Vor 75 Jahren, am 22. Februar 1943, wurden Hans und seine Schwester Sophie in München hingerichtet, weil sie sich am Widerstand der Gruppe „Weiße Rose“ gegen den Nationalsozialismus beteiligt haben. Hans Scholl starb mit den Worten: „Es lebe die Freiheit!“ Vor 100 Jahren, am 22. September 1918, wurde er in Ingersheim an der Jagst geboren. Die Familie Scholl zog 1932 nach Ulm. Zur Erinnerung seien hier einige Ulmer Orte aufgeführt, die mit der Familie und besonders mit Hans Scholl in Verbindung stehen. Zentral sind dafür die Denkstätte in der vh, die mit der Ausstellung „Wir wollten das andere“ an die verschiedenen Jugendvereinigungen als Schutzraum für kritisches Denken erinnert. Auch die Denkstätte in der Martin-Luther-Kirche gehört dazu, in deren Orgelraum das fünfte Flugblatt der Weißen Rose hergestellt wurde. Aber es gibt auch noch weniger bekannte Orte zu entdecken.

Kernerstraße

Die Familie Scholl kam aus Ludwigsburg, dem Ort, an dem sich die Eltern Robert und Magdalena Scholl kennengelernt haben. Zuvor waren sie in Forchtenberg und Ingersheim, dem Geburtsort von Hans, wo der Vater Bürgermeister war. In Ulm wohnten die Scholls zuerst in der Kernerstraße 29 am Michelsberg. Am 2. April 1933 wurde Hans in der Pauluskirche durch Pfarrer Gustav Oehler konfirmiert, der deutschnational eingestellt, aber ein deutlicher Kritiker der Nationalsozialisten war. Im selben Jahr zog die Familie um.

Olgastraße

Die zweite Station in Ulm war das stattliche Haus in der Olgastraße 139, in dem sich heute im Eingangsbereich eine kleine Ausstellung findet. Zur Familie gehörten neben den Eltern die Kinder Inge, Hans, Elisabeth, Sophie und Werner. Zum Entsetzen des Vaters wurde die Straße 1935 in „Adolf-Hitler-Ring“ umbenannt. Hans Scholl ging von dort aus in die Oberrealschule, das Kepler-Gymnasium. Auf seiner Schüler-Karteikarte trug jemand ordentlich das Datum seiner Hinrichtung ein. Zu seinen Schulkameraden zählten Hans Hirzel, Heinrich Guter und Franz Müller; sie wurden im zweiten Weiße-Rose-Prozess im April 1943 angeklagt. 1937 hatte Hans Scholl das Abitur abgelegt; später im Jahr durchsuchte die Gestapo die Wohnung der Familie; schwere Anklagen gegen Hans wegen Beteiligung an der bündischen Jugendarbeit sowie wegen homosexueller Beziehungen nach dem berüchtigten § 175 waren die Folge. Hans hatte Glück, er fand einen verständnisvollen Richter.

Münsterplatz

1939 zog die Familie in das Haus Münsterplatz 21, das im Krieg zerstört wurde. Von ihrer großen Wohnung im zweiten Stock hatten sie einen Blick auf die NS-Inszenierungen in Aufmärschen und Fackelzügen bei Tag und Nacht. Einmal protestierte die Mutter vor aufmarschierenden Truppen gegen die Störung des Gottesdienstes. Auch die Inszenierungen der kriegsrelevanten Ulmer Firmen wie etwa Magirus gehörten dazu.

Hans, der Charismatiker der Freundschaft, wollte die Werte der bündischen Jugend, Nationalstolz und Einsatz, Romantik und Zusammenhalt bewahren. Deshalb wurde er Fähnleinführer in der Hitler-Jugend, erkannte aber früh, dass eben diese Werte dort missbraucht wurden und sich hinter nationalem Pathos nur rassistische Menschenverachtung versteckte. Heute erinnert eine Stele von Otl Aicher vor dem Haus an die Geschwister Scholl. Auf ihr steht: „Wir schweigen nicht. Wir sind euer schlechtes Gewissen. Die Weiße Rose lässt euch keine Ruhe!“ Ausschnitte aus den Flugblättern der Weißen Rose.

Ab 1940 studierte Hans Medizin an der Universität München, wo er sich den kritisch denkenden Lehrern der Weißen Rose anschloss. Insgesamt sechs Flugblätter, per Post oder Wurfsendung verteilt, sollten die Deutschen wachrütteln, an ihr kulturelles und humanes Erbe erinnern und zum Widerstand aufrufen. Beim offenen Verteilen des sechsten Flugblatts im Lichthof der Münchner Universität kam es zur Verhaftung von Hans und Sophie Scholl.

Münster

Magdalena Scholl war als ehemalige Diakonisse Gemeindedienstfrau der Münstergemeinde. Ihre Kinder interessierten sich für die Geschichte des Münsters und entwickelten zwischen ihren kirchlichen Heimatorten Münster, Luther-Kirche mit den Freunden Hans und Susanne Hirzel, sowie Söflingen mit Otl Aicher schon ein ökumenisches Bewusstsein. Einmal schrieb Sophie an Hans, ob sie zum Osterfest lieber zur katholischen Feier nach Söflingen, oder zum Vortrag ins Münster gehen sollen! Dort erinnert heute das Fenster über dem Brautportal von 1953 als erstes neues Kunstwerk nach dem Krieg an den Glaskünstler Wilhelm Geyer, einen Freund der Familie. Er gab Hans den Schlüssel zu seinem Münchner Atelier, in dem Flugblätter der Weißen Rose hergestellt wurden. Auch Geyer wurde dafür zu einer Haftstrafe verurteilt. Auch der immer wieder heiß diskutierte Erzengel Michael im Bogen der Turmhalle erzählt aus der Zeit, da 1934, nach einem ersten Vorentwurf, aus einem Friedensengel ein streitbarer germanischer Wächter werden musste.

Scholl-Biograph Robert Zoske („Flamme sein! Hans Scholl und die Weiße Rose“) veröffentlichte erstmals alle bekannten Gedichte. Einige haben Ulmer Bezüge, etwa „Im Örlinger Tal“ oder „Hochsträß“. Das eindrückliche Gedicht „Dom“ wählt den für Ulm eigentlich unüblichen Titel einer Bischofskirche, was das Münster nie gewesen ist. Es beschreibt in meisterhaften Strophen den Geist und die Wirkung der gotischen Architektur des Münsters.

„Stolz und frei steht der Dom,
doch tot und stumm
ohne rinnendes Leben,
wenn feiner Steine
heimliches Weben
sich nicht mit dem Scheine
des Geistes dir füllt.
Der Dom ist ein herrliches
Sehnen
alle Säulen zum Himmel sich
dehnen …
… und der Sonne Auferstehn
und Niedergehn wirken seinen
Glanz –
sonst ist er allein –
still in sich und leiderfüllt,
seine Menschen sind
entschwunden …“

„Sonst ist er allein – still in sich und leiderfüllt“. Ein Satz, mit dem sich auch treffend sein Gemütszustand seit seiner Haftzeit in Stuttgart beschreiben lässt. Scholl war zeitweise in einer tiefer Depression gefangen, wie seine Briefe an die Mutter zeigen.

Frauengraben

Nach der Hinrichtung von Hans und Sophie setzte in Ulm eine Hetzkampagne gegen die Familie ein, die im Titel „Wie lange noch Scholl?“ im „Ulmer Sturm“ gipfelte. Für ein halbes Jahr wurden die Scholls im Untersuchungsgefängnis im Frauengraben in Sippenhaft genommen. Danach verzog die Familie in den Südschwarzwald. Der Vater Robert Scholl kam ins Konzentrationslager Kreisau bei Karlsruhe.

Mozartstraße

Als er nach dem Krieg von den Amerikanern zum Oberbürgermeister von Ulm ernannt wurde, kehrte die Familie zurück – ohne Hans und Sophie und auch ohne den Jüngsten, Werner, der als Soldat an der Ostfront vermisst wurde. Sie wohnten nun in der Dienstvilla in der Mozartstraße 2. Die Eltern und die Schwestern Inge, später verheiratet mit Otl Aicher, und Elisabeth, später verheiratet mit Fritz Hartnagel, hielten durch ihre Arbeit, vor allem in der Volkshochschule und der späteren Hochschule für Gestaltung, die Erinnerung an den Mut ihrer ermordeten Geschwister wach. Sie sollten dadurch nicht vergessen werden und weiterhin Menschen ermutigen zu einem Leben für Menschenwürde und Freiheit.

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Erinnerung „Es waren die kompakten Kolonnen der Jugend mit ihren wehenden Fahnen, den vorwärtsgerichteten Augen und dem Trommelschlag und Gesang. War das nichts Überwältigendes, diese Gemeinschaft?“, schrieb Inge Aicher-Scholl im Buch „Die Weiße Rose“. Als die Scholls 1939 an den Münsterplatz 21 (vierter Stock rechts) zogen, hatten die Kinder bereits mit dem Nationalsozialismus gebrochen. Unser Foto zeigt die Totengedenkfeier im November 1933. Foto: Stadtarchiv Ulm