Ulm "Ulmer Oratorium" zum Münsterturm-Jubiläum abgeblasen

Komponist Marios Joannou Elia vor dem Münster, wo sein »Ulmer Oratorium« nicht aufgeführt wird. «
Komponist Marios Joannou Elia vor dem Münster, wo sein »Ulmer Oratorium« nicht aufgeführt wird. « © Foto: Volkmar Könneke
Ulm / HANS-ULI THIERER 05.03.2015
Gedacht als kulturelles Highlight zum Münsterturm-Jubiläum, ist das „Ulmer Oratorium“ abgesagt: OB Gönner hat die Aufführung in Abstimmung mit Münsterkantor Wieland und Operndirektor Kaiser abgeblasen. Mit Leitartikel von Jürgen Kanold: Am Boden

Pressekonferenz am Donnerstagmittag um 3 Uhr im Rathaus: Irgendwann bemächtigt sich der äußerlich gefasste, innerlich aber doch angefressene, OB der Ironie. Angesprochen auf den Anspruch des Ulmer Weitblicks, der sich hinter den Festivitäten zum 125. Jahrestag der Vollendung des Münsterturmes Ende Mai verbirgt, stellt Ivo Gönner gallig fest: „Wenn das kein Weitblick ist, rechtzeitig abzusagen . . .“ Abgesagt hat der Oberbürgermeister das „Ulmer Oratorium“ – per Auflösung des Vertrags mit dem Komponisten.

In Paphos auf der Mittelmeerinsel Zypern hatte eine Stunde zuvor Marios Joannou Elia nicht verstehen wollen, was ihm da in Ulm widerfährt. Wieder und wieder versichert der Komponist am Telefon, seinen Kooperationswillen. Alle seine Ulmer Ansprechpartner für die Welt-Uraufführung, die am 29. Mai hätte sein sollen und die Wiederholung tags darauf, hätten doch signalisiert, dass man Probleme im Zusammenwirken lösen könne. Und wenn es bis Ende Mai nicht geklappt hätte, eben bis September. „Warum hat man das nicht verschieben können?“

Diesen Vorschlag hat Elia, der in seiner Heimat künstlerischer Direktor der Kulturhauptstadt Europas 2017 ist, in einem Telefonat auch dem Oberbürgermeister unterbreitet. Doch auf weitere Geduldsspiele will Gönner sich nicht einlassen. In für seine Verhältnisse ungewöhnlicher Gestelztheit formuliert der OB vor der Presse: „Ich kann die Fortsetzung der bisherigen Ereignisse nicht verlängern.“ Das sei den 400 Ulmer Musikern und Sängern, die an diesem musikalischen Partizipationsprojekt beteiligt sind, nicht zuzumuten. Mitwirkende wären gewesen die Profis des Philharmonischen Orchesters und des Theaterchors der Stadt sowie die Amateure der Jungen Bläserphilharmonie, der Chöre der Ulmer Spatzen und der Münstergemeinde sowie zahlreiche Solisten, etwa Jo Kraus oder Jürgen Grötzinger.

Zur Vertragskündigung geführt hat eine Krisensitzung am Dienstag. Münsterkantor Friedemann Johannes Wieland und Theater-Operndirektor Matthias Kaiser, zuständig für die musikalische, inszenatorische, technische Umsetzung des „Ulmer Oratoriums“, hatten Gönner damit konfrontiert, dass Elia noch kein vollständiges probentaugliches Noten- und Dirigiermaterial geliefert habe. Dies trotz am 18. Dezember getroffener Vereinbarungen und obwohl zwischen Ende Januar und Februar bereits eine vierwöchige Fristverlängerung für die Lieferung des vollständigen Werkes eingeräumt worden sei. Kaiser: „Das Stück ist immer noch nicht komplett da.“

Was dieses Desaster die Stadt kostet, ist offen. Es hängt auch davon ab, ob es Wieland, Kaiser und der städtischen Kulturabteilung gelingt, kurzfristig ein Alternativprogramm auf die Beine zu stellen. Das Gesamtbudget für das Oratorium-Projekt beträgt 500.000 Euro, die vor allem in Bühnen, Tribünen und Technik aller Art und Sicherheit fließen. Rund 200.000 Euro seien aufgrund vertraglicher Pflichten bereits ausgegeben. Das Honorar für Elia bezifferte Gönner mit 30.000 Euro, etwa die Hälfte sei ausbezahlt.

Einzelne Sponsoren wie der Möbel-Magnat August Inhofer hätten signalisiert, bei der Stange zu bleiben – obwohl sie ausdrücklich das „Ulmer Oratorium“ unterstützt hätten. Sagt Gönner – in diesem Fall ganz tiefenentspannt.

