Warum Kunst?“ – das fragt sich derzeit, groß plakatiert, das Museum Ulm. Davor aber, auf dem Marktplatz, stellte sich am Samstagnachmittag die Frage „warum Musik?“ wirklich nicht: Fröhlich, weltumarmend bekundeten der Ulmer Spatzen Chor und seine Gastchöre aus Köln, Luzern und Dresden „We are the world, wie are the children!“, dass einem das Herz aufging. Und alle Hände hoch und mitwippen! Mit seiner urholländischen Begeisterungsfähigkeit animierte Dirigent Hans de Gilde die Passanten. „Ihm würde es auch gelingen, alle Spieler der deutschen Mannschaft zum Mitsingen der Hymne zu bewegen“, kommentierte ein Zuhörer.

Stimmt. Aber der WM-Fußball, ja, der war an diesem Samstag das Handicap der Feierlichkeiten zum 60-jährigen Bestehen des Ulmer Spatzen Chors. Aber nicht für alle – und nicht wirklich. Das Congress Centrum war abends prall gefüllt, und Tobias Mehlich, der Vereinsvorsitzende, sagte in seiner Rede launig: „Es geht uns prima, weil wir unseren Meistertitel schon gewonnen haben und weil Sie hier sind und nicht vor dem Fernseher sitzen – und das hier ist live!“

Kontrastprogramm zur Fußball-WM

Es war ein großes, würdiges, auch ein fast vierstündiges Konzert, das die große Spatzenfamilie veranstaltete – parallel zum Vorrunden-Krimi der Deutschen gegen die Schweden. Aber auch der Oberbürgermeister Gunter Czisch, Peter Kulitz (als Knabe selbst ein Spatzen-Sänger) und andere Lokalprominenz zeigten Präsenz und waren im CCU bei der Musik.

Klar, dass im Publikum so mancher Zuhörer auch nervös aufs Smartphone schielte. Just als der Mädchenchor am Kölner Dom ein „Jubilate Deo“ anstimmte, fiel der deutsche Siegtreffer. Wie passend nach all den Stoßgebeten! Nein, im Einsteinsaal schrie kein Fußballfan auf. Dort ging es auch um kein Länderspiel, nicht um Sieger und Gewinner. Das war bewegend, berührend, als am Ende rund 350 Kinder und Jugendliche auf der Bühne standen und gemeinsam Oscar Petersons Friedenshymne und noch einmal „We Are The World“ anstimmten.

60 Jahre Ulmer Spatzen Chor – das bedeute, führte Tobias Mehlich aus, dass man „mehr als 1000 Spatzenrentner produziert habe“. Nur, das Singen hält jung: Welche musikalische Lebensbasis da begründet worden ist und wird, zeigte sich auch, als der „Ehemaligenchor“  ein am Nachmittag einstudiertes irisches Segenslied intonierte – nicht auf der Bühne, die Sängerinnen und Sänger standen einfach, flashmobmäßig, an ihrem Platz im Saal auf: „Bis wir uns wiedersehen . . .“ Wunderbar.

Die Spatzen, von Hans de Gilde seit 20 Jahren so leidenschaftlich wie erfolgreich geleitet, bestritten den ersten Teil des Konzerts,  begleitet von Barbara Comes am Klavier und auch Peter Gruber (Schlagzeug) und Ulrich Kuhn (Kontrabass). Der Vorchor eröffnete putzig den Abend, dann folgten der Kinder- und der Jugendchor, der in Freiburg beim Deutschen Chorwettbewerb den 1. Preis geholt hatte – und aus seinem Programm umjubelt das emotionale „Tonight“ aus der „West Side Story“ sang.

Was in diesem Jubiläumskonzert besonders beeindruckte: dass die Spatzen sich nicht nur selbst berauschend feierten, sondern hochklassige Gäste eingeladen hatten. Und dass nicht einfach nur ein Best-of-Programm erklang, sondern auch eine Uraufführung mit Anspruch: Musik unserer Zeit, immer neu, wie ein sich immer neu im Wechsel sich finden müssender Kinder- und Jugendchor.

Konzert mit Freunden

Der Belgier Kurt Bikkembergs (Jahrgang 1963 und unbeschwert sich in kurzen Hosen verbeugend) hatte Gedichte Rose Ausländers sehr deklamatorisch, eher schlicht modern und sprechend vertont: „Preise die kühlende Liebe der Luft“. Alle Chöre sangen gemeinsam den 4. Teil: „Vergesst nicht/ es ist unsre gemeinsame Welt . . .“ Und im Ohr blieb das Wort „Freunde“.

Diese Freunde brachten viele Gastgeschenke mit, demonstrierten, auf welch hohem Niveau auch andernorts gesungen wird: Der Mädchenchor Luzern unter Eberhard Rex beeindruckte mit feinen Solo-Stimmen und schwyzerdütschen Liedern,  der von Gunter Berger dirigierte Philharmonische Kinderchor Dresden glänzte mit profunder Klangkultur. Der Mädchenchor am Kölner Dom unter Oliver Sperling meisterte ein sehr anspruchsvolles Programm, darunter Arvo Pärts „Peace Upon You, Jerusalem“, das Pflichtstück des Deutschen Chorwettbewerbs 2010.

„Sooo ein schöner Tag!“, hatten die Kleinsten der Spatzen schon morgens werbend auf einer Konzertbühne in der Hirschstraße behauptet: So war es.