Sommer-Interview Pfarrer Rainer Schmid über seinen Einsatz für Frieden

Ulm / Verena Schühly 03.08.2018
Friedensaktivist Rainer Schmid nimmt für sein Engagement berufliche Nachteile in Kauf. Zwei Mal wurde er strafversetzt. Trotzdem macht er weiter.

Er nimmt sein Kreuz auf sich. Es ist aus Holz, drei Meter hoch, „Atomwaffen abschaffen – jetzt!“ steht darauf. Es lässt sich in drei Teile zerlegen, für den Transport. Rainer Schmid ist evangelischer Pfarrer und Friedensaktivist. Einer, der immer wieder aneckt, nicht nur wenn er mit dem Kreuz vor dem US-Atomwaffen-Stützpunkt in Büchel an der Mosel steht. Weil er als Gemeindepfarrer immer wieder gegen Rüstungsfirmen und militärische Einrichtungen aktiv wurde, darf er inzwischen nur noch Religionsunterricht im Raum Ulm halten. Doch das tut er gern und mit der gleichen Überzeugung wie sein Engagement für Abrüstung.

Was bedeutet es für Sie, etwas
Mutiges zu tun?

Rainer Schmid: Mit Kreuz acht Stunden lang vor dem Atomwaffendepot Büchel zu stehen und mich den Reaktionen der Leute zu stellen. Von vorbeifahrenden Autofahrern, die ihr Unverständnis mit Handzeichen ausdrücken; über den jungen Mann, der ruft: „Pass auf, eines Tages hängst Du selbst am Kreuz“; bis hin zu Polizisten, die mich an Ostern 2017 vertrieben haben. Es gibt aber auch Menschen, die freundlich grüßen, und manche haben mir schon einen Kaffee oder ein Eis vorbeigebracht.

Sie sind wegen Ihres Friedensengagements inzwischen zweimal versetzt worden und dürfen nicht mehr als Pfarrer in einer Kirchengemeinde arbeiten. Wie lebt es sich mit solchen Konsequenzen?

Das Leben ist unsicherer geworden. Als mir hinter verschlossener Tür mit Suspendierung gedroht wurde, war das schrecklich für mich. Aber Gott sei Dank habe ich jetzt die Stelle als „Pfarrer zur Dienstaushilfe“ beim Schuldekan in Ulm und Blaubeuren bekommen. Meine Vorbilder sind Menschen in der Bibel, die mit Unsicherheit gelebt haben.

Welche sind das?

Zum einen natürlich Jesus von Nazareth. Aber auch die Propheten Amos, der wegen seiner Kritik an den gesellschaftlichen Verhältnissen aus Israel verjagt wurde. Jeremia, der in eine Zisterne gesperrt wurde. Und Micha, von dem der Ausspruch stammt, Schwerter zu Pflugscharen umzuschmieden.

Wie hat Ihr Engagement als
Friedensaktivist angefangen?

Ich war Gemeindepfarrer in Friedrichshafen und habe lange Jahre versucht, ein braver Pfarrer zu sein. Aber wenn man die Augen aufmacht, sieht man rund um den Bodensee 20 Rüstungsfirmen: Sie produzieren Waffenteile, Panzer, Motoren, Flugzeugteile, Steuerungen und andere Kriegsgüter, die in militärischen Konflikten eingesetzt werden und durch die Menschen sterben. Die Kirchenvertreter am Bodensee schweigen dazu, verschließen ihre Augen und Ohren. Das ist ein Tabu. Dann habe ich mit Freunden den Verein „Keine Waffen vom Bodensee“ gegründet, Friedensdemonstrationen organisiert und die Zusammenhänge sorgfältig recherchiert.

Das kam nicht gut an: Im Jahr 2013 wurden Sie nach Aalen versetzt. Haben Sie damals ans Aufhören gedacht?