Leitartikel von Jürgen Kanold: Am Boden

Als der Hauptturm des Münsters anno 1890 vollendet war, feierten die Ulmer Bürger diese Spitzenleistung von 161,53 Metern mit einer Aufführung von Felix Mendelssohns „Elias“. 125 Jahre später sollte zum Jubiläum ein zeitgenössisches Werk erklingen, ein „Ulmer Oratorium“ des zyprischen Komponisten Marios Joannou Elia: „Kreuzblume – eine Turmfantasie“. Gut so, mutig. Aber die Fantasie ist den Beteiligten dann gründlich abhanden gekommen, und überhaupt der „Ulmer Weitblick“ – unter diesem Motto stehen die Feierlichkeiten in diesem Jahr.

Kurzum: Die Absage des musikalischen Großereignisses auf dem Münsterplatz ist ein Debakel für die Stadt. Jetzt macht sie die gewünschten Schlagzeilen: allerdings sehr negative. Die Spitze im Süden: am Boden.

Wer daran die Schuld trägt? Sicherlich auch Elia, weil er seine Partitur offenbar nicht vertragsgemäß ablieferte. Aber die Musikgeschichte ist voll von säumigen Komponisten, angeblich unspielbaren Werken und Uraufführungsproben in letzter Minute. Es drängt sich der Verdacht auf, dass der Auftrag an Elia ein Missverständnis war und dass die Ulmer Organisatoren, also federführend Sabrina Neumeister mit dem Kulturamt, überfordert waren.

Wie war man denn auf Marios Joannou Elia als Komponisten gekommen? Der international tätige Zyprer, ein Spezialist für neutönerische Events, hatte 2011 für das Jubiläum „125 Jahre Automobil“ in Mannheim eine „Autosymphonic“ geschrieben, eine Multimediasinfonie, bei der auch die Geräusche von 80 Fahrzeugen percussiv mitspielten. Die spektakuläre Aufführung vor 17.000 Menschen am Mannheimer Wasserturm kostete rund 2,5 Millionen Euro, die lange Liste der professionellen Macher und Mitwirkenden passte nicht mal auf eine der endlosen Partiturseiten Elias; und zu den Akteuren gehörten mit dem SWR-Vokalensemble und dem Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg internationale Spitzenmusiker.

In Ulm aber sollten die lokalen Kräfte dabei sein, auch Laienensembles – eine tolle Idee, diese Bürgerbeteiligung am Jubiläum der Bürgerkirche. Aber so einfach war das „Ulmer Oratorium“ nicht zu stemmen, auch nicht mit diesem Budget. Man hatte ein All-inklusive-sorglos-Paket bei Elia einkaufen wollen – aber Elia ist nur ein Komponist und arbeitet noch an ganz anderen Projekten. So lief der Zeitplan aus dem Ruder.

Ob es ein Happy End gebe in seinem Oratorium, wisse er noch nicht, sagte Elia im Juni vergangenen Jahres noch lachend im Rathaus – woraufhin Kulturamtsleiterin Neumeister damals schmunzelnd ergänzte: „Wir haben eines bestellt!“

Nein, lustig ist das nicht mehr. Das „Ulmer Oratorium“ bleibt eine unerhörte Tragödie. Damit aber sollte auch jede mögliche Debatte um eine Bewerbung Ulms als Europäische Kulturhauptstadt 2025 im Keim erstickt sein: Die Ulmer können es nicht. Jedenfalls nicht mal im Ansatz mit den eigenen Kräften der Kulturbürokratie.

Bleibt zu hoffen, dass wenigstens das Münsterturmjubiläum noch mit ein paar Lichtblicken über die Bühne geht. Dem Vernehmen nach soll die Premiere des lokalen Kinder-Musicals „Lilli Langohr und die Schwörglocke“ im Theater nicht gefährdet sein.

Was jetzt? Und was ist mit den Eintrittskarten?

Ersatzprogramm Noch ist offen, ob es nach der Absage des „Ulmer Oratorium“ am 29. und 30. Mai zur Aufführung eines oder mehrerer anderer musikalischer Werke auf dem Münsterplatz kommt. OB Ivo Gönner will keinen Druck ausüben. Münsterkantor Friedemann Johannes Wieland und Operndirektor Matthias Kaiser, denen die Suche nach einer Alternative nun obliegt, sind sich einig, dass nur eine ansprechende andere Aufführung in Frage kommt, die auch zu den beteiligten Ulmer Ensembles, zur Infrastruktur und zum Münsterturm passt. Wieland: „Der Schuss muss sitzen.“

Tickets Für die beiden geplanten, jetzt geplatzten Aufführungen standen nach Angaben Ingo Bergmanns von der städtischen Abteilung Öffentlichkeitsarbeit jeweils 4000 Karten zur Verfügung. Von den insgesamt 8000 Tickets waren erst etwa zehn Prozent abgesetzt. Die Karten können ab sofort an den Vorverkaufsstellen zurückgegeben werden. Bergmann empfiehlt Klassik-Liebhabern aber, so lange abzuwarten, bis feststeht, ob und welche Alternative aufgeführt wird und ob die Tickets dann ihre Gültigkeit behalten. Er rechnet damit, dass eine Entscheidung darüber bis heute in einer Woche fällt.
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