Loriot hatte recht: Früher war mehr Lametta. Das heißt allerdings nicht, dass sich auf und unterm Christbaum alles zum Besseren gewendet hat. Neuerdings sind statt Leichtmetall- Kunststoffgirlanden schwer in Mode. Schlecht für die Weltmeere.

Verpackungswahn, Konsumrausch und nach den Festtagen rein ins Auto und rauf auf die Skipiste: Darf man heutzutage überhaupt noch unbeschwert schenken, mampfen, feiern, reisen? Ja, sagt Nachhaltigkeitsprofessor Martin Müller. Auch, weil Traditionen in unserer schnelllebigen Gesellschaft umso wichtiger sind. Nur: Ein paar Regeln sollte man schon beachten.

Weihnachten ist das Konsumfest schlechthin. Unter Nachhaltigkeitsaspekten kann man da sicher jede Menge falsch machen?

Prof. Martin Müller: Ich bin kein Fan der Moralisierung von Konsum.

Warum nicht?

Weil der Konsument die Welt nicht retten kann. Wer allein darauf setzt, Menschen freiwillig über Art und Umfang ihres Verbrauchs entscheiden zu lassen – wie es die Politik heute leider noch viel zu stark tut – macht es sich zu leicht. 80 Prozent der Leute erreicht man damit nicht.  Ein Gesetz, das etwa durch Steuern CO2 verteuern würde, wäre fairer. Das trifft alle, keiner kann sich rausziehen. Ich denke, als Bürger kann man in seiner Verantwortung für die Umwelt auf dem Wahlzettel mehr erreichen als an der Ladentheke.

„Es gibt drei Richtlinien“

Dann können wir es ja richtig krachen lassen unterm Christbaum.

Das auch nicht. Es gibt drei Richtlinien, die man schon beachten sollte.

Welche?

Erstens: nur das schenken, was gebraucht wird. Viele Präsente werden aus Gedankenlosigkeit oder schlechtem Gewissen heraus gekauft. Das ist dann meistens irgend ein Tinnef, der schnell in der Ecke landet. Zweitens: Wenn man schon schenkt, dann etwas Wertiges, das lange hält. Alles, was dauerhaft nutzbar oder vom Design her zeitlos ist, ist im Prinzip nachhaltig. Sämtliche Ökobilanzen zeigen: Die Länge der Nutzung schlägt jede Neuanschaffung, selbst wenn es sich bei dieser um ein deutlich effizienteres Gerät mit Öko-Siegel handeln sollte.

Gute Qualität ist in der Regel teuer.

Dann schenkt man eben weniger – aber dafür mit Bedacht.

Drittens?

Mit Empathie schenken. Nicht von seinen eigenen Bedürfnissen ausgehen, sondern sich auf den anderen einlassen. Und wenn einem partout nichts einfällt, dann kann man immer noch seine Zeit anbieten, zum Beispiel nett gemeinsam was kochen oder einen Ausflug machen.

„Der Kunststoffbaum aus China hat bereits nach vier Weihnachtsfesten eine bessere Ökobilanz“

Was, wenn das Kind unbedingt eine Ritterburg aus Plastik will?

Dann auf keinen Fall die sozial-ökologische Holzvariante schenken, das weiß ich aus eigener Erfahrung als Familienvater. Das Kind ist unglücklich und quengelt, das Holzding steht in der Ecke und schließlich kauft man doch noch die Plastikburg. Pragmatismus schlägt Ideologie. Man will ja nicht den Familienfrieden aufs Spiel setzen.

Wie halten wir’s mit dem Weihnachtsbaum?

Die günstigen Bäume kommen in ihrer großen Mehrheit aus Dänemark. Die müssen über tausend Kilometer hierher gekarrt werden. Das ist natürlich schlecht fürs Klima. Viel besser ist es, zu einem der Anbieter in der Region zu gehen und den Baum selbst zu schlagen. Auch wenn das etwas teurer ist als ein Baum vom Discounter.

