Interview Experte: „Raser überschätzen ihre eigenen Fähigkeiten“

Ulm / PETRA LAIBLE 14.10.2017
Fast jeder kennt das ungläubige Erschrecken, wenn ein Raser vorbeischießt. Warum manche Gefallen daran finden, Gas zu geben, erklärt Prof. Martin Baumann.

Fast jeder kennt das ungläubige Erschrecken, wenn ein Raser vorbeischießt. Warum manche Gefallen daran finden, Gas zu geben, und nicht in erster Linie die Gefahr sehen, ist ein Thema unseres Interviews mit Martin Baumann, Professor für Human Factors am Institut für Psychologie und Pädagogik an der Uni Ulm. Anlass: drei schwere Unfälle in der Region in einer Woche, an allen waren getunte Fahrzeuge beteiligt.

Gibt es den typischen Raser, der verunfallt?

Prof. Martin Baumann: Die Unfallstatistiken zeigen, dass er männlich und jung ist. Diese Gruppe ist deutlich überrepräsentiert.

Haben Sie dafür eine Erklärung?

Baumann: Wenn man sich die Anhänger von Formel 1 und anderem Geschwindigkeitssport ansieht, findet man eine ganz ähnliche Gruppe: Es sind in der Regel junge Männer. Diese spielen Videospiele und finden Motorsport attraktiv, da gibt es vielleicht ein gewisses Muster. Bestimmte Mechanismen, die junge Männer zum Rasen verleiten, sind bei Frauen möglicherweise nicht so wirksam.

Warum wird gerast?

Es gibt Modelle, die sagen, dass wir ein gewisses Risikoverhalten akzeptieren. Möglicherweise wollen manche die Grenze auch suchen. So führte die Ausstattung von Autos mit einem ABS (Anti-Blockier-System) dazu, dass die Leute schneller gefahren sind, sie haben ihr Verhalten entsprechend angepasst. Oder das ESP (Elektronisches Stabilitätsprogramm), das Fahrfehler ausgleichen kann. Zum Teil bekommen die Fahrer gar nicht mehr die Rückmeldung: Eigentlich wärst du aus der Kurve geflogen, aber das Fahrzeug hat dich gerettet. Dieses mangelnde Feedback kann Lernen verhindern und dazu führen, dass Autofahrer an Situationen herankommen, die für sie nicht mehr beherrschbar sind. Stabilitätssysteme verhindern aber auch eine ganze Reihe von Unfällen.

Wie ticken Raser?

Die Raser überschätzen ihre eigenen Fähigkeiten. Sie denken nicht daran, dass die Anforderungen in Verkehrssituationen größer sein können als ihr Erfahrungsschatz. Im Schnitt braucht es zehn Jahre, um auf einem Gebiet als Experte zu gelten. Überträgt man das auf das Fahrverhalten, dann können Autofahrer im Alter von 20 bis 25 Jahren diese Erfahrung nicht haben. Es ist aber elementar wichtig, die Situationen richtig einzuschätzen.

Ist diesen Autofahrern die Gefahr also gar nicht bewusst?

Wenn jemand sehr schnell fährt, geht das gut, solange nichts Überraschendes geschieht, die Straße zum Beispiel griffig ist oder kein Gegenverkehr kommt. Wenn der Fahrer Normalsituationen beherrscht, ist es einfach für ihn, daraus die Idee zu entwickeln, das Fahrzeug in allen Situationen zu beherrschen. Er glaubt, die Gefahr im Griff zu haben. Ich denke nicht, dass Leute, die so fahren, daran denken, dass sie verunfallen oder sterben könnten.

Wann wird es kritisch?

Kommt es zu einer unerwarteten Verkehrssituation, wird es gefährlich. Aquaplaning zum Beispiel oder Schleudersituationen treten nicht so häufig auf, dass man aus eigener Erfahrung lernen kann, damit umzugehen. Dafür braucht es ein spezielles Fahrtraining. Ist das schnelle Auto dazu geleast, hat der Fahrer noch weniger Erfahrung mit dem hochdynamischen Fahrzeug.

Dann geschieht ein Unfall?

Statistisch betrachtet sind Unfälle sehr seltene Ereignisse. Man sagt, dass man in Deutschland 1,46 Millionen Kilometer fahren muss, bevor es zu einem Unfall kommt. Eine Menge muss zusammenkommen, damit sich ein Unfall ereignet. Manchmal macht jemand einen Fehler und dieser  wird durch andere Verkehrsteilnehmer ausgeglichen.

Ist autonomes Fahren die Lösung?

Autofahren ist nicht für alle nur ein Transport von A nach B, sondern etwas sehr Emotionales. Auf dieses Erlebnis zielt die Werbung ab. Das Tuning von Autos hat eben diese Komponente: Ästhetik, Emotionen. Diese Fahrer werden vermutlich selbstfahrende Autos nicht attraktiv finden. Wenn sie viel Geld in die Hand nehmen, werden sie sich dafür wohl eher einen Ferrari kaufen. Eine flächendeckende Einführung von autonomen Fahrzeugen steht in weiter Ferne:  aber sicher werden diese nicht rasen.

Zur Person

Karriere Der Psychologe Martin Baumann (47) hat seit Februar 2014 die Professur für Human Factors am Institut für Psychologie und Pädagogik an der Uni Ulm inne. Der gebürtige Regensburger dissertierte über die Funktion des Arbeitsgedächtnisses, forschte an der Bundesanstalt für Straßenwesen und am Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt in Braunschweig.

Projekt Baumann arbeitet an einem Projekt für automatisiertes Fahren, in einer interdisziplinären Gruppe mit Prof. Klaus Dietmayer vom Institut für Mess-, Regel- und Mikrotechnik.

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