Auch auf der Ostalb habe ich Rüstungsfirmen und militärische Einrichtungen vorgefunden. Ich habe wieder rüstungskritische Veranstaltungen organisiert. Zugleich aber gab es auch wieder Beschwerden: So ein unbequemer Pfarrer ist nicht gewollt. Weil er damit Kirchenmitglieder erschreckt. Nach dem Motto: Man beißt nicht die Hand, die einen füttert.

Wie sieht das Selbstverständnis von Pfarrern aus?

Wir sollen trösten, segnen, begleiten, Menschen beistehen in schweren Lebenslagen oder unterhalten mit Kirchenkonzerten. Aber das ist für mich nicht alles: Kirche hat doch auch einen prophetischen Auftrag und ein Wächteramt. Jesus selbst hat nicht nur gesegnet, sondern auch Klartext gesprochen. Außerdem ist die Bibel eindeutig: Jesus ruft an keiner Stelle zu Waffengewalt auf, auch nicht zur Notwehr. Seine Logik ist die des Friedens, der Vernunft.

Was hat Sie geprägt?

Die Friedensbewegung in den 80er Jahren: die Menschenkette von Ulm nach Stuttgart und wie wir in Mutlangen vor dem Kasernentor saßen. Auf Kirchentagen wurden Friedenslieder gesungen. Andererseits war mein Großvater Hans Kinzler Direktor bei Dornier. Als Kind habe ich bei ihm zuhause Akten mit der Aufschrift „streng geheim“ gesehen und mir genau angeschaut. Daher wusste ich bereits als Kind, dass am Bodensee viel Rüstung produziert wird.

Kann man mit gewaltlosen Mitteln etwas erreichen?

Michail Gorbatschow, der frühere Präsident der Sowjetunion, hat zugegeben, dass die Friedensbewegung einen Anteil an der atomaren Abrüstung hatte. Das zeigt: Man kann etwas bewirken mit gewaltfreiem Widerstand, man kann etwas verändern. Ebenso haben 1989 Gebete und Kerzen zum Fall der Mauer und zum friedlichen Ende der DDR beigetragen. Gewaltfreie Methoden sind nachhaltiger, effektiver und preiswerter als gewaltsame Lösung von Konflikten. Das gilt auch im zivilen Leben, in der Schule, in jeder Gemeinschaft.

2017 wurden Sie zum zweiten Mal strafversetzt. Hat man Ihnen nun einen Maulkorb verpasst?

Das stimmt so nicht. Aber man hat mir geraten, Dienstliches und Privates auseinanderzuhalten. Daran halte ich mich, so gut ich kann.

Sie machen also weiter?

Ulm hat eine Tradition der Friedensbewegung, beispielsweise die Friedenswochen im Herbst. Ich habe mitgewirkt an der Gründung des neuen Bündnisses „Friedensbewegt Ulm“. Zum Ostermarsch 2017 hatten wir höchstens 80 Teilnehmer erwartet, gekommen sind 250 Menschen. Und neulich hatten wir bei unserer Demo „Kein Nato-Logistik-Kommando in Ulm“ trotz Regens 150 Teilnehmer. Das war eine gute Resonanz. Im Frühjahr 2019 werden wir wieder zusammen mit anderen Gruppen einen Ostermarsch organisieren. Ich fände es gut, eine solche Veranstaltung in Ulm fest im Frühjahr zu verankern.

Woher nehmen Sie die Energie
für Ihr Engagement?

Ich habe in mir viel Kraft, für die brauche ich ein Ventil. Andere Männer in meinem Alter bauen Häuser oder leiten große Firmen. Ich setze mich gegen Rüstung, Militär und Krieg ein – für gewaltfreie Mittel.

Was meint Ihre Familie zu all dem?

Meine Frau teilt meine Überzeugungen, aber sie äußert sie in leiserer Form. Zugegebenermaßen hat sie auch Angst und sagt, ich soll aufpassen. Für mich ist es wichtig, etwas Sinnvolles im Leben getan zu haben: Ich will mitwirken am Weltfrieden.

Sie wollen aber auch die Kirche verändern. Inwiefern?

Es braucht eine neue Reformation: Kirche und Militär dürfen nicht mehr zusammenarbeiten. Die Kirche sollte nicht zweigleisig fahren: Einerseits Frieden schaffen ohne Waffen, andererseits aber notfalls doch mit Waffen. Die frühen Christen haben Waffengewalt abgelehnt. Erst im vierten Jahrhundert wurden sie von den Verfolgten zu den Verfolgern.

Wie sicher ist Ihr Job?

Ich bin Pfarrer im Wartestand. Das heißt: Ich darf mir keinen „Fehltritt“ mehr erlauben und bekomme meinen Dienstauftrag immer nur für ein oder zwei Jahre. Das hängt schon wie ein Damoklesschwert über mir.

Wie kommen Sie damit zurecht, nicht mehr als Gemeindepfarrer arbeiten zu dürfen?

Ich vermisse die Arbeit als Gemeindepfarrer. Ich habe mehr als 400 Beerdigungen gehalten, auch viele Hochzeiten und Taufen, und ich habe Seniorenbesuche gemacht. Da war ich immer mit dem Herzen dabei. Es ist eine Umstellung, jetzt nur noch Religionsunterricht zu geben. Aber es bedeutet auch, dass ich jetzt sechs Wochen lang richtig Ferien habe. Das hat man sonst als Pfarrer ja nie.

Wie nutzen Sie jetzt diese freie Zeit?

Ich fahre erst wieder nach Büchel zum Peace Camp. Da mache ich meine achte Dauermahnwache mit dem Kreuz. Dann geht es weiter nach London, wo sich vom 6. bis 9. August anlässlich der Gedenktage von Hiroshima und Nagasaki christliche Friedensaktivisten zur nuklearen Abrüstung treffen. Drittes Ziel ist Faslane in Schottland, ins ganzjährige Peace Camp der Friedensbewegung.

Würden Sie sich als mutigen
Menschen bezeichnen?

Ich bin kein Held und kein Heiliger, sondern mache einfach nur meine Arbeit. Ich habe eine Aufgabe zu erledigen. Das ist für mich selbst und andere manchmal anstrengend, aber es macht auch Sinn, und es macht glücklich.

Zur Person

Lebenslauf Rainer Schmid ist 1963 in Stuttgart geboren und aufgewachsen in Holzgerlingen. Nach Abitur und Zivildienst studierte er in Tübingen evangelische Theologie. Sein Vikariat absolvierte er in Reutlingen, seine erste Pfarrstelle hatte er in Metzingen. Weitere Stationen waren Hayingen, Friedrichshafen und Aalen/Ostalb. Seit Frühjahr 2017 ist er Pfarrer zur Dienstaushilfe beim evangelischen Schuldekan in den Kirchenbezirken Ulm und Blaubeuren: Er gibt an verschiedenen Schulen in Ulm, Blaustein und Blaubeuren Religionsunterricht, außerdem ist er an der evangelischen Medienstelle tätig. Schmid ist in zweiter Ehe verheiratet und hat vier Kinder im Alter von 12, 15, 18 und 28 Jahren.

Zur Serie

Mut Substantiv, maskulin: Fähigkeit, in einer gefährlichen, riskanten Situation seine Angst zu überwinden; Furchtlosigkeit angesichts einer Situation, in der man Angst haben könnte; grundsätzliche Bereitschaft, angesichts zu erwartender Nachteile etwas zu tun, was man für richtig hält – so definiert es der Duden.

Interviews In unserer Sommer-Interviewreihe wollen wir uns dem Thema „Mut“ von unterschiedlichen Seiten nähern: Es kommen unter anderem zu Wort: ein Extrembergsteiger, eine Herzchirurgin, eine Krankenschwester, die in Krisenregionen hilft.

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