Interview Annette Schavan: „Ulm ist eine inspirierende Stadt“

Ein Lieblingsplatz von Annette Schavan in Ulm: Die Terrasse am Michelsberg mit den prächtigen Sonnenblumen, deren Samen noch aus Rom stammen.
Ein Lieblingsplatz von Annette Schavan in Ulm: Die Terrasse am Michelsberg mit den prächtigen Sonnenblumen, deren Samen noch aus Rom stammen. © Foto: Matthias Kessler
Ulm / Verena Schühly 06.10.2018
Annette Schavan genießt es, hier zweckfrei Bürgerin zu sein, und mag die Balance in Stadtgesellschaft und Architektur.

Ein Buch lesen und die Spätsommersonne auf ihrer Terrasse am Michelsberg genießen. Zeit dafür hat Annette Schavan jetzt manchmal. Denn vor 100 Tagen ist ihre Dienstzeit als deutsche Botschafterin am Vatikan zu Ende gegangen. Ein lebendiges Andenken an Rom sind der Topf mit mehr als 30 Sonnenblumen: Die Samen dafür hat sie aus dem Garten ihrer römischen Dienstwohnung mitgebracht und im Juli in Ulmer Erde gesetzt. „Die funktionieren auch im Team“, sagt die 63-Jährige am Beginn des Gesprächs über ihre Vergangenheit und ihre Zukunft.

Frau Schavan, wie war Ihr Sommer?

Annette Schavan: Schön und entspannt. Ich bin zwischen Ulm und Überlingen hin und her gependelt, um den Bodensee zu genießen, wie in jedem Sommer, seit ich in Baden-Württemberg bin. Unterbrochen war das vom Einsortieren von Büchern und dem Auspacken unausgepackter Kisten aus allen Phasen meines Lebens: Unterlagen und Fotos aus 40 Jahren, manches hatte ich längst vergessen. So wurde diese Tätigkeit zu einer Entdeckungsreise in meinem eigenen Leben.

„Ulm ist meine Heimat geworden“

Sind Sie dadurch ganz in Ulm angekommen?

Ja, das bin ich. Ulm ist meine Heimat geworden. 2004 bin ich hergezogen. Am Schwörmontag dieses Jahres habe ich in der Begegnung mit ganz vielen Menschen gemerkt, dass ich hier hingehöre. Und Ulm ist eine Stadt, in der ich mich rundum wohlfühle.

Wie erleben Sie denn Ulm?

Als inspirierend: Hier wurde eine gute Balance geschaffen, hier steht nichts für sich allein, sondern lebt in Beziehungen und im Dialog. Das gilt architektonisch wie beispielsweise Münster und Stadthaus, Wissenschaftsstadt und Fischerviertel, Neutorbrücke und die ästhetische neue Straßenbahnbrücke. Die Stadt erzählt auf kleinem Raum viele Geschichten und zeigt, dass sich verschiedene Traditionen hier gut miteinander aufhalten können.

Gilt das auch für die Ulmer Bürger?

Eindeutig ja. Ich erlebe in der Stadtgesellschaft das Bemühen um Verbindung statt Spaltung. Das ist ein guter Ansatz für Weiterentwicklung. Die Kommunalpolitik hat über Jahrzehnte gut vorgesorgt. Hier gab es früh den Rat der Religionen, hier wurde die Synagoge wieder aufgebaut, hier gibt es das Konzept der internationalen Stadt.

Was macht für Sie Heimat aus?

Menschen vertrauen zu können. Und Orte oder Räume zu haben, mit denen ich Geschichten verbinde – selbst erlebte ebenso wie die, die eine Stadt produziert und die mich interessieren. Das habe ich auch im Rheinland, an den Orten meiner Kindheit. In Stuttgart oder Berlin ist das weniger der Fall. In Ulm aber schon, insbesondere in Verbindung mit Religion und Tradition.

„Muße schafft Raum für neue Ideen“

Seit drei Monaten haben Sie jetzt Pause: So lange ist es her, dass Ihre Zeit als Botschafterin am Heiligen Stuhl zu Ende gegangen ist. Was werden Sie in Zukunft beruflich machen?

Ich wünsche mir Zeit zum Schreiben und für meine internationalen Kontakte, zum Beispiel die Gastprofessur in Shanghai. Die Arbeit mit jungen Chinesen ist sehr anregend. Ich erfahre gerade auch den Wert von Muße. Das war mir eher fremd. Muße schafft Raum für neue Ideen und Kreativität. Das gefällt mir gut. Eine Rückkehr in die Politik schließe ich aus und habe großen Respekt vor denen, die es jetzt machen.

Wie sehen Ihre Pläne für die nächste Zeit aus?

Ich möchte in diesem Jahr noch ein drittes Buch schreiben. Und im nächsten Jahr habe ich vor, etwas zu schreiben darüber, wie sich Politik und Religion zueinander verhalten. Das ist bei uns gerade kein Thema, an anderen Orten der Welt aber sehr wohl. Dazu möchte ich meine eigenen Erfahrungen reflektieren im Sinne eines besseren Verstehens, nicht eines Besserwissens.

Gibt es auch Anfragen, sich in Ulm zu engagieren?

Ich genieße es, in Ulm einfach Bürgerin zu sein und zweckfrei über den Markt, an der Donau oder übers Hochsträß spazieren zu können. Das ist eine komfortable Situation, die ich gern behalten möchte. Ich versuche, den Versuchungen für ehemalige Amtsträger aus dem Weg zu gehen.

Aber Sie haben schon noch Kontakte zu Weggefährten aus der Politik?

