Theater Ulm „Ungeheures Potenzial“

Der neue Theater-Intendant Kay Metzger im Gespräch mit Magdi Aboul-Kheir (links) und Jürgen Kanold.
Der neue Theater-Intendant Kay Metzger im Gespräch mit Magdi Aboul-Kheir (links) und Jürgen Kanold. © Foto: Oliver Schulz
Ulm / Von Helmut Pusch 14.09.2018

Wenn ich abends heimfahre, frag’ ich mich manchmal: Was hast du eigentlich den ganzen Tag gemacht? Nur geredet, Gespräche geführt. Aber die sind wichtig!“ Und reden kann Kay Metzger, der neue Intendant des Theaters Ulm: fundiert, ­exakt, eloquent und sehr unterhaltsam. Erleben konnte man das jetzt beim Forum der SÜDWEST PRESSE im vollbesetzten Stadthaus, wo sich Metzger den Fragen der Kulturredakteure Jürgen Kanold und Magdi Aboul-Kheir stellte.

Das nutzte der gebürtige Kieler, in Mannheim und im Hessischen Aufgewachsene, der zuletzt 13 Jahre lang Intendant im lippischen Detmold war und in Ulm seine dritte Intendanz antritt, um auch Werbung für sein Haus zu machen – etwa für die erste Musiktheater-Produktion: Leos Janáceks „Das schlaue Füchslein“, das Metzger selbst zum Saisonauftakt in Szene setzt. „Ich weiß schon, bei Janácek zucken viele zusammen. Das dürfen sie auch, aber nicht beim ‚Füchslein’, das ist poe­tisches Wetltheater, ein musikalischer Rausch, der auch noch generationsübergreifend ist. Das Stück kann man von acht Jahren an aufwärts anschauen.“

Apropos acht Jahre: So alt war Metzger, der damals in Mannheim wohnte, als er das erste Stück im Theater sah – in Ludwigshafen. „Ja, damals fuhr man noch von Mannheim über den Rhein rüber. Heute ist das nicht mehr so. Aber hier soll es ja genauso sein“, witzelt Metzger über das Ulm/Neu-Ulmer Verhältnis. Seine eigentliche Theater-Initiation erlebte er aber mit 15. Weil sein Großvater indisponiert war, fragte ihn seine Großmutter, ob er sie denn an dessen Stelle ins Mannheimer Nationaltheater begleite. „Ich sagte ja, hatte gar keine Ahnung, was gespielt wurde, aber dann erklang dieser Anfang in A-Dur: ,Lohengrin’. Ich war hin und weg und von da an versaut fürs Leben“, erzählt der heutige Wagner-Spezialist.

Wagners „Ring“ hat Metzger denn auch in Detmold auf die Bühne gebracht – bundesweit beachtet, weil das Detmolder Haus ein kleines Theater ist.  Wie macht man sowas? „Mit Fremdmitteln. Das geht nur mit zusätzlichem Geld“, sagt Metzger und schiebt gleich nach: „Ich bin ja gespannt, ob man im Schwäbischen auch solche Sponsoren findet.“ Überhaupt die finanziellen Mittel: „Jedes Theater ist unterfinanziert. Es gibt immer Dinge, die man sich noch wünscht.“ Aber es gebe auch Fakten: „Die Ausstattungs-Pauschale für eine Opernproduktion ist in Ulm exakt die gleiche wie in Detmold. Nur dort ist die Bühne um ein Drittel kleiner. Das heißt: Dort braucht man für ein Bühnenbild auch immer ein Drittel weniger Material.“

Doch Geld ist kein Allheilmittel, weiß auch Metzger, der viel Wert auf das Bühnen-Handwerk legt. „Es ist wie in der Musik, da muss man auch sein Handwerk beherrschen. Es ärgert mich, wenn ein Autor wie Tankred Dorst in Bayreuth den ‚Ring’ inszeniert oder wenn Künstler als Bühnenbildner engagiert werden.“ Es  gehe um die Details. Was nütze das tollste Konzept und die tollste Idee für eine Inszenierung, wenn der Bariton dann bei seiner Arie vorne am Bühnenrand stehe und nur die Arme ausbreite.

Metzger hat sein Handwerk von der Pike auf bei einem ganz Großen gelernt: August Everding, der den jungen Theaterwissensschaftsstudenten aus der Uni heraus als Assistent verpflichtete, nachdem er dessen erste Regiearbeit gesehen hatte. Und Everding habe das Handwerk eines Regisseurs so beschrieben: „Du musst dir vorstellen, vor der Bühne ist eine Glasscheibe. Der Zuschauer hört also nicht, was die Darsteller auf der Bühne sagen oder singen. Und doch muss der Betrachter kapieren, um was es auf der Bühne geht.“

Auch wenn Metzger heute vor allem als Musiktheater-Regisseur bekannt ist, er hat auch Schauspiel inszeniert – vor allem in den ersten Jahren. „Intendanten lassen junge Berufsanfänger nur ungern ans Musiktheater.“ Der Vorteil: „Das Schauspiel schärft den Blick“, sagt Metzger. Denn ohne Musik müsse der Schauspieler seine Partitur selbst erfinden.

Zurück zu Wagner: Wird es auch in Ulm einen „Ring“ geben? Keine klare Antwort – nur: „Das wagen jetzt auch immer mehr kleine Häuser. Jetzt kommt in Ulm erst mal der ‚Holländer’.“ Eines habe er in der vergangenen Spielzeit etwa beim Besuch einer „Elektra“-Aufführung gelernt: „Hier gibt es ein ungeheures Potenzial.“

Das müsse langfristig gesichert werden, fügt Metzger hinzu – auf die Frage, ob er das Philharmonische Orchester höherstufen wolle. „Natürlich spielen die Musiker nicht automatisch besser, wenn sie besser bezahlt werden. Aber wenn wir weiterhin gute Bewerber fürs Ulmer Orchester haben wollen, müssen wir das Orchester höher einstufen. Das zahlt sich auf Dauer aus.“ Darüber wird Kay Metzger mit der Politik reden. Und das kann er.

Ein Name für die Theaterzeitung

Umfrage Von dieser Spielzeit an veröffentlicht das Theater Ulm in Kooperation mit der SÜDWEST PRESSE als regelmäßige Beilage eine Theaterzeitung. Was  bislang fehlt, ist ein griffiger Name für diese Publikation. Und bei der Namensfindung sind auch unsere Leser gefragt. Vorschläge können bis Sonntag 16. September, auf allen sozialen Kanälen oder per E-Mail an pressestelle-theater@ulm.de eingereicht werden.

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel