könnte jetzt angeregt sein, mal das HfG-Archiv auf dem Hochsträß aufzusuchen.

Ein überzeugendes museumspädagogisches Konzept hat diese „Unterirdisch!“-Dauerausstellung, die fast 90.000 Euro kostete, finanziert über die Stadt und auch mit Sponsoren-Hilfe. Fertig aber ist sie nicht, sagen Stadthaus-Chefin Karla Nieraad und Sabine Presuhn. Mit neuem Geld soll etwa im nächsten Jahr das Modell einer Stadtansicht aufgestellt werden, auf der dann auch die 32 Orte sichtbar sind, auf die der neugierig gemachte Besucher zwecks Vertiefung seines Wissens hingewiesen wird (einstweilen listet sie informativ ein Flyer auf).

Wer so richtig unterirdisch eintauchen möchte in die Ulmer Stadtgeschichte, kann locker Stunden hier verbringen. Eine historische Grundversorgung übrigens, die auch den eingeborenen oder langjährigen Ulmer sehr interessieren kann. Ein lebensvolles Exponat hat er dann auf jeden Fall schon kennengelernt: das Stadthaus des Richard Meier selbst, das nicht nur modern, sondern geschichtsbewusst ist.

Dauerausstellung des Stadthauses

Eröffnung Die neue Dauerausstellung „Unterirdisch! – Was unter dem Münsterplatz verborgen lag“ im Untergeschoss des Stadthauses hat Mo-Sa 9-18, Do 9-20 und So 11-18 Uhr geöffnet. Der Eintritt ist frei. Heute in der Kulturnacht hat das Stadthaus bis Mitternacht auf. Die Projektleitung hatte Sabine Presuhn vom Stadthaus, zur Arbeitsgruppe gehörten: Michael Hiller (Münsterbaumeister), Eva Leistenschneider und Kurt Wehrberger (Ulmer Museum), Gudrun Litz (Haus der Stadtgeschichte/Stadtarchiv), Henning Petershagen, Jonathan Scheschkewitz (Landesamt für Denkmalpflege), Kathrin Schulthess (Stadtführerin) und die Ausstellungsgestalter von der Berliner Agentur Rotes Pferd.

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