Ist es vertretbar, ein Nadelgewächs abzuholzen, nur um es sich für zwei Wochen ins Zimmer zu stellen?

Ehrlicherweise muss man sagen: Der Kunststoffbaum aus China hat bereits nach vier Weihnachtsfesten eine bessere Ökobilanz als ein frisch geschlagener Baum.

Das spricht für den Plastikbaum.

Ich möchte keinen. Der Duft und das Gesamterlebnis sind bei einem echten Baum schon etwas Besonderes. Ich halte Traditionen für wichtig, gerade in Zeiten eines sich ständig beschleunigenden Lebens stellen sie einen Anker dar. Meine Familie würde mir auch aufs Dach steigen . . .

„Wir werden immer stärker manipulierbar“

 Auch beim Essen kann man sündigen.

Wie beim Baum gilt: regional einkaufen schont die Umwelt. Muss es unbedingt die polnische Mastgans sein? Wir haben hier eine wunderbare schwäbische Küche.

Für viele gehört der Skiurlaub nach den Festtagen dazu. Darf man heute noch auf die Piste, ohne ein schlechtes Gewissen haben zu müssen?

In Zukunft wird man immer weitere Distanzen zurücklegen müssen, weil es schlichtweg weniger Schnee gibt. Das merken wir jetzt schon. Kunstschnee ist keine Alternative, sondern ökologisch ganz übel. Da geht viel Energie rein, die letztlich zur weiteren Klimaerwärmung  führt.

Wenn freiwilliger Konsumverzicht keine Lösung ist und die Politik nicht den Mut aufbringt, für schärfere Gesetze zu sorgen, wer soll es denn dann richten?

Ich setze auf die gesellschaftliche Dynamik. Unsere Individualisierungstendenzen werden durch die Digitalisierung an gewisse Grenzen stoßen.

Wie meinen Sie das?

Big Data liest uns immer mehr aus. Man weiß, was die Leute lesen, einkaufen, wohin sie fahren, wie es um ihren Gesundheitszustand bestellt ist. Wir werden dadurch immer stärker manipulierbar. Das heißt: Die Digitalisierung wird unser liberales Modell vom selbstbestimmten Individuum Schritt für Schritt entzaubern.

Mit welchen Folgen?

Ich glaube, dass das bei uns einen Prozess in Gang setzen wird, da bin ich optimistisch. Um unsere Autonomie wieder zurückzuerlangen, braucht es  zunächst eine Rückbesinnung auf die Frage: Was macht ein gutes Leben aus? Das könnte der Start zu einer Gegenbewegung zur Konsumgesellschaft sein, die einem vorgaukelt, dass allein Kaufen glücklich macht. Das ist zumindest meine Hoffnung.

Wie feiern Sie Weihnachten?

Mit der Familie. Ganz Klassisch. Wir Erwachsenen schenken uns nichts. Mein fünfjähriger Sohn  hat sich einen Webrahmen gewünscht, weil er im Kindergarten so gerne gewebt hat. Unsere Tochter kann schon lesen. Deshalb verrate ich hier mal lieber nicht, was sie bekommt.

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Zur Person: Prof. Martin Müller


Engagement Martin Müller ist Vorsitzender des Ulmer Initiativkreises nachhaltige Wirtschaftsentwicklung (UNW). Müller, 1969 in Epstein/Hessen geboren, studierte nach Abitur und Zivildienst Betriebswirtschaftslehre in Frankfurt. Im Jahr 2000 promovierte er an der Uni Halle-Wittenberg, Habilitation 2004 an der Uni Oldenburg. Seit 2008 ist er an der Universität Ulm Stiftungsprofessor für Nachhaltiges Wirtschaften und seit 2015 Leiter des Instituts für Nachhaltige Unternehmensführung. Seine Forschungsgebiete: nachhaltige Entwicklung, nachhaltiges Wirtschaften und nachhaltige Mobilität.