Ulm / JÜRGEN KANOLD  Uhr
Uraufführungen sind ja so eine Sache, denn manchmal finden sie nie statt, siehe "Ulmer Oratorium". Das Donaufest und das Theater Ulm haben jetzt bei Alexander Balanescu ein Musiktheater für 2016 bestellt.

Der Komponist schrieb "Tag und Nacht" an dem Auftragswerk. Dann lag die Partitur zwar vor, doch die Zeit war zu knapp geworden, um das Aufführungsmaterial für die Proben herzustellen.

Nein, das ist jetzt mal kein neuer Erfahrungsbericht zum abgesagten "Ulmer Oratorium" des Zyprers Marios Johannou Elia für das Münsterturmjubiläum. So war es vielmehr 2012 Gerhard Stäbler ergangen mit einem Auftragswerk des Theaters Ulm. "Erlöst Albert E.", seine Einstein-Oper, kam dann erst 2014, mit zwei Jahren Verspätung, dort auf die Bühne. Das Theater hatte die Uraufführung aber besonnen und friedvoll verschoben und zum geplanten Termin immerhin zwei andere Werke Stäblers gespielt - inszeniert von Operndirektor Matthias Kaiser, der das Libretto zu "Erlöst Albert E." geschrieben hatte. So geht's also auch.

Musiktheater-Uraufführungen gibt es in Ulm nur alle Jubeljahre: Ob sie dann nach aller Kraftanstrengung künstlerisch überzeugen, die Werke andernorts eine weitere Inszenierung erleben, gar ins Repertoire wandern, ist die andere Frage. Aber Uraufführungen sind natürlich das Lebenszeichen eines traditionsreichen, sich eher am Vertrauten delektierenden Betriebs. Klasse also, dass nun am 1. Juli 2016 - der Termin ist vertraglich fix und im Spielzeitheft ausgedruckt! - die Uraufführung eines "choreografischen Musiktheaters" geplant ist. "Treibgut" lautet der Titel eines Abends, den das 10. Internationale Donaufest Ulm/Neu-Ulm zum Jubiläum beim rumänischen Komponisten und Geiger Alexander Balanescu bestellt hat und in Kooperation mit dem Theater Ulm im Großen Haus herausbringen will.

Am Wochenende war der Pop-Klassik-Avantgardist in Ulm, um den Vertrag mit dem Donaufest zu unterzeichnen. Und um mit Matthias Kaiser, der das Libretto für zwei Sänger-Partien schreibt, die inhaltliche Konzeption des Stücks zu besprechen. Die Schicksale der Menschen aus dem Donauraum im 20. Jahrhundert sind das übergreifende Thema. Erzählt werden sollen "Mini-Geschichten", sagt Kaiser, der dafür Biografien sammelt. "Wir legen die Donau trocken und schauen, was vor dem Wehr an Schicksalen angeschwemmt worden ist." Balanescu selbst tritt mit der Geige auf, sein berühmtes Quartett ist in "Treibgut" mit dabei, verstärkt um Zymbal, Panflöte und Akkordeon, auch die Ulmer Philharmoniker wirken mit; neben Balanescu hat Hendrik Haas die musikalische Leitung.

Ballettchef Roberto Scafati wird das "choreografische Musiktheater" inszenieren. Der Besetzungs-Clou: Neben der Ulmer Compagnie agieren neun weitere Tänzer - aus allen neun weiteren Donauländern. Diese Donauaktivität findet Matthias Kaiser am "Treibgut"-Projekt besonders spannend.

Bleibt die ulmische Frage, ob Balanescu seine Komposition rechtzeitig abliefert. Kaiser, der ja zum Team gehört, das mit dem "Ulmer Oratorium" scheiterte, ist sehr zuversichtlich: "Balanescu ist ein klassischer Komponist, er hat schon oft fürs Theater geschrieben und ist gerade auch fürs Brucknerfest Linz tätig, und der Umfang des Werks ist nicht so groß." Zudem seien Fristen gesetzt worden: Am 31. Dezember muss die Partitur fertig sein (mit der Notationssoftware Sibelius), am 31. Januar sollen Samples vorliegen, damit die Tänzer mit Musik proben können. "Ich hoffe, es klappt", sagt Matthias Kaiser.

Choreografisches Musiktheater

Zur Person Der in London lebende Violinist und Komponist Alexander Balanescu, 1954 in Bukarest geboren, schreibt Film- und Theatermusik sowie Musik für Tanztheater. Mit der Michael Nyman Band wirkte er an Peter Greenaways Filmen "Der Kontrakt des Zeichners" und "Der Koch, der Dieb, seine Frau und ihr Liebhaber" mit. 1987 gründete der Rumäne das Balanescu Quartet, er feiert mit seinem Crossover aus Klassik, Pop und Avantgarde weltweit Erfolge - unter anderem mit Hits der Elektroniker von "Kraftwerk". Auch in unserer Region war Balanescu schon vielfach zu erleben. In "Treibgut" wird er live mit der Geige auftreten - dieses Instrument repräsentiere den "Klang der Heimatlosen".