Ja, die halten an. In der Zeit in Rom haben wir uns nicht aus den Augen verloren. Es gab in den vier Jahren ein Kommen und Gehen von 14 Ministerpräsidenten, und Angela Merkel war auch drei Mal da. Außerdem begleite ich das politische Geschehen weiterhin mit. Manche Menschen sagen ja, in der Politik gibt es keine Freundschaften. Ich habe das anders erfahren: Natürlich gibt es Zweckbündnisse, aber darüber hinaus auch Freundschaften, die tragfähig sind über ein verbindendes politisches Thema hinaus und die halten, wenn es das Amt nicht mehr gibt.

„Der Papst hat sich bedankt“

Wie haben Sie aus der räumlichen Distanz von Rom aus die Debatte um die Flüchtlingspolitik in Deutschland wahrgenommen?

Manchmal einfach nur sprachlos. Wohlmeinend formuliert könnte man sagen: Dass Christen halt auch mal miteinander ringen. Meine tiefe Überzeugung ist: Dieses Land hat eine Stärke und eine Zivilgesellschaft, die viel möglich macht und Integration schaffen kann. In Rom bin ich oft angesprochen worden auf die Willkommenskultur in Deutschland und das große Engagement vieler Bürger in der Flüchtlingshilfe. Papst Franziskus hat sich dafür ausdrücklich bedankt.

Haben CDU und CSU nach diesem Koalitionskrach die Bezeichnung „christlich“ überhaupt noch verdient?

Dass sich die C-Parteien darüber streiten, schwächt beide. Ich hoffe, dass bald der Punkt erreicht seinkann, an dem der Konsens überwiegt und man über verschiedene Varianten sprechen kann. Mit dem C ist Verantwortung verbunden – und eine geteilte Verantwortung gibt es für Christen nicht. Besser wäre es meiner Ansicht nach, nicht in Kulturpessimismus zu verfallen, sondern auf das zu schauen, was alles klappt und gelungen ist. Integration ist eine Aufgabe, für die es Ausdauer braucht und ein differenziertes Verstehen dessen, was passiert.

Sehen Sie Angela Merkel jetzt als geschwächt? Kann sie noch eigene politische Ziele verfolgen oder ist sie nur damit beschäftigt, ein Auseinanderbrechen der Koalition zu verhindern?

In Europa ist völlig klar, wofür Angela Merkel steht. Und in Deutschland hat gerade eine Umfrage ergeben, dass die Bürger auf die Kanzlerin so stolz sind wie auf niemanden sonst. Das Gefühl der Bürger im Blick auf CDU/CSU ist hingegen anders: Die Menschen spüren, wenn Sachfragen für persönliche Auseinandersetzungen genutzt werden. Abseits eines sorgenvollen Blicks nach Berlin finde ich, dass es gerade eine interessante Zeit ist, um Dinge zu gestalten. Festzuhalten ist allerdings auch: Demokratie, Freiheit und Menschenrechte sind etwas, für das jede Generation wieder neu kämpfen muss.

Stichwort: Missbrauch. Wie stellt sich Ihrer Meinung nach die Kirche zu diesem Thema?

Es ist ein Blick in den Abgrund. Das lässt sich nicht anders beschreiben. Ich selbst habe das als Ministerin im Jahr 2011 am Runden Tisch erlebt in der Begegnung mit betroffenen Opfern. Da habe ich erfahren, was ich nicht für möglich gehalten hätte. Es hat mich tief erschüttert. Inzwischen ist eine Menge auf den Weg gebracht. Jetzt geht es um die Beschäftigung mit dem Kontext, in dem der Missbrauch geschehen ist. Papst Franziskus hat klar drei Dimensionen benannt: Missbrauch von Macht, Missbrauch des Gewissens und Missbrauch von sexueller Gewalt.

„Die Kirche muss sich erneuern“

Was muss geschehen, um die Strukturen nachhaltig zu verändern?

Zum einen muss die Kirche tiefgreifende Veränderungen selbst wollen und sich nicht von außen aufdrücken lassen. Sie muss sich erneuern und dazu konkrete Schritte festlegen. Zum anderen geht es darum, Klerikalismus zu reduzieren. Die Frage ist aber: wie? Und es geht auch um Sprache, weil sie Wirklichkeit schafft: Wer in der katholischen Kirche nicht zum Amt gehört, wird als Laie bezeichnet. Dieses Wort hat eine klare Konnotation, als Gegensatz zum Profi.

Welche Fortschritte hat die Debatte um den Umgang mit kirchlichem Missbrauch schon gebracht?

Kardinal Reinhard Marx hat die Wende formuliert: Man muss wegkommen von der Frage, wie man die Kirche schützt; Vorrang haben die Opfer und deren Schutz. Außerdem ist deutlich geworden, dass das Thema nicht wieder von der Tagesordnung verschwindet. Dafür wird der Papst sorgen, auch wenn er dafür angefeindet wird.

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Zur Person

Annette Schavan wurde 1955 in Jüchen im Rheinland geboren. Nach dem Abitur studierte sie Erziehungswissenschaften, Philosophie und katholische Theologie. Seit 1973 ist sie Mitglied der CDU. Sie war Geschäftsführerin des Cusanuswerks, ehe sie 1995 Ministerin für Kultus, Jugend und Sport in Baden-Württemberg wurde.

2005 wechselte sie vom Landtag in den Bundestag und wurde Bundesministerin für Forschung und Bildung. Von dem Amt trat sie 2013 zurück, nachdem ihr der Doktorgrad aberkannt worden war. Von Oktober 2014 bis Juni 2018 war Schavan deutsche Botschafterin am Heiligen Stuhl in Rom